Statusbericht Bioraffinerie

Wann kommt die integrierte Bioraffinerie?

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Interview mit Dr. Kurt Wagemann: "Bioraffinerien – keine Spielwiese für Utopisten"

Wie stehen die Chancen für Bioraffinerien in Deutschland? Für den neuen DECHEMA-Geschäftsführer, Dr. Kurt Wagemann, steht außer Zweifel, dass sich Bioraffinerie-Konzepte der Frage nach ausreichender Ökonomie stellen müssen.

PROCESS: Herr Dr. Wagemann, welche Bioraffineriekonzepte haben die größten Umsetzungs- bzw. Marktchancen?

Dr. Wagemann: Fragen Sie mich nach meinem eigenen Favorit, dann ist das die Lignozellulose-Bioraffinerie. Wir haben hier den entscheidenden Vorteil, nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion zur stehen. Außerdem verfügen wir hier in Deutschland über ein hohes Maß an Know-how, das es zu bündeln gilt. Die Dechema war über die letzten Jahre verantwortlich für ein großes Bioraffinerie-Verbundprojekt an dem insgesamt 15 Partner beteiligt waren und das jetzt in eine zweite Phase geht, in der eine Pilotanlage erstellt wird. Wichtiges Ziel war nicht nur der Beweis der technischen Machbarkeit, sondern auch die begleitende ökonomische Bewertung, die zeigt, dass wir bei den heutigen Rohstoffkosten wirtschaftlich sinnvoll Produkte generieren können.

Was nämlich häufig vergessen wird bei den diversen Bioraffineriekonzepten: Das Ganze muss sich ökonomisch rechnen, die Preise für nachwachsende Rohstoffe sind volatil und wir stellen tendenziell eine Verknappung fest. Sogar bei unserem Favoriten, dem Holz, sieht man das. Die Rohstoffpotenziale sind nun einmal begrenzt.

PROCESS: ... weil es konkurrierende Verwendungsgebiete gibt.

Dr. Wagemann: Ja, die Verfügbarkeit ist einfach limitiert. Bioraffinerien haben das prinzipielle Problem, dass sie eines Rohstoffs bedürfen, der auch für die energetische Nutzung eingesetzt wird. Letztlich können Bioraffinerien nur funktionieren, wenn entsprechend hochpreisige Produkte generiert werden.

PROCESS: Glauben Sie, dass die politischen Rahmenbedingungen derzeit reif sind, um solche Bioraffineriekonzepte schneller voranzutreiben?

Dr. Wagemann: Die Politik ist mehr als reif. Sie ist fast fordernd. Jeder Politiker würde gerne eine Bioraffinerie bauen lassen und Fördermittel dafür zur Verfügung stellen – sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene. Die große Frage ist letztlich, ob sich eine Bioraffinerie ohne Subvention betreiben lässt. Wir sind prinzipiell für die Förderung neuer Technologieentwicklungen. Allerdings müssen sich diese nach einer Anschubphase am Ende wirtschaftlich darstellen lassen und ohne Subventionen auskommen. Hier sind wie einer Meinung mit dem VCI. Im Energiesektor sehen wir deshalb momentan durch das Energieeinspeisegesetz und ähnliche Maßnahmen eine Verzerrung des Wettbewerbs, die es schwer macht, nachwachsende Rohstoffe für eine andere als für eine energetische Nutzung einzusetzen.

PROCESS: Die USA forcieren zurzeit den Einsatz von Biomasse sehr stark und fördern die Vernetzung von Landwirtschaft, Industrie und Wissenschaft, um den Einstieg in die Biomassewirtschaft einzuleiten. Wo steht Deutschland oder Europa im Vergleich dazu?

Dr. Wagemann: Von politischer Seite ist durch den Biomasseaktionsplan der Bundesregierung sicher ein wesentlicher Schritt getan. Was wir nur immer wieder anmerken müssen ist die Tatsache, dass Biomasse begrenzt ist. Wir dürfen nicht glauben, dass wir am Ende auf der begrenzten Landfläche, die in Deutschland, in Europa aber auch weltweit zur Verfügung steht, alle Bedürfnisse decken können. Die Nahrungsmittelversorgung hat absolute Priorität. Die Idee, Biomasse darüber hinaus auch noch als Quelle für die Energieversorgung, insbesondere die Kraftstoffversorgung nutzen zu können und dann noch Kohlenstoff für die Stoffströme der Chemieindustrie in entsprechenden Größenordnungen herausholen zu können, ist eine Utopie.

PROCESS: ...und warum dann dieser massive Entwicklungsdruck in den USA?

Dr. Wagemann: Der starke Fokus in den USA auf Biomasse wird zweifellos durch Autarkiebestrebungen getrieben, die darauf abzielen, sich weltweit energetisch unabhängiger zu machen. Außerdem ist das Flächenangebot natürlich ein anderes als in Deutschland. Aber man darf schon Zweifel hegen, ob die Ziele diverser Förderprogramme, aber vor allem die Versprechungen einiger Start-up-Firmen wirklich realitätsnah sind. Ich glaube, dass wir hier in Deutschland – und das sieht man auch bei den Diskussionen in unseren eigenen Veranstaltungen – doch eine etwas realistischere Sichtweise haben.

PROCESS: Welchen realistischen Zeithorizont sehen Sie für eine Nutzung von Bioraffinerien im Produktionsmaßstab?

Dr. Wagemann: So rasch, wie man es sich erhoffen würde, funktioniert die Umsetzung von vorhandenen Grundlagenerkenntnissen zu einem in kleinem Maßstab realisierten Konzept über eine Pilotanlage bis hin zu einer Großproduktion im mehr als 100 000 Tonnen-Maßstab nicht. Das Zeitfenster vom Konzept bis zur Umsetzung ist sicher größer als fünf bis zehn Jahre. Ich bin sehr froh, dass am Standort Leuna jetzt eine Situation geschaffen wurde, wo verschiedene Konzepte unter realistischen Bedingungen im mittleren Maßstab ausgetestet werden können. Am Ende ist aber trotzdem noch nicht schlüssig bewiesen, dass es danach hier in Deutschland zu einer Umsetzung im kommerziellen Maßstab kommen wird. Wir haben zwar hier und dort Stoffströme, die im Prinzip noch nutzbar sind. Aber insgesamt ist das Potenzial eingeschränkt und die erwähnte Nutzungskonkurrenz, aber auch die Randbedingungen des Naturschutzes lassen die Potenziale (Bäume) nicht beliebig in den Himmel wachsen.

Das Interview führte Gerd Kielburger.

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