Elektro- und Gebäudeautomatisierungstechnik Tablettenproduktion bei Novartis: Verzahnung von Endkunde und Lieferant minimiert Kosten
Die Tablettenproduktion von Novartis in Singapur dürfte schnell zu einem echten Vorzeigeprojekt avancieren. Der Pharmariese hat auf der grünen Wiese eine Anlage nach den Prinzipien des Lean Manufacturing mit geringem Budget auf die Beine gestellt, die anderen in ihrer Qualität in nichts nachsteht. Eines der Erfolgsrezepte: Das Unternehmen konzentrierte die gesamte Elektro- und Gebäudeautomatisierungstechnik auf einen einzigen Hersteller. Dieser Ansatz zur Integration einer Vielzahl von Einzelsystemen und das ungewöhnliche Teamwork zwischen Endkunde und Lieferant eröffnen ungeahnte Einsparpotenziale.
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The Biopolis of Asia”, diesen stolzen Beinamen trägt Singapur nicht ohne Grund. Denn der kleine Stadtstaat in Südostasien beherbergt als aufstrebender Pharmastandort bereits 20 biopharmazeutische Produktionsanlagen. Im Oktober gesellte sich ein weiterer Global Player zu der illustren Runde. Die Secondary Manufacturing Plant der Schweizer Novartis ging im Tuas Biomedical Park (TBP) in Betrieb. Dort sollen zukünftig rund 150 Mitarbeiter verschiedene Pharmazeutika für den weltweiten Markt in ihre endgültige Form bringen.
Trumpfkarte One-stop-Shopping
Ziel des strategischen Projektes war mit schmalem Geldbeutel und wenig eigenem Personal eine Anlage zu bauen, die dem aktuellen Stand der Technik entspricht und den hohen Qualitätsanforderungen für die Pharmaproduktion (GMP, FDA) standhält. Dies erforderte auch beim verantwortlichen Senior Automation Engineer Dr. Joachim Zobel ein Umdenken: „Es galt einen Weg zu finden, wie sich die notwendige Technik um einiges kostengünstiger realisieren lässt. Außerdem musste der Ansatz es ermöglichen Elektro- und Gebäudeautomatisierungstechnik als Einzelkämpfer auf der Anwenderseite zu koordinieren.“ Mit der traditionellen Vorgehensweise, bei der Planung und Errichtung für jedes System mit einem separatem Team durchgeführt wird, war dies nicht zu schaffen. Was also tun? Die einzige Möglichkeit: Eine Komplettlösung, welche die gesamte Elektro- und Gebäudeautomatisierungstechnik mit allen Interfaces zwischen den Einzelsystemen abdeckt. Das Problem: Es gibt nicht allzu viele Firmen, die ein solches Gesamtpaket aus einer Hand anbieten können. Den Zuschlag erhielten schließlich Schneider Electric Singapur und sein ortsansässiges Tochterunternehmen TAC. Das offene Gebäudemanagementsystem von TAC dient als übergreifende Integrationsplattform für alle Subsysteme.
Dazu gehören: Energieversorgung mit UPSen, Steuerung der Lüftungsanlagen, Reinraum-Monitoring und Schleusensteuerungssystem, Energiemonitoring, Alarmsystem mit Ankopplung eines Pagersystems, Steuerung aller Infrastrukturanlagen, Zutrittskontroll- und Zeiterfassungssystem, Kameraüberwachungssystem (CCTV), Uhrensystem, Brandmeldesysteme sowie die LAN-Infrastruktur für Büro- und Prozessanlagen inklusive Voice-over-IP-Telefonsystem.
Früher Vogel fängt den Wurm
„Um solch ein großes Paket zu schnüren, sind relativ komplexe Ausschreibungsunterlagen zu erstellen. Hierzu musste in allgemeinverständlicher Weise aufgeschlüsselt werden, wer welche Dokumente und Aufgaben für die jeweiligen Einzelsysteme zu machen hat. Das ist das Herzstück der gesamten Idee“, erklärt Zobel. Das Pharmaunternehmen holte seinen Lieferanten ganz bewusst in einer sehr frühen Phase des Projektes mit ins Boot. Der Vorteil ist, dass so in einem hohen Masse systemspezifisches Know-how des Lieferanten mit in das Design einfließen kann, um jedes System schnell, aber auch optimal zu integrieren. Ein entscheidender Zeitgewinn, denn es hat sich gezeigt, dass mit den richtigen Spezialisten im Team eine solche Abstimmung in etwa zehn Arbeitstagen pro System während der Pre-Detail-Design-Phase durchgeführt werden konnte. „Das Projekt verlief deshalb so erfolgreich, weil wir Schneider Electric und TAC sehr viel Verantwortung übertragen und sie in unser Team integriert haben“, betont Zobel. „Ein Großteil der notwendigen Kommunikation konnte so vom Lieferanten selbst übernommen werden. Zu mir kamen die Projektleiter erst, wenn es ein größeres Problem gab oder eine grundsätzliche Entscheidung zu treffen war.“
Engineering nach Maß
Von entscheidender Bedeutung für die Optimierung des Engineerings war, dass nicht für jedes Einzelsystem ein eigenes Team eingesetzt wurde. Ein Basisteam – jeweils unterstützt von Spezialisten – hat die Einzelsysteme designed und umgesetzt. Dies erleichterte die Koordination des Gesamtpaketes aber auch das Design der Interfaces.
Das Resultat der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Systemlieferanten: Über 50 Prozent Einsparungen bei Detail-Engineering und Dokumentation – insgesamt 9400 Mannstunden weniger. Angesichts einer sehr dünnen Personaldecke und einem weltweiten akuten Mangel an qualifizierten Ingenieuren ein großes Plus. Wurden Spezialisten benötigt, dann flog TAC sie einfach aus aller Welt ein. „Das Team baute sich je nach Bedarf auf und ab. Wäre dies nicht der Fall gewesen, wären wir durch die vielen Änderungen in letzter Sekunde sehr ins Hintertreffen geraten“, so Zobel. „Aber das Unternehmen verfügt über eine sehr engagierte, äußerst flexible und schlagkräftige Truppe, und wir sind rechtzeitig fertig geworden.“
Die Strategie, auf Komplettpakete zu setzen und den Systemlieferanten frühzeitig zu integrieren, macht sich bezahlt. Am Ende ist das Projekt unter dem ohnehin knapp kalkuliertem Budget geblieben. „Real wird man mit einem solchen Ansatz selten für jedes System das absolute Optimum erhalten, das am Markt erhältlich ist. Hier ist es aber auch Aufgabe des Auftraggebers, die eigenen Requirements kritisch zu hinterfragen und auf das notwendige Maß zu reduzieren“, ist Zobel überzeugt. „Diese Vorgehensweise erfüllt ihren Zweck und wird sich durchsetzen. Ein anderer Global Player baut mit Schneider Electric und TAC in Singapur bereits eine ähnliche Anlage nach unserem Muster.“
Nachgefragt
Schneider Electric, traditionell in der Fertigungsindustrie verwurzelt, lieferte vor kurzem zusammen mit seinem Tochterunternehmen TAC eine Komplettlösung für die Elektro- und Gebäudeautomatisierungstechnik für die neue Pharmaanlage von Novartis in Singapur. PharmaTEC hakte bei Nelson Yeap, Country Director bei Schneider Electric Singapore, nach.
Herr Yeap, Schneider Electric und die Pharmaindustrie ist eine bisher eher seltene Kombination. Wie erfüllen Sie die speziellen Anforderungen der Branche?
Nelson Yeap: Die Pharmaindustrie ist Teil unserer globalen Strategie und das nicht erst seit gestern. Die Stärke von Schneider Electric in dieser Branche war schon immer die Energieverteilung für kritische Prozesse. Die Stärke von TAC ist seit vielen Jahren das Gebäudemanagement, speziell in der Pharmaindustrie. Durch die Akquise des Unternehmens in 2003 und die Bündelung unserer Kernkompetenzen können wir jetzt für bestimmte Anlagen die komplette Elektro- und Automatisierungstechnik aus einer Hand liefern.
Wie viele Projekte dieser Art haben Sie schon realisiert?
Yeap: Für Schneider Electric und TAC in Singapur war es das erste gemeinsame Pharmaprojekt dieser Größenordnung. Wir haben viele Erfahrungen sammeln können. Dass sich unser spezielles Know-how in dieser Branche bereits herumgesprochen hat, zeigt der neue Auftrag eines weiteren großen Pharmaunternehmens.
Wie wollen Sie sich zukünftig positionieren?
Yeap: Für uns sind pharmazeutische Anlagen die idealen Kandidaten für einen hohen Grad der Systemintegration. Das ist die Kompetenz, die Schneider Electric und TAC mitbringen. Derzeit dürfte dies die einzige Anlage ihrer Art sein, für die ein Anbieter die komplette Elektroinstallation und das Gebäudemanagement lieferte – ein echtes Alleinstellungsmerkmal.
Bei der Realisierung der Anlage in Singapur musste aus Kostengründen vieles anders gemacht werden. Was würden Sie persönlich als Highlight herausstellen?
Yeap: Das Teamwork. Das Projekt hat gezeigt, dass alle Beteiligten durch eine enge Partnerschaft zwischen Endkunde und Lieferant nur gewinnen können.
Die Autorin ist Freie Journalistin in Darmstadt.
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