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Achema-Trendbericht: Augmented und Virtual Reality

Riesiges Potenzial von VR und AR in der Prozessindustrie

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Der Nebeneffekt des virtuellen Supports: Die raren Spezialisten müssen künftig nicht mehr einen Großteil ihrer Zeit auf Fernflügen zu weit entfernten Destinationen verbringen, sondern verbreiten ihr Wissen von ihrem zentralen Stützpunkt. Damit werden sie verfügbarer. Doch nicht nur in exotischen Ländern besteht ein Markt für AR-Instandhaltungsapplikationen. Das knapper werdende Betriebspersonal wird auch hierzulande so bestens unterstützt, insbesondere bei einem Generationswechsel, bei dem Erfahrungswissen verloren zu gehen droht. Standortbetreiber Infraserv Höchst testete beispielsweise bereits zwei AR-/Datenbrillen in vielen Einsatzszenarien. „Die Mitarbeiter waren dabei sehr aufgeschlossen“, schildert Ralph Urban, Leiter IT-Instandhaltung und Immobilien, „und bei den Tests sind neue Ideen für zukünftige Anwendungsbereiche entstanden.“ Mitarbeiter, die die Techniken aus dem privaten Umfeld kennen, hätten regelrecht auf Digitalisierungsmöglichkeiten in Ihrem Arbeitsumfeld gewartet. Die Hardware allein wäre aber natürlich nutzlos. Daher gehört Infraserv Hoechst zu den Anwendern im Chemie-Service, die sich auch mit der Entwicklung der nötigen Software-Applikation befassen. Urban bestätigt: „In Zusammenarbeit mit Hochschulen wird im Rahmen zweier Masterarbeiten eine Applikation auf der Datenbrille erstellt, um Wartungs- und Inspektionsrundgänge digital zu dokumentieren und dabei die Hände frei zu haben.“

VR-Brillen, die das Sichtfeld einschränken, seien laut Urban aufgrund der Sicherheitsbestimmungen bedingt geeignet. „Hier sind freies Sichtfeld und Schutzbrille Pflicht.“ Doch zu den relevanten Mixed-Reality-Methoden, die er für relevant hält, gehören auch die Vor-Ort-Erfassung von Störungen bzw. Anforderungen, unterstützt durch Bar- bzw. QR-Code oder RFID. Er rechnet zudem mit der integrierten Erfassung von Messwerten als künftige Weiterentwicklung. Im Rahmen der Instandhaltungsservices denkt Urban an eine engere Zusammenarbeit mit den Kunden. Das Thema ist noch neu; er formuliert vorsichtig: „Es könnte möglich sein, dem Kunden live die Umsetzung wichtiger Schritte der Instandhaltung durch Online-Übertragung zwischen ihm und dem Instandhalter zu zeigen und einzelne Maßnahmen abzustimmen.“

Stabiles Internet und exzellente Datenstruktur sind Pflicht

Bis derartige Anwendungen im Tagesgeschäft ankommen werden, gilt es, auf Anbieter- wie auf Anwenderseite noch etliche Hürden zu nehmen. So sei die Systemintegration von Datenbrillen, etwa in ERP-Software, aktuell noch eingeschränkt verfügbar, meint Urban. KSB-Experte Manske erinnert daran, dass ohne eine schnelle, stabile Internetverbindung vor Ort nichts geht. Eine exzellente Datenstruktur und Zugänglichkeit ist das A&O. Noch, so Julien Brunel von Linde, sei dies nicht immer gegeben.

In vielen Brownfield-Anlagen könnte es daran scheitern. Dabei sind gerade die Betreiber dieser Anlagen sehr an Unterstützung interessiert, um die Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit auf einen akzeptablen Level zu heben. Die ersten Schritte im Rahmen der Modernisierung sollten hier zu modernen Markierungen und Funklösungen führen. Allein mit dem Standard-Instandhaltungsbudget lasse sich schon Einiges bewegen, meint Stephan Sagebiel, Prozessexperte bei Phoenix Contact. Das Unternehmen, das sowohl Markierungs- und Funklösungen als auch automatisierungstechnische Komponenten anbietet, unterstützt auch beratend, wenn in die Jahre gekommene Anlagen fit für die Zukunft gemacht werden sollen. Sagebiel verspricht: „Wer flächendeckend leistungsfähiges WLAN vorweisen und Kontrollgänge papierlos durchführen kann, für den ist der nächste Schritt zur Augmented-Reality-Unterstützung nicht weit. Hervorragende Lösungen entstehen, wenn es gelingt, dies mit Predictive Maintenance zu koppeln.“

Pharma-Verpacker als Pioniere bei VR-Schulungen

Zu den Vorreitern in der Prozessindustrie, was Virtual Reality im Training angeht, gehören die Nutzer von Verpackungsanlagen, etwa in der Pharmaindustrie. Zu verdanken haben sie dies den umtriebigen Maschinen- und Anlagenlieferanten. Wie die eingangs zitierte Optima Group gehören auch Uhlmann und Bausch+Ströbel zu den Firmen, die ihren Kunden neben komplexen Abfüll- und Verpackungslinien vielfältige Service-Leistungen bieten. Während sich die AR-Techniken des Anbieters ebenso wie bei seinen Mitbewerbern noch in der Entwicklungs- und Pilotierungsphase befinden, sind VR-Anwendungen schon weitgehend ausgereift. „Virtual Reality in Form einer Powerwall im Bereich Engineering und Training wird bereits seit Jahren real eingesetzt“, berichtet Tobias Hörner, der in der EDV-Organisation von Bausch+Ströbel als Gruppenleiter Systeme Produktentstehung und Applikation agiert. Alexander Herrmann, Training Manager bei Optima Pharma, weist allerdings darauf hin, dass es mit dem Vorhandensein der Powerwall nicht getan sei. Wie bei jeder Form der Schulung sei die Aufbereitung der Inhalte entscheidend. Zudem könne man eine 3D-Brille kaum länger als zwei Stunden am Stück tragen. Doch Herrmann bestätigt auch die Erfahrungen seiner Kollegen beim Mitbewerber: „Durch die Einbeziehung der VR-Techniken ergeben sich tolle Möglichkeiten, insbesondere auch bei Reinraumanwendungen. Dort können wir Schulungsleiter mit den Mitarbeitern ja nicht einfach mal eben zu Schulungszwecken rein.“

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