Dichtungen Dicht – oder nicht? Was bedeutet das drohende PFAS-Verbot für Dichtungen?

Von Dominik Stephan 3 min Lesedauer

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Die ECHA sagt den Ewigkeitschemikalien den Kampf an – doch kurz vor dem Ende der Konsultationsphase macht die Bundesregierung klar: Ein pauschales Verbot wäre mit ihr nicht zu haben. Alles also halb so wild?

Der PFAS-Bann würde Elastomer-Dichtungen wie FKM-O-
Ringe genauso betreffen wie FFKM, FEPM, FEP, PFA und PTFE.(Bild:  COG)
Der PFAS-Bann würde Elastomer-Dichtungen wie FKM-O-
Ringe genauso betreffen wie FFKM, FEPM, FEP, PFA und PTFE.
(Bild: COG)

Aus und vorbei? Ende September endete die Frist, Einspruch gegen eines der umstrittensten Vorhaben in Sachen Chemikalienrecht zu erheben: Das geplante Verbot „per- und polyfluorierter Alkylsubstanzen“ (kurz PFAS) sagt den so genannten Ewigkeits-Chemikalien den Kampf an. Doch gut gemeint ist nicht immer gut gemacht: In der Industrie sorgt das für Kummer – immerhin wären von der weitgefassten Definition rund 10.000 Chemikalien vom Kältemittel bis zur Teflonbeschichtung betroffen.

Fast zeitgleich macht die Bundesregierung mit ungewohnter Deutlichkeit klar, dass sie dafür nicht zu haben sei. „Ein Totalverbot von PFAS“ sei „ nicht geplant und würde von der Bundesregierung auch nicht unterstützt“. Das sind ganz neue Töne, die die Industrie sicher gerne hört – immerhin stehen nicht nur beschichtete Pfannen und Outdoorkleidung sondern auch Dichtungswerkstoffe wie FKM, FFKM, FEPM, FEP, PFA, PTFE und andere Elastomere am Pranger, für die es nach Ansicht von Insidern keinen adäquaten Ersatz gibt.

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Sechs Monate war Zeit, Stellung zu dem Verbotsvorhaben der ECHA zu beziehen. Dabei seien über 5.600 Kommentare von mehr als 4.400 Organisationen, Unternehmen und Einzelpersonen eingegangen, teilte die Europäische Chemie-Agentur mit Sitz in Helsinki mit. Davon kämen die meisten aus Deutschland und Schweden. Diese würden nun durch zwei wissenschaftliche Komitees geprüft und den fünf Ländern, die den Verbotsvorschlag initiiert haben (darunter auch Deutschland) vorgelegt.

Tabula Rasa beim Thema PFAS?

Dabei hatte die ECHA zum großen Wurf ausgeholt: Statt wie bisher einzelne Stoffe oder Stoffgruppen auf den Index zu setzen, sollten alle PFAS-Verbindungen über einen Kamm geschoren werden. Bisher glich der Prozess einem Katz-und-Maus-Spiel. Kaum war ein Stoff oder eine Anwendung verboten, wurde diese durch andere, ähnliche Verbindungen ersetzt. Dabei werden Experten nicht müde, zu betonen, dass gerade die Energiewende auf die beständigen Polymere angewiesen ist.

Zwar läuft die Suche nach Alternativmaterialien auf Hochtouren, doch echte Ersatzstoffe sind nicht leicht zu finden. Als PFAS-frei beworbene Dichtungen verzichten zwar nicht selten auf entsprechende Additive, können aber nicht ohne entsprechende Rohstoffe auskommen.

Stein des Anstoßes: Per- und Polyfluoralkylsubstanzen mit stabilen Kohlenstoff-Fluor-Bindungen.(Bild:  © Сергей Шиманович - stock.adobe.com)
Stein des Anstoßes: Per- und Polyfluoralkylsubstanzen mit stabilen Kohlenstoff-Fluor-Bindungen.
(Bild: © Сергей Шиманович - stock.adobe.com)

Entsprechend groß ist die Hoffnung der Hersteller, doch mit dem Schrecken davon zu kommen: Denn die Aussage, dass die Fluorpolymere pauschal gefährlich für Umwelt und Gesundheit sind, ist keineswegs unumstritten. Selbst die Organisationen für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit OECD stuft die von dem PFAS-Verbot betroffenen Dichtungswerkstoffe, wie etwa FKM, als „Products“ bzw. „Polymers of low concern“ ein. Auch der Verband der europäischen Dichtungshersteller (ESA) macht sich in einem Positionspapier für ein differenziertes Vorgehen stark, dass nicht alle Fluorverbindungen über einen Kamm schert – genauso wie der Arbeitskreis dichtungstechnischer Experten (AK Dichtungen), der vor „fatalen Folgen“ eines pauschalen Verbots warnt.

Geht alles mit rechten Dingen zu?

Nicht zuletzt: ob ein entsprechendes Rundum-Verbot überhaupt mit dem EU-Recht vereinbar wäre, gilt keinesfalls als gesichert. Auch die Bundesregierung sieht das Vorgehen „nicht vom bestehenden europäischen Rechtsrahmen gedeckt“ – und das, obwohl Deutschland zu den Initiatoren eines Verbotsprozesses gehörte. Jetzt hat die ECHA erst einmal zu lesen: Rund 5.600 Kommentare sind im Laufe des Konsultationsprozesses bei der europäischen Chemieagentur eingegangen und wollen gesichtet werden. Kaum zu glauben, dass da das angepeilte Tempo gehalten werden kann.

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Auch danach wäre das Vorhaben noch nicht umgesetzt: Die EU-Kommission wäre in diesem Fall gemeinsam mit den Mitgliedstaaten gefragt, den Verbotsvorschlag in ein Gesetz zu gießen – und das scheint, spätestens nach dem Bekenntnis der Bundesregierung, gleich erheblich weniger wahrscheinlich. War also alles nur ein Sturm im Wasserglas? Das wird sich zeigen. Kaum ein Hersteller glaubt, dass die Politik tatsächlich in einem einzigen Schnitt sämtliche PFAS-Verbindungen vom Markt fegt. Aber dass die ECHA einen Rückzieher macht und alles bleiben kann, wie es ist, erscheint fast noch unwahrscheinlicher. Mindestens die Bisphenole, erwartet die Branche, werden wohl mittelfristig vom Markt verschwinden. (dst)

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