Lagebericht der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau Der Deutsche Großanlagenbau ist guter Dinge: Krise? Was für eine Krise?

Von Anke Geipel-Kern 4 min Lesedauer

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Die deutschen Großanlagenbauer sind der Fels in der Brandung weltweiter Krisen. Die Coronapandemie überwunden, das weggebrochene Russlandgeschäft kompensiert, Umsatztreiber der amerikanische Inflation Reduction Act und ein Art Luxusproblem: knappe Konstruktionskapazitäten dank vieler Aufträge. Das Jahr 2023 hätte schlechter laufen können.

Jürgen Nowicki, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA und Linde Engineering CEO(Bild:  CHRIS TILLE)
Jürgen Nowicki, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA und Linde Engineering CEO
(Bild: CHRIS TILLE)

Die gute Nachricht überbrachte Agab-Sprecher Jürgen Nowicki gleich zu Beginn der traditionellen Vorstellung des Lageberichts der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (Agab): Gemessen am Auftragseingang war das Jahr 2023 so gut wie die letzten 20 Jahre nicht. Der Wert der Aufträge ist um 15,7 Prozent auf 24,3 Milliarden Euro (2022: 21,0 Milliarden Euro) angestiegen und erreicht damit den höchsten Wert seit dem Superjahr 2011.

Grüner Stahl treibt das deutsche Projektgeschäft

Zu verdanken ist das Großprojekten in Deutschland, die den Großanlagenbauern 9,6 Milliarden Euro (2022: 6,6 Milliarden Euro) in die Kassen spülten. Sogar der Rekordwert aus dem Jahr 1993 (7,4 Milliarden Euro) wurde deutlich übertroffen. Treiber des Deutschlandgeschäfts sind vor allem Großprojekte zur Produktion von grünem Stahl, wie die Umrüstung des Stammwerks der Salzgitter AG auf eine grüne Stahlproduktion sowie der Ersatz eines Hochofens durch eine wasserstoffbetriebene Direktreduktionsanlage bei Thyssenkrupp in Duisburg. Die Politik bemühe sich intensiv um die Stahlindustrie, erklärt Sprecher Jürgen Nowicki, findet aber auch das Haar in der Suppe. Den Anstieg des Investments in Deutschlands hält er nicht für nachhaltig. Die Projekte seien sehr subventionsgetrieben.

Daumen hoch für das Auslandsgeschäft

Wie immer läuft das Auslandsgeschäft gut für den Großanlagenbau und summiert sich auf 14,8 Milliarden Euro (2022: 14,4 Milliarden Euro). Die Aufträge kommen aus Westeuropa und Nordamerika und Australien angeführt von den USA mit Bestellungen von 2,4 Milliarden Euro (2022: 2,2 Milliarden Euro).

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Der Anteil der China-Projekte am ausländischen Kuchen ist mit fünf Prozent als im Vorjahr, was laut Nowicki an der schwachen Konjunktur dort läge. Trotzdem sei China ein gigantischer Markt und gefragt nach der Position des VDMA mit Blick auf die De-Risking-Strategie der Bundesregierung, erklärt der Agab-Sprecher, dass viele Unternehmen einen kompletten Rückzug aus dem chinesischen Markt nicht durch andere Aufträge ausgleichen könnten. Angesichts magerer fünf Prozent am Auftragsvolumen, ist das allerdings keine Frage, welche die Großanlagenbauer beantworten müssten.

Die Krise als Chance

„Wir sind in der Lage Krisen zu kompensieren“, betont Nowicki und meint damit vor allem die glimpflich überstandene Coronapandemie und das seit dem Ukrainekrieg fehlende Geschäft mit Russland, das die Unternehmen vollständig ersetzt hätten.

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Geholfen habe dabei der Inflation Reduction Act der USA, der viele private Investitionen nach sich gezogen hätte. Allerdings gäbe es auch eine Kehrseite der Auftragsschwemme: Engpässe bei den Montagekapazitäten verbunden mit dem Mangel an Fachkräften.

Decarbonisierung und Nachhaltigkeit bieten die Chance den Vorsprung auszubauen

Umsatzchancen für die Branche liegen vor allem im steigenden Bedarf an nachhaltigen Produktionsanlagen und Kraftwerken. „Viele Unternehmen schauen sehr genau auf Scope 1,2 und 3 und wir Großanlagenbauer können hier unterstützen,“ erklärt Nowicki.

Allerdings vermisst er „wirklich große grüne Projekte“, gibt aber auch zu bedenken, „sauber sei teuer als dreckig“. Soll heißen, auf fossile Rohstoffen basierende Technologien, stoßen zwar Kohlendioxid aus, seien aber aufgrund der günstigeren Rohstoffe und eingeführter Technologien billiger zu haben. Die Ölfirmen seien wieder mit breiter Brust unterwegs. In der Frühphase von Transformationsprojekten gäbe es viel Enthusiasmus. Gehe es dann um Investitionen in den Technologiemaßstab seien Unternehmen zurückhaltend, weil nicht klar sei, ob man wirtschaftlich und damit wettbewerbsfähig arbeiten könne.

Ohne blaue Übergangstechnologien wird die Transformation zur Klimaneutralität nicht funktionieren

Auch deshalb mahnt er Pragmatismus an, beim Übergang in eine klimaneutrale Wirtschaft. Europa müsse wettbewerbsfähig bleiben. Die Politik spiele dabei eine entscheidende Rolle. Als grün zertifizierter Wasserstoff sei auf absehbare Zukunft nicht in den benötigten Mengen verfügbar, deshalb müsse man auch grauen und blauen Wasserstoff nutzen. Andere blaue Technologien, wie CCS (Carbon Capture and Storage) oder CCU (Carbon Capture and Utilization) sind mittlerweile auch in Deutschland kein Tabuthema mehr, seit Wirtschaftsminister Robert Habeck CCS-Speicherung im Meer ins Spiel brachte.

Ein Weg zu mehr Klimaneutralität Lösung liegt für Nowicki in internationaler Zusammenarbeit. „Wir müssen uns besser organisieren und koordinieren zumindest mit den zumindest mit den Amerikanern und Chinesen.“

Digitalisierung, ja aber

Natürlich diskutiert die Branche auch über Digitalisierung und künstliche Intelligenz, auch wenn der Großanlagenbau „eine lange Zündschnur“ habe. KI werde kommen, aber das könne dauern. In der Designphase sieht er Möglichkeiten dadurch schneller zu werden.

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Insgesamt sei das Thema Verlässlichkeit im Großanlagenbau extrem wichtig, erklärt Nowicki: „Die Anlagen müssen laufen und nach der Revision müssen sie wieder fünf Jahre ohne Stillstand laufen.“ Neue Technologien bergen eben auch immer Risiken, warum sich Unternehmen im Zweifelsfall dagegen entscheiden und lieber beim Altbewährten bleiben. Trotzdem sieht Nowicki in Digitalisierung, KI und Decarbonisierung neue Chancen für den deutschen Großanlagenbau, den zuletzt geschrumpften technologischen Vorsprung wieder auszuweiten.

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