Lagebericht der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau Großanlagenbau: Trotz drohendem Handelskrieg überwiegt der Optimismus

Von Anke Geipel-Kern 4 min Lesedauer

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Dekarbonisierung und Nachhaltigkeit sind die wichtigsten Treiber für die Nachfrage im Großanlagenbau. Der US-Markt bleibt ein wichtiger Absatzmarkt. Doch die amerikanische Zollpolitik schürt Unsicherheit. Warum die deutschen Großanlagenbauer dennoch Grund zum Optimismus sehen?

Jürgen Nowicki ist Sprecher des AGAB und CEO von Linde Engineering(Bild:  CHRIS TILLE)
Jürgen Nowicki ist Sprecher des AGAB und CEO von Linde Engineering
(Bild: CHRIS TILLE)

Noch haben die Wirren der Zollpolitik des amerikanischen Präsidenten die Mitgliedsunternehmen der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau nicht erreicht. Doch am Tag nach der Verkündigung war das sozusagen der Elefant im Raum, als Jürgen Nowicki, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft den Lagebericht des Jahres 2024 vorstellte. Von einem erfolgreichen Jahr sprach Nowicki. Die Mitglieder konnten die Rekordzahlen von 2023 noch einmal toppen: Großprojekte im Energiesektor sowie aus den metallurgischen und chemischen Industrien verschafften den Mitgliedern ein Plus von 25,0 Milliarden Euro bei den Auftragseingängen, 1,4 Prozent mehr als 2023.

Nachfrage im Ausland steigt

Im Jahr 2024 beliefen sich die Bestellungen aus Deutschland auf 6,0 Milliarden Euro (2023: 9,6 Milliarden Euro). Der Fokus lag auf Anlagen zur Energieerzeugung und zur CO₂-freien Stahlproduktion sowie auf Systemen für die Übertragung und Verteilung von Strom, die zusammen 85 Prozent der Aufträge aus Deutschland ausmachten. Die Auslands-Auftragseingänge stiegen 2024 um 26 Prozent auf 19,0 Milliarden Euro (2023: 15,1 Milliarden Euro). Besonders erfolgreich waren die VDMA-Großanlagenbauer in Westeuropa und Nordamerika. Die USA waren der wichtigste Absatzmarkt weltweit mit Bestellungen von 1,8 Milliarden Euro (2023: 2,4 Milliarden Euro). Hohe Zuwächse gab es ferner im Mittleren Osten und in Afrika, während die Nachfrage in China auf einen langjährigen Tiefststand fiel.

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Durchwachsen ist der Chemiemarkt. Zwar sind die Auftragseingänge im Chemieanlagenbau in 2024 mit 2,39 Milliarden Euro nur wenig gegenüber 2023 zurückgegangen (2023: 2,54 Milliarden Euro; 2022: 2,55 Milliarden Euro). Doch der Chemieanlagenbau in Deutschland sei enttäuschend, betonte Nowicki. 2023 gab es im Inland kaum Neuaufträge, vielmehr wurden in Deutschland Anlagen vereinzelt geschlossen und Geschäftsfelder aufgegeben. Im Ausland hat sich die Lage in einigen Regionen spürbar verbessert, nicht zuletzt aufgrund von Förderprogrammen wie etwa dem Inflation Reduction Act (IRA). Insgesamt blieb das Auftragsvolumen im VDMA-Chemieanlagenbau nahezu stabil: Nach 2,54 Milliarden Euro im Jahr 2022 lagen die Bestellungen 2023 bei 2,48 Milliarden Euro.

Was bedeutet die amerikanische Zollpolitik

Traditionell sind die USA wichtiger Markt für die Großanlagenbauer. Inwieweit die Folgen der Zollpolitik auch die Großanlagenbauer treffen, sei schwer abzuschätzen, sagte Nowicki. Für die Kunden der mehrere Jahre laufenden Großprojekte, seien die Zölle ein Drama, da sich dadurch die Beschaffungskosten für das Anlagenequipment deutlich erhöhen würden. Auf jeden Fall sei ein unsicheres wirtschaftliches Klima Gift für Investitionen. Man versuche aber sich bietende Chancen zu nutzen.

Innerhalb Europas bleiben die Länder der iberischen Halbinsel und Skandinaviens wichtige Lieferanten nachhaltiger Energieträger, folglich gibt es dort einen erhöhten Bedarf an Anlagen, etwa zur Herstellung von grünem Ammoniak und Methanol. In Nordafrika kündigen sich erste Projekte zum Bau von Anlagen zur Herstellung von grünem Wasserstoff an, der über ein 3.250 Kilometer langes Pipelinesystem, den „Südlichen Wasserstoffkorridor“, von Sizilien bis nach Deutschland transportiert werden soll. Das Projekt zielt darauf ab, das enorme Potenzial Nordafrikas für erneuerbare Energien für Abnehmer in der EU nutzbar zu machen. Mehr Informationen zu diesem Vorhaben gibt es hier: BMWK - Gemeinsame politische Absichtserklärung von fünf Ländern zur Entwicklung des südlichen Wasserstoffkorridors in Rom unterzeichnet.

Wasserstoffprojekte: Blau und grün

Im Mittleren Osten, insbesondere in Katar und Saudi-Arabien, herrscht eine intensive Projekttätigkeit. Dort dominieren blaue Projekte, bei denen das entstehende CO2 abgeschieden und gespeichert wird (CCU/CCS) – ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zur Klimaneutralität. Im Gegensatz dazu setzen Kunden in den USA, etwa im Düngemittelsektor, überwiegend auf traditionelle Verfahren auf Basis von Erdgas. Aufgrund der wirtschaftspolitischen Volatilität unter der neuen US-Regierung verzögern sich jedoch viele Investitionsentscheidungen – eine Entwicklung, die auch den VDMA-Chemieanlagenbau spürt, für den die USA 2023 noch der wichtigste Absatzmarkt weltweit waren. In Australien ist die Umsetzung mehrerer grüner Projekte ins Stocken geraten, da notwendige Fördermittel bislang nicht bewilligt wurden. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass private Investoren einspringen und so den Ausbau nachhaltiger Technologien ermöglichen.

Sauber ist immer noch teurer

Grundsätzlich steht die Nachhaltigkeitstransformation derzeit vor erheblichen Herausforderungen: Grüne Produkte – etwa grüner Wasserstoff und seine Derivate – sind preislich gegenüber konventionellen Alternativen noch nicht wettbewerbsfähig, was die Etablierung eines entsprechenden Marktes erschwert. Dennoch scheint der Umbau von Industrie und Energieversorgung zu mehr Nachhaltigkeit und geringeren CO2-Emissionen unumkehrbar zu sein. Auch die chemische Industrie hat sich auf diesen Wandel eingestellt und investiert in moderne Anlagen. Transformations-Projekte im Chemieanlagenbau werden dabei anhand strenger Kriterien bewertet – staatliche Fördermaßnahmen, eine stetige und preisgünstige Versorgung mit grünem Strom und passgenaue Energie-Speicherkonzepte spielen eine entscheidende Rolle. Regionen mit großem Potenzial für erneuerbare Energien, etwa Skandinavien, Nordafrika und der Mittlere Osten, können in diesem Zusammenhang mit Standortvorteilen punkten und bieten gute Voraussetzungen für die Projekte des Chemieanlagenbaus.

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