Bei einem der schwersten Industrieunfälle der deutschen Geschichte werden 1921 in der Pfalz Hunderte Menschen getötet oder verletzt. Der Schaden ist immens. Wäre eine solche Chemiekatastrophe heute ausgeschlossen?
Am 21. September jährt sich das Unglück in der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) zum 100. Mal.
(Bild: BASF)
Oppau (dpa) - Es ist ein Inferno wie im Katastrophenfilm – aber es geschieht ganz real, vor 100 Jahren, im pfälzischen Oppau am Rhein. Erst eine einzelne Explosion, dann noch eine. Die Druckwelle ist gewaltig. Allein in Oppau werden mehr als 1000 Gebäude zerstört und ebenso viele beschädigt. Die Detonationen lassen noch im 70 Kilometer entfernten Frankfurt Fensterglas bersten. Am Ende zählen die Behörden bei einem der schwersten Chemieunfälle der deutschen Geschichte mehr als 500 Tote. Am Dienstag (21. September) jährt sich das Unglück in der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) zum 100. Mal.
Die Explosionen hatten sich in einem Silo ereignet, in dem 4500 Tonnen Ammonsulfatsalpeter lagerten. Der von der BASF entwickelte Mischdünger hatte die Eigenschaft, bei der Lagerung zusammen zu backen und hart zu werden. Vor dem Verladen wurde er deshalb mit einem Sicherheitssprengstoff gelockert. Dieser sei zuvor getestet und bereits 20.000 Mal angewendet worden, hieß es. Doch am 21. September 1921 kommt es bei einer Routinesprengung um 7.32 Uhr zur Katastrophe.
Wäre ein solches Unglück bei dem Chemiekonzern heute unmöglich? „Die damalige Lage unterscheidet sich immens von der aktuellen Situation“, sagt ein BASF-Sprecher dazu. In internationaler Übereinkunft habe man die Mischungen von Ammonnitrat und Ammonsulfat sowie anderen ammonnitrathaltigen Düngemitteln in Sicherheitsklassen eingeteilt.
Der heute in Ludwigshafen produzierte Ammonsulfatsalpeter gehöre zur sichersten Klasse. „Er ist granuliert und mit speziellen Antibackmitteln vor einer Verhärtung geschützt.“ Auch Sprengstoff zur Lockerung von ammonnitrathaltigen Düngemitteln sei längst verboten.
Zum Zeitpunkt des Unglücks im heutigen Ludwigshafener Stadtteil Oppau gehört die Pfalz zu Bayern. Das Bundesland Rheinland-Pfalz gibt es noch nicht. Der bayerische Staat gründet das Hilfswerk Oppau, auch die Anteilnahme der Bevölkerung ist groß. Obdachlose müssen versorgt werden. Helfer teilen Tausende Paar Schuhe, Decken und Mäntel aus. Zur Beerdigung am 25. September kommt Reichspräsident Friedrich Ebert auf das von Frankreich besetzte linke Rheinufer. Der abgedankte Kaiser Wilhelm II. kondoliert aus dem niederländischen Exil.
Am Explosionsort klafft ein riesiger Krater. „Das Unglück von damals, aber auch jeder andere Unfall, der sich in einem BASF-Werk ereignet, ist für uns eine eindringliche Mahnung“, erklärt BASF-Vorstandschef Martin Brudermüller anlässlich des 100. Jahrestags. „Eine Mahnung, dass wir in der chemischen Industrie immer mit äußerster Umsicht arbeiten müssen. Eine Mahnung, dass wir alles Erdenkliche dafür tun müssen, damit solch ein Unglück nicht wieder geschieht.“
Am Jahrestag am 21. September will Brudermüller mehrere Gedenkstätten für die Opfer besuchen. „Das Gedenken an die Opfer des Explosionsunglücks führt uns einmal mehr vor Augen, wie verletzbar wir sind“, meint die Bürgermeisterin von Ludwigshafen, Cornelia Reifenberg (CDU).
Trotz verstärkter Sicherung ist der Umgang mit Chemikalien nicht risikolos. Im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut explodierten im vergangenen Jahr vermutlich große Mengen Ammoniumnitrat. Mehr als 190 Menschen kamen nach offiziellen Angaben ums Leben. Die genauen Umstände sind unklar. Experten mahnen, jeden Fall einzeln zu betrachten. Lässt sich trotzdem allgemein besser vorbeugen?
Jährlich fänden in Ludwigshafen mehr als 300 Vor-Ort-Termine mit Überwachungsbehörden statt – darunter auch rund 160 angekündigte und unangekündigte Inspektionen, betont der Sprecher der BASF. „In den vergangenen zehn Jahren wurde in jedem Jahr deutlich mehr in den Standort Ludwigshafen investiert als abgeschrieben.“ Dadurch habe das Unternehmen mehr als ein Drittel des Anlagevermögens am Standort erneuert und das Werk somit sicherer gemacht. „Darüber hinaus wurden im gleichen Zeitraum insgesamt rund zehn Milliarden Euro in die Instandhaltung investiert und die Anlagen auch unter Sicherheitsaspekten an den Stand der Technik angepasst.“
Niemand könne Unfälle für alle Zeit ausschließen. Die Ursachen seien jedoch stets andere, erinnert der BASF-Sprecher. „Die Unglücke unterschieden sich. Aber: Wir untersuchen alle Vorfälle bis ins Detail – um so Lehren zu ziehen und Maßnahmen zu ergreifen.“
Stand: 08.12.2025
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