Risikomanagement Radioaktiv belasteter Edelstahl aus Indien in Deutschland
Über 150 Tonnen radioaktiv kontaminierte Edelstahlprodukte sind in den vergangenen Monaten in deutschen Unternehmen aufgetaucht. Mit 50 Tonnen lagert ein Großteil bei einem Unternehmen in Rheinland-Pfalz, das Ventile und Ventilteile für die Erdöl- und chemische Industrie produziert. PROCESS bat den VDMA um eine Einschätzung der Lage.
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Berlin, Frankfurt – Wie das Bundesumweltministerium jüngst informierte, sind in mehreren Bundesländern radioaktiv kontaminierte Edelstahlprodukte aus Indien aufgefunden worden. Nach bisherigen Erkenntnissen sind die Verunreinigungen die Folge eines unbeabsichtigten Einschmelzens von radioaktiven Kobalt-60 Strahlenquellen in einem indischen Schmelzwerk.
Bei den aufgefundenen Produkten handelt es sich sowohl um Vorprodukte in Form von Edelstahl-Rundstählen, die in Deutschland weiterverarbeitet werden sollten, als auch um Endprodukte, wie Maschinenteile. Das Material wurde von den zuständigen Strahlenschutzbehörden der Länder vorsorglich sichergestellt. Die Produkte sind unterschiedlich hoch belastet. Der überwiegende Teil ist jedoch gering belastet.
Kontaminierte Ventilgehäuse für Erdöl- und chemische Industrie
Die radioaktiven Stahllieferungen aus Indien laufen über globale Handelsketten und betreffen viele Länder. Insofern handelt es sich nicht nur um ein deutsches Problem. Laut einer Liste des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit wurden in ganz Deutschland bereits mehr als 150 Tonnen des kontaminierten Materials gefunden, bis heute sind es 18 Erstmeldungen. Im August 2008 tauchten die ersten belasteten Stahlstangen in Hamburg auf.
„Bereits verbaute Edelstahl-Ventile könnten ebenfalls kontaminiert sein“, heißt es im Zusammenhang mit einem Fund kontaminierter Edelstahlspäne in Augsburg. Eine weitere Meldung bezieht sich auf einen Ventilhersteller aus Rheinland-Pfalz. In den Niederlanden wurden im Januar belastete Ventilgehäuse entdeckt. Nach Eintreffen des Containers beim besagten Hersteller wurde dieser von der örtlichen Aufsichtsbehörde mit dem Landesamt gemeinsam überprüft und die Messung von etwa acht Becquerel pro Gramm bestätigt. Zusätzlich konnte zwei Monate zuvor geliefertes und noch gelagertes Material ebenfalls als kontaminiert deklariert werden. Etwa 50 Tonnen belastetes Material lagert mittlerweile bei der Firma, die Ventile und Ventilteile für Erdöl- und chemische Industrie produziert. Die Dosisleistung an den Versandkisten beträgt bis zu drei Mikrosievert pro Stunde.
VDMA: „Verunreinigtes Material konnte identifiziert und sichergestellt werden“
Das Bundesumweltministerium hat internationale Initiativen ergriffen, um zukünftig kontaminierte Lieferungen aus Indien oder aus anderen Ländern zu verhindern und eine schleichende Erhöhung von Radioaktivität in Gebrauchsgütern zu vermeiden. Auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) unterstützt die Aktivitäten des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit in dieser Angelegenheit, um nachhaltig den Schutz der Beschäftigten und der Bevölkerung und die Funktionsfähigkeit des Marktes zu sichern.
Auf Nachfrage von PROCESS beim VDMA informierte dieser zudem über umfangreiche Sicherungssysteme in Material- und Wareneingängen, die Unternehmen der Investitionsgüterindustrie schon seit langer Zeit entlang der Wertschöpfungskette installiert hätten. Die Sicherungssysteme sorgen für eine frühzeitige Identifikation von verunreinigten Materialien und Waren und hätten auch im vorliegenden Fall funktioniert. Die Rückmeldungen beim VDMA aus den Mitgliedsunternehmen hätten bestätigt, dass in den Fällen, in denen tatsächlich mit Kobalt-60 verunreinigtes Material angeliefert wurde, dies auch identifiziert und sichergestellt werden konnte.
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