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Doch wie bei jedem Paradigmenwechsel gibt es auch auf dem Weg zur digitalen Anlage eine Vielzahl an größeren und kleineren Hindernissen, die erst aus dem Weg geräumt werden müssen. Wobei jeder der Referenten des ersten Digital Plant Kongresses den Stein des Anstoßes an anderer Stelle des Weges lokalisiert. Einig sind sich die Fachleute in den Engineeringabteilungen bei der Tatsache, dass die bisher gängigen Methoden des Concurrent Engineering langsam an ihre Grenzen stoßen.
Wo ist noch Optimierung möglich?
„Die lokale digitale Dividende ist ausgeschöpft“, formuliert Keynote-Sprecher Prof. Dr.-Ing. Leon Urbas, der an der TU Dresden eine Professur für Prozessleittechnik inne hat. Soll heißen, die Digitalisierung der Werkzeuge hat die Arbeitsprozesse innerhalb der Gewerke derart beschleunigt, dass an dieser Stelle keine Optimierung mehr möglich ist. Der nächste Schritt muss nach Urbas´ Ansicht daher sein, die Gewerke zu parallelisieren und die Dateninteroperabilität zwischen Gewerken und Werkzeugen herzustellen. Dabei favorisiert er drei Lösungsansätze, eine zentrale Datenbank und verteilte Werkzeuge, eine integrierte Software sowie verteilte Datenbanken.
Wie integrierte Software zumindest die Schnittstelle zwischen Leitsystem-Engineering und verfahrenstechnischer Planung überbrücken kann, dafür gibt es zwei Beispiele, die Thema der Sessions des zweiten Tages waren. Wilfried Kleiser, Senior Engineer Process Industries bei Siemens, verweist auf die neugeschaffene Schnittstelle Automation Interface, die Comos mit PCS Simatic verbindet und damit quasi per Knopfdruck die Erstellung der Leitstellen-Software ermöglicht und dem Betreiber dem Ziel eines digitalen Engineerings einen Schritt näher bringt.
Einen weiteren integrierten Ansatz mit Engineering Base im Zentrum stellt Martin Imbusch, Leiter Service Center bei Aucotec, vor. Da vom R&I-Schema bis zur Detailplanung des Leitsystems alle Informationen eng miteinander verwoben sind, profitieren vom Aucotec-Ansatz alle Betreiber und Planer prozess- und leittechnischer Anlagen, die hochgradig vernetzte Engineering-Daten erstellen, pflegen und dabei die aktuelle Dokumentation in Übereinstimmung mit der realen Anlage halten müssen.
Doch trotz solcher vielversprechender Ansätze klemmt es beim gewerkeübergreifenden Datenaustausch nach wie vor. Das liegt einerseits daran, dass es in den Unternehmen historisch gewachsene Insellösungen gibt und laut Kussi auch die Hersteller oft keine wirkliche Hilfe seien: „Out of the box kommt wenig“ und auch der Austausch über Tool- grenzen hinweg werde kaum unterstützt.
Zum anderen moniert er aber auch, dass z.B. die Arbeitsprozesse in den Chemieunternehmen nicht klar definiert sind. Er favorisiert daher ebenso wie Carsten Gerke, Senior Sales Director Bentley Plant EMEA, ISO 15926 als Basis für die Dateninteroperabilität. Über die Frage ob der ISO-Standard als eine Art Esperanto zwischen den Werkzeugen fungieren kann, wird jedoch momentan viel diskutiert.
Fazit: Digital Plant kommt jetzt auch in der Prozessindustrie an, das zeigen die auf dem Kongress vorgestellten Projekte. Die Diskussionen verdeutlichen aber auch, dass der Weg zur digitalen Anlage vor allem ein Change-Prozess ist, der neue Workflows benötigt und Mitarbeiter, die sich auf diese Veränderungen einlassen und bereit sind, diese voranzutreiben. ●
* Die Autorin ist Redakteurin der PROCESS.
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