Biokraftstoffe besser als ihr Ruf? Solar alleine wird es nicht richten: Deutschland braucht Biosprit, sagt die Branche

Von Dominik Stephan

Biokraftstoffe haben es nicht leicht: Trotz der Diskussion um die Abkehr von fossilen Roh- und Brennstoffen steht der Ackersprit unter Verdacht, zum Hunger in der Welt beizutragen und zudem gar nicht besonders umweltfreundlich zu sein. Zu Unrecht, meint die Biokraftstoff-Branche – und geht mit der Kritik hart ins Gericht: Alleine Solarenergie würde nicht reichen, um einen klimafreundlichen Fahrzeugbestand anzutreiben.

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Der Biokraftstoffverbrauch: Nach Ansicht von Experten werden nachhaltige heimische Biokraftstoffe auch in den kommenden Jahrzehnten eine tragende Rolle bei der Defossilisierung des Straßenverkehrs spielen.
Der Biokraftstoffverbrauch: Nach Ansicht von Experten werden nachhaltige heimische Biokraftstoffe auch in den kommenden Jahrzehnten eine tragende Rolle bei der Defossilisierung des Straßenverkehrs spielen.
(Bild: BDBe)

Insbesondere die Pauschal-Kritik der umstrittenen Deutschen Umwelthilfe (DUH) wollen die Biokraftstoff-Verbände nicht gelten lassen: Einfach Biokraftstoffe verschwinden zu lassen, helfe dem klima nicht, das Gegenrechnen mit Aufforstung sei eine Milchmädchenrechnung und ein klimafreundlicher Fahrzeugbestand von mehr als 55 Millionen Fahrzeugen nicht allein mit Solarstrom zu erreichen. Tatsächlich würden nachhaltige heimische Biokraftstoffe aus Anbaubiomasse und aus Reststoffen auch in den kommenden Jahrzehnten eine tragende Rolle bei der Defossilisierung des Straßenverkehrs spielen und Energieversorgungssicherheit sicherstellen, so – wenig überraschend – die Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen (UFOP) und der Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft (BDBe).

Nachhaltige heimische Biokraftstoffe aus Anbaubiomasse und aus Reststoffen würden auch in den kommenden Jahrzehnten eine tragende Rolle bei der Defossilisierung des Straßenverkehrs spielen und Energieversorgungssicherheit sicherstellen, so die Prognose der Branche. Die Renaturierung der aktuell für den Anbau der Rohstoffe für die Produktion von Biokraftstoffen genutzten Fläche, sieht die Branche kritisch.

So bliebe die DUH die Antwort schuldig, wie die Einsparung klimaschädlicher Treibhausgase kurzfristig kompensiert werden soll, wenn nachhaltige Biokraftstoffe nicht mehr eingesetzt werden. Autos, die heute teilweise mit nachhaltigen Biokraftstoffen mit einer durchschnittlichen THG-Einsparung von über 90 % betankt werden, verschwinden nicht einfach von Deutschlands Straßen, wenn Biokraftstoffe vom Markt genommen werden.

Solarenergie könnte nicht reichen

Hier entstünden bei Nichterfüllung der im Bundes-Klimaschutzgesetz vorgesehenen Minderungsvorgaben tatsächlich Opportunitätskosten, weil die Bundesregierung gezwungen wäre, aus Steuermitteln Emissionsrechte von anderen Mitgliedsstaaten zu kaufen. Die derzeit im Verkehrssektor verbrauchte Energie besteht zu 92,5 Prozent aus fossilen Energieträgern. Lediglich 7,5 Prozent sind erneuerbar.

An den erneuerbaren Energien machen biomassebasierte flüssige und gasförmige Kraftstoffe rund 90 Prozent aus, bezogen auf den Straßenverkehr sogar über 98 Prozent. Bis zum Jahr 2030 werden Bioethanol, Biodiesel und Biomethan schätzungsweise rund 120 Millionen Tonnen Treibhausgase im Verkehr eingespart haben.

Auch der Vorschlag, zur Gewinnung der im Verkehr benötigten Energiemenge, wie sie die Biokraftstoffe bisher liefern, Solaranlagen zu installieren, findet bei den Bioenergie-Experten wenig Gnade: Die DUH ginge nicht darauf ein, welche Kosten der Aufbau einer derartig großen Kapazität an Solaranlagen verursacht oder wie die Finanzierung des Vorhabens gesichert werden soll.

Dabei fände weder der Verlust an Einkommen auf Seiten der Landwirte durch die alternative Nutzung des Grund und Bodens Berücksichtigung, noch die Kosten für die Umstellung der Fahrzeugbestandsflotte auf Elektromobilität.

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Und was ist mit der häufig zu hörenden Kritik, dass es mit der Nachhaltigkeit des Ackersprits nicht so weit her wäre? Tatsächlich haben sich auch die Biokraftstoffe in den letzten Jahren stark gewandelt. Die Produktion ist strengen Nachhaltigkeitsvorgaben unterworfen ist, die in den vergangenen 15 Jahren mehrfach verschärft wurden und mit dem Vorschlag der EU-Kommission zur Novellierung der Erneuerbare Energien Richtlinie (2018/2001/EG) noch ambitionierter werden:

  • Die bei der Biokraftstoff-Produktion verwendeten Rohstoffe (überwiegend Raps, Futtergetreide und Zucker) dürfen seit dem Jahr 2008 nur von Flächen stammen, die bereits zu diesem Zeitpunkt landwirtschaftlich genutzt waren. Waldrodungen oder das Trockenlegen biologisch wertvoller Flächen sind so ausgeschlossen.
  • Beim Anbau müssen die für die für die Landwirtschaft geltenden Anbauregeln zum Schutz von Gewässern, Boden und Biodiversität (EU Cross-Compliance-Vorschriften) eingehalten werden. Die EU-Kommission strebt hier eine nach Standorten angepasste Nutzungs- und Senkenstrategie an, die u.a. die Wiedervernässung von Moorstandorten und die Förderung der Anreicherung von Kohlenstoff im Boden vorsieht, der als zusätzlicher Beitrag zur Treibhausgasminderung auf Nahrungsmittel oder auch Biokraftstoffe angerechnet werden kann.
  • Landwirtschaftliche Rohstoffe, bei denen nach den geltenden EU-Bestimmungen ein hohes Risiko besteht, dass ihre Produktion den Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln verdrängt – zurzeit gilt dies für Palmöl – dürfen vom kommenden Jahr an nicht mehr verwendet werden.
  • Bei der Berechnung der Treibhausgaseinsparungen, zuletzt waren dies über 13 Millionen Tonnen CO2 im Jahr, werden sämtliche Emissionen, die mit dem Rohstoffanbau, dem Transport und der Verarbeitung von Biokraftstoffen verbunden sind, erfasst. Die mit Biokraftstoffen zu erreichenden Mindesteinsparungen gegenüber fossilen Kraftstoffen wurden in den letzten Jahren sukzessive erhöht.
  • Die Nutzung von Biokraftstoffen aus Anbaubiomasse ist gesetzlich gedeckelt, weil die Anrechnungsvorgaben der entsprechenden Treibhausgasminderungsquote eine Obergrenze vorsehen, ohne eine Beimischungsverpflichtung vorzugeben, wie die DUH fälschlicherweise behauptet.

Die bei der Biokraftstoff-Produktion verwendeten Rohstoffe, hierzulande überwiegend Raps, Futtergetreide und Zucker, dürfen seit dem Jahr 2008 nachweisbar nur von Flächen stammen, die bereits zu diesem Zeitpunkt landwirtschaftlich genutzt waren.
Die bei der Biokraftstoff-Produktion verwendeten Rohstoffe, hierzulande überwiegend Raps, Futtergetreide und Zucker, dürfen seit dem Jahr 2008 nachweisbar nur von Flächen stammen, die bereits zu diesem Zeitpunkt landwirtschaftlich genutzt waren.
(Bild: BDBe)

Auch bei einem ambitionierten Markthochlauf der Elektromobilität muss davon ausgegangen werden, dass im Jahr 2030 noch mehr als 30 Millionen Pkw und nahezu sämtliche Nutzfahrzeuge mit einem Verbrennungsmotor ausgestattet sind. Auch diese müssen aber einen Beitrag zur Defossilisierung leisten, können mit Solar- und Windstrom aber nicht betrieben werden, wie es die DUH suggeriert.

Nachhaltige Biokraftstoffe auf Basis europäischer Agrarrohstoffe sind für die UFOP und den BDBe eine sofort verfügbare und für Verbraucherinnen und Verbraucher bezahlbare Alternative zu Benzin und Diesel. Ihre Produktion sichert Wertschöpfung und Arbeitsplätze im ländlichen Raum und trägt mit den gleichzeitig hergestellten Koppelprodukten, vor allem gentechnikfreie Proteinfuttermittel, dazu bei, Lebens- und Futtermittelimporte aus Drittstaaten zu reduzieren.

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