Klimaziele in Deutschland Rekordtief bei CO2-Emissionen – nur kurzfristiger Erfolg?

Quelle: Pressemitteilung Agora Energiewende 5 min Lesedauer

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Das Jahr 2023 wies laut Berechnungen der Organisation Agora Energiewende besonders niedrige CO2-Emissionen auf. Wie sich die Treibhausgasemissionen seit 1990 entwickelt haben und warum der Rückgang vom Vorjahr zwar groß, aber wenig nachhaltig ist, klärt dieser Beitrag.

Die CO2-Emissionen in Deutschland waren 2023 auf einem Rekordtief, wie Schätzungen von „Agora Energiewende“ ergeben.(Bild:  frei lizenziert, stevepb /  Pixabay)
Die CO2-Emissionen in Deutschland waren 2023 auf einem Rekordtief, wie Schätzungen von „Agora Energiewende“ ergeben.
(Bild: frei lizenziert, stevepb / Pixabay)

Im vergangenen Jahr sanken Deutschlands Treibhausgasemissionen auf 673 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Dies ist das Ergebnis einer Schätzung der hauptsächlich spendenfinanzierten Organisation Agora Energiewende. Demzufolge gingen die Emissionen um 46 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 1990 zurück – und fielen auf den niedrigsten Stand seit den 1950er Jahren.

Verantwortlich für den berechneten Rückgang von 73 Millionen Tonnen CO2-Äq gegenüber 2022 waren laut Agora Energiewende im Wesentlichen zwei Entwicklungen:

  • Erstens sank die Kohleverstromung auf den tiefsten Stand seit den 1960er Jahren, wodurch allein 44 Millionen Tonnen CO2-Äq eingespart wurden. Gründe hierfür waren ein deutlicher Rückgang der Stromnachfrage, vermehrte Stromimporte aus Nachbarländern – rund die Hälfte davon aus erneuerbaren Energien – sowie im gleichen Umfang gesunkene Stromexporte und eine leicht gestiegene Ökostromerzeugung.
  • Zweitens gingen die Emissionen aus der Industrie deutlich zurück. Ursächlich hierfür war insbesondere der krisen- und konjunkturbedingte Produktionsrückgang der energieintensiven Unternehmen. Während die gesamtwirtschaftliche Leistung nach vorläufigen Zahlen um 0,3 Prozent schrumpfte, ging die energieintensive Produktion 2023 um 11 Prozent zurück.

Rückgang der Emissionen 2023 ist noch kein langfristiger Erfolg

Den Agora-Berechnungen zufolge sind nur rund 15 Prozent des CO2-Äq-Rückgangs langfristige Einsparungen, die sich vor allem aus dem Zubau erneuerbarer Energien, Effizienzsteigerungen sowie dem Umstieg auf CO2-ärmere oder klimafreundliche Brennstoffe beziehungsweise Alternativen ergeben. Etwa die Hälfte der Emissionsminderungen geht der Analyse zufolge auf kurzfristige Effekte zurück, wie krisenbedingte Produktionsrückgänge und einen geringeren Stromverbrauch. Daher betonen die Autoren der Berechnung, dass der Großteil der Emissionseinsparungen 2023 weder industrie- noch klimapolitisch nachhaltig ist – so könnten Emissionen konjunkturbedingt wieder steigen oder sich längerfristig Teile der Industrieproduktion ins Ausland verlagern.

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Unterschiedliche Entwicklung der Emissionsbereiche

Der CO2-Ausstoß von Gebäuden und Verkehr blieb 2023 laut den Berechnungen nahezu unverändert – damit rissen die Sektoren ihre Klimaziele zum vierten beziehungsweise dritten Mal in Folge. Mit den ausbleibenden Emissionsminderungen in diesen beiden Bereichen verfehlt Deutschland voraussichtlich bereits 2024 seine europäisch vereinbarten Klimaziele aus der so genannten „Effort Sharing Regulation“. Eine solche Zielverfehlung muss die Bundesregierung mit dem Zukauf von Emissionsrechten aus anderen EU-Mitgliedstaaten kompensieren – ansonsten drohen Strafzahlungen.

2023 war das Jahr der zwei Geschwindigkeiten beim Klimaschutz in Deutschland.

Simon Müller, Direktor von Agora Energiewende Deutschland

Es gab zumindest in bestimmten Bereichen Erfolge bei der Emissionsreduzierung. „Die Energiewirtschaft verzeichnete 2023 mit dem historischen Hoch bei den erneuerbaren Energien einen klimapolitischen Erfolg, der uns näher zum 2030-Ziel bringt“, sagt Simon Müller, Direktor von Agora Energiewende Deutschland. „In der Emissionsreduktion bei der Industrie sehen wir hingegen keine nachhaltige Entwicklung.“ Der krisenbedingte Produktionseinbruch schwäche den Industriestandort Deutschland. Wenn in der Folge Emissionen lediglich ins Ausland verlagert würden, sei auch für das Klima nichts gewonnen, urteilt der Experte.

Um die CO2-intensive Stromerzeugung dauerhaft im Strommix zu ersetzen, müsse die positive Dynamik beim Erneuerbaren-Energien-Zubau im kommenden Jahr weiter verstärkt werden. Die Industrie brauche adäquate Rahmenbedingungen, um in Deutschland investieren zu können – etwa in die klimaneutrale Stahlherstellung und den Umstieg von Gas auf Strom für Prozesswärme. Im Bereich Gebäude gelte es 2024, die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen konsequent voranzutreiben. Und im Verkehr brauche es grundsätzlich die politischen Weichenstellungen für den Durchbruch klimafreundlicher Mobilität.

Weniger Kohle, mehr erneuerbare Energie

Die Emissionen aus der Stromerzeugung sanken 2023 laut den Agora-Berechnungen um 46 Millionen Tonnen auf 177 Millionen Tonnen CO2-Äq – und haben sich damit im Vergleich zu 1990 mehr als halbiert. Der Emissionsrückgang von 21 Prozent gegenüber 2022 ist überwiegend auf den starken Rückgang der Kohleverstromung zurückzuführen: Die geringere Stromproduktion aus Braunkohle sparte 29 Millionen Tonnen CO2-Äq ein, bei der Steinkohleverstromung waren es 15 Millionen Tonnen. Für diese Entwicklung nennt der Agora-Bericht drei Gründe:

  • Erstens einen außergewöhnlichen Rückgang beim Stromverbrauch von 3,9 Prozent gegenüber 2022 in Folge der fossilen Energiekrise.
  • Zweitens führte die europaweit starke erneuerbare Stromerzeugung dazu, dass Deutschland mehr Strom importierte, statt diesen in heimischen Kohlekraftwerken zu produzieren. Über das Jahr hinweg verkaufte Deutschland rund 58 Terawattstunden des heimisch erzeugten Stroms ins Ausland und importierte 69 Terawattstunden. 49 Prozent der Stromimporte stammten dabei aus erneuerbaren Energien – vor allem Wasser- und Windkraft – und 24 Prozent aus Kernkraft.
  • Drittens gab es ein Erzeugungsplus von fünf Prozent bei erneuerbaren Energien. Die Gesamtemissionen der Energiewirtschaft, die neben dem Stromsektor auch Raffinerien und Fernwärme erfasst, betrugen 210 Millionen Tonnen CO2-Äq und lagen damit 46 Millionen Tonnen beziehungsweise 18 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Die Situation in der Industrie

Der Industriesektor verzeichnete 2023 deutliche Emissionsrückgänge: Agora hat auf Basis von vorläufigen Energieverbrauchs- und Produktionsdaten eine Minderung in Höhe von 20 Millionen Tonnen CO2-Äq beziehungsweise 12 Prozent gegenüber 2022 berechnet. Mit Gesamtemissionen von 144 Millionen Tonnen CO2 übererfüllte der Bereich das Jahresziel von 173 Millionen Tonnen CO2-Äq deutlich. Damit sind die Industrieemissionen auf den niedrigsten Stand seit ihrer Erfassung 1990 gesunken. „Die Folgen der fossilen Energiekrise und der Konjunktureintrübung zeigten sich im CO2-Ausstoß der energieintensiven Industrie besonders deutlich“, sagt Agora-Energiewende-Direktor Müller. Ein wichtiger Faktor für den Produktionseinbruch waren die anhaltenden Preissteigerungen im europäischen Gasmarkt aufgrund der Umstellung von günstigem Pipelinegas auf mehr LNG-Importe.

„Um im Standortwettbewerb auf dem Weg zur Klimaneutralität erfolgreich bestehen zu können, brauchen Unternehmen in Deutschland dringend Finanzierungs- und Planungssicherheit für den Umstieg von fossilen Energien auf strombasierte Prozesse“, sagt Müller. Ziel sei es, wichtige Wertschöpfungsketten vor Ort zu sichern und gleichzeitig langfristige Emissionsminderungen der Industrie zu erzielen. Dafür sei auch das Erreichen der Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien essenziell. Positiv bewertet Müller, dass Deutschland und die EU 2023 wichtige industriepolitische Weichen gestellt haben, wie die Stärkung des europäischen Emissionshandels, die Einigung auf CO2-Ausgleichszahlungen für Rohstoffimporte in die EU oder Klimaschutzverträge für die Finanzierung der Industrietransformation zur Klimaneutralität.

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Politik ist gefordert

Trotz der Minderungen gegenüber 2022 klafft zum Erreichen der Klimaziele 2030 weiterhin eine deutliche Lücke. Um diese zu schließen, ist die Einführung zusätzlicher Klimaschutzmaßnahmen im Jahr 2024 zentral. Dazu kommt, dass nach dem Karlsruher Haushaltsurteil die Finanzierung für Klimaschutzmaßnahmen schwieriger geworden ist. „Deutschland braucht eine Investitionsoffensive zum Erreichen der Klimaziele“, sagt Müller. Notwendig seien staatliche Mittel etwa für klimaneutrale Heizungen und die Transformation der Industrie. Auch im Bereich der Strom-, Wärme- und Wasserstoffnetze stehen erhebliche Investitionen an. „Die Bundesregierung steht 2024 vor der Aufgabe, die erforderlichen Investitionen für die Klimaneutralität endlich zuverlässig abzusichern. Ein kluger Instrumentenmix kann sicherstellen, dass wir mehr Klimaschutz für jeden Euro aus der Staatskasse erreichen.“

Die vollständige Studie „Die Energiewende in Deutschland: Stand der Dinge 2023“ (pdf) wird auf der Webseite von Agora Energiewende zum Download angeboten.

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