Energieeffizienz durch Automatisierung Prozessautomatisierung macht den Energieverbrauch in den Unternehmen transparent
Im Einsatz von Automatisierungstechnologien schlummert nach Ansicht von Felix Seibl, ein gewaltiges Potenzial. Der Geschäftsführer des Fachverbandes Automation Fachbereich Messtechnik und Prozessautomatisierung im ZVEI legt im PROCESS-Interview beeindruckende Zahlen als Beleg dafür vor.
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PROCESS: Herr Seibl, die Diskussion um den Atomausstieg hat die Notwendigkeit, in den Prozessindustrien und hier besonders in der Chemie auf energieeffiziente Techniken zu setzen einmal mehr deutlich gemacht. Welche Rolle kann moderne Prozessautomatisierungstechnik hier spielen?
Seibl: Durch den Atomausstieg wird das Thema Energieeffizienz eine noch viele stärkere Bedeutung bekommen, als es ohnehin schon hat. Die Energiepreise werden voraussichtlich steigen. Hinzu kommen Anforderungen von politischer Seite. Der Umgang mit Energie wird für die energieintensiven Unternehmen immer mehr zum entscheidenden Kriterium für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Die moderne Prozessautomatisierungstechnik hilft den Unternehmen sicher, sauber aber eben auch effizient zu arbeiten. Sie spielt für Energieeffizienz und Klimaschutz eine zentrale Rolle, indem sie Produktionsschwächen transparent macht und Gegenmaßnahmen einleitet.
PROCESS: Welches Einsparpotenzial schlummert im installierten Bestand der Betriebe?
Seibl: Nach ZVEI-Berechnungen können in Anlagen der deutschen Industrie 10 bis 25 Prozent Energieeinsparungen allein durch anforderungsgerechte Automatisierungstechnologie erreicht werden. Das entspricht 88 Miliarden Kilowattstunden an Energie-Äquivalenten (Strom, Kohle, Öl, Gas Druckluft, Dampf). Dabei liegt in den Prozessindustrien ein ganz besonders hohes Einsparpotenzial. In Einzelfällen kann es bis zu 70 Prozent der Energie betragen. Somit könnten in Deutschland jährlich bis zu sieben Milliarden Euro an Energiekosten eingespart werden. Bezogen auf den Klimaschutz heißt das: In der Industrie sind Treibhausgas-Einsparungen von 43 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten möglich. Das entspricht den jährlichen CO2-Emissionen von etwa sieben großen Steinkohlekraftwerken (je 2000 MW). Elf Prozent der CO2-Emissionen des industriellen Sektors in Deutschland ließen sich somit vermeiden.
PROCESS: Reichen die Anstrengungen der Unternehmen aus, dieses Potenzial tatsächlich zu heben?
Seibl: Es verbreitet sich die Ansicht, dass es mehr Sinn macht an der Energie-, als an der Personalschraube zu drehen, um nachhaltig Kostensenkungen zu erreichen. Einige Unternehmen haben schon umfangreiche Energieeffizienz-Maßnahmen eingeleitet. Dennoch gelten die oben genannten Einsparpotenziale nach wie vor. Es gibt also noch einiges zu tun. Das Gute dran für die Unternehmen ist: Investitionen in Prozessautomatisierung und damit in besseres Messen, Steuern und Regeln der Energie rechnet sich für die Unternehmen auch betriebswirtschaftlich. Das kann man sich leicht vor Augen führen, wenn man Projekte konsequent bezüglich ihrer Lebenszykluskosten vergleicht. Der ZVEI stellt dafür kostenfrei ein mit Deloitte entwickeltes Berechnungstool zur Verfügung. Mehr Prozessautomatisierung bedeutet meist weniger Gesamtkosten.
Webtipp: Hier finden Sie das Berechnungstool
PROCESS: Für die Großen der Chemiebranche ist es selbstverständlich, und die Beispiele in Ihrer Branche belegen das, die Forderung nach Energieeffizienz und Kohlendioxydeinsparung zur Chefsache zu machen, und entsprechende Investitionen zu tätigen. Aber wie sieht es mit der schweigenden Mehrheit der KMUs aus?
Seibl: Selbstverständlich tun die großen Chemieunternehmen schon sehr viel in Sachen Energieeffizienz. Zum Teil haben sie ganze Energiemanagementabteilungen. Aber auch viele kleine und mittlere Unternehmen haben sich des Themas angenommen. Manchmal fehlt hier jedoch noch die Transparenz über die wahren Kosten von Effizienzmaßnahmen: Umfragen bei Unternehmen und Gespräche haben ergeben, dass z.B. beim Thema Lebenszykluskosten noch großes Anwendungspotenzial in der öffentlichen aber auch privaten Wirtschaft besteht. 80 Prozent der Firmen nutzen bei Investitionsentscheidungen zur Beurteilung lediglich Anschaffungspreis oder die Amortisationszeit (Pay-off), nicht aber ein Rentabilitätsmaß (z.B. Barwert), wie es die Lebenszykluskosten-Betrachtung verkörpert.
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