Energieversorgung Wie sicher ist die Stromversorgung der deutschen Prozessindustrie? Blackout, Brownout – oder doch alles halb so wild?

Von Anke Geipel-Kern

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Der Winter steht vor der Tür und in der Industrie geht das Schreckgespenst des Blackouts um. Nur keine Panik, sagen Experten der Kopernikus-Projekte. Warum der Gasekonzern Linde sich um den Strompreis mehr Sorgen macht als um die Versorgungssicherheit. Und warum Netzbetreiber Tennet das deutsche Stromnetz für eines der sichersten der Welt hält.

Die Standorte der Chemie leiden unter hohen Strompreisen. (Bild:  ri - stock.adobe.com)
Die Standorte der Chemie leiden unter hohen Strompreisen.
(Bild: ri - stock.adobe.com)

Geht es um den kommenden Winter und die Strom- und Gasversorgung der Industrie in Deutschland werden die Töne der Protagonisten aus Chemie und Politik bisweilen schrill. Da warnen der neue VCI-Chef Markus Steilemann (Covestro) und sein Vorgänger Christian Kullmann (Evonik) vor einem Blackout, CSU-Chef Markus Söder fürchtet einen Winter-Blackout und CSU-Chef Friedrich Merz spricht in der „Bild am Sonntag“ von einer drohenden Überlastung des Stromnetzes im Herbst und Winter sowie einer mangelhafte Versorgung mit Strom.

Doch wie sieht es wirklich in Deutschland aus? Wie sehr leidet die Industrie? Halten die Netze? Und wer muss im Falle des Falles abschalten?

Strompreise gehen durch die Decke

Es gibt nichts zu beschönigen. Die deutsche Industrie sitzt zweifellos in der Klemme. Alle Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, ächzen unter den hohen Strompreisen. Fast überall auf der Welt ist Strom gerade deutlich billiger als hierzulande, was die Einkäufer in eine Zwickmühle bringt. Zwischen Anfang Juli und Anfang September 2022 hat sich laut Forbes, an der Strombörse der Preis im sogenannten Day-Ahead-Markt mehr als verdoppelt: Für eine Megawattstunde Strom von etwa 240 auf mehr als 500 Euro.

Für Dr. Günther Westner, der beim Gasekonzern Linde für die Energiebeschaffung zuständig ist, mehr als ein Ärgernis: „Für Linde gibt es keine Möglichkeit in Deutschland Energie günstiger einzukaufen“, erklärt er. Als Betreiber der extrem energieintensiven Luftzerlegungsanlagen ist Linde von den hohen Strompreisen besonders betroffen – Abschaltungen nicht mehr rentabler Anlagen, habe es laut Westner bereits gegeben und die Kunden mussten auch schon mit Preiserhöhungen konfrontiert werden. Im Kopernikus-Projekt Synergie ist Linde als Projektpartner mit an Bord und arbeitet gemeinsam mit den Partnern an Konzepten energieintensive Industrien in Deutschland befähigen sollen, die Stromnachfrage dem wechselnden -angebot anzupassen.

Doch das Stromangebot ist momentan nicht das Hauptproblem von Linde und dem Rest der Industrie. Wie Westner machen sich viele Unternehmen über die Versorgungssicherheit eher weniger Gedanken als darüber, dass sich durch den teure Strom der Betrieb energieintensiver Anlagen nicht mehr lohnt und großflächig angeschaltet wird. Dann, so warnt Westner, seien ganze Wertschöpfungsketten in Gefahr. Was das sowohl für Industrie als auch Verbraucher bedeuten kann, davon gab es gerade einen kleinen Vorgeschmack.

Was die Ammonikproduktion mit dem Mangel an Kohlensäure zu tun hat

Im letzten Jahr drosselte Basf die Ammoniakproduktion in Antwerpen und Ludwigshafen, weil sich wegen der hohen Erdgaspreise die Bedingungen für den wirtschaftlichen Betrieb einer Ammoniakanlage in der Region erheblich verschlechtert hätten, wie der Konzern in einer Pressemitteilung bekannt gab. Die Folgen: Wegen des fehlenden Ammoniaks wurde weniger Kohlendioxid produziert, was Bierbrauer und Mineralwasserhersteller direkt spürten, weil Kohlensäuregas knapp und teurer wurde.

Bleibt also die Frage was die Branche mehr fürchtet: Die Erdgasknappheit oder das Horrorszenarium eines flächendeckenden Stromausfalls. Ums Erdgas macht sich zumindest Linde-Energiemanager Westner in diesem Jahr noch keine Gedanken. Momentan seien die Erdgasspeicher gut gefüllt, auch weil bis Mitte des Jahres noch russisches Gas geflossen sei. Mehr Kopfzerbrechen bereitet ihm hingegen der Winter 2024 und die Frage, ob die Bundesregierung es schafft das fehlende russische Erdgas zu kompensieren.

Die Chemiebranche beginnt jedenfalls gerade zu handeln. Evonik will mit LPG einen Teil ihres Erdgases ersetzen und Merck schmiedet Pläne im Mangelfall mit Erdöl zu substituieren, wie die Merck-Chefin Belén Garijo der FAZ im Juli sagte.

Was bringen die Entlastungen der Bundesregierung

Ob die geplante Gas- und Strompreisbremse Entspannung bringt? Auch hier ein deutliches ja, aber. Klar, der Kostenanstieg ist erst einmal gebremst. Aber selbst mit Strompreisbremse läge der Strompreis immer noch deutlich höher als etwa im Jahr 2020 sagt Westner und äußert die Befürchtung, dass die Strompreise in Deutschland dauerhaft hoch bleiben könnten, was zu einer schleichenden Deindustrialisierung führen könnte.

Zumindest ein Hoffnungsschimmer bleibt: Allen, die mit dem Thema Blackout oder Brownout Panik vor einem Totalabsturz der Industrie und kalten Wohnzimmern schüren, erteilen die vier großen Netzbetreiber einen Dämpfer. Die von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Sonderanalyse zur Strommangellage im Winter 20/23 verweist auf ein Risiko, dass in besonders kritischen Szenarien der Verbrauch die Erzeugung überschreiten könnte. Dann könnten bestimmte energieintensive Industriebetriebe stundenweise abgeschaltet werden.

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Trotzdem gibt der größte deutsche Netzbetreiber Tennet einstweilen Entwarnung: Die Gefahr eines Blackouts sehe er nicht, sagt Asset-Manager Dr. Jochen Jung im Kopernikus-Pressegespräch. Das deutsche Stromnetz sei eines der stabilsten der Welt – was im übrigen jeder bestätigen kann der Industrieproduktionen in anderen Regionen der Erde betreibt. Auch müsse man das Stromnetz europäisch denken, betont Jung. Schließlich ist Deutschland sowohl Exporteur als auch Importeur von Energie.

An die Adresse der politisch verantwortlichen plädiert er für Technologieoffenheit bei der Stromerzeugung und eine Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, die die Einführung neuer Technologien schneller macht.

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