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Exklusiv-Interview

Leuna wird entgiftet: Mikrobiologischer Abbau von Methyltertiärbutylether

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PROCESS: Wie war das Scaling-up zur finalen Anlage?

van Afferden: In der Anfangsphase war die Reinigungsleistung nicht stabil, wir hatten im Winter Probleme mit den niedrigen Temperaturen und lagen mit den MTBE- und Benzol-Werten deutlich über den angestrebten Zielwerten. Vor allem galt es das Problem zu lösen, wie sich chemische Ablagerungen in den beiden Becken verhindern lassen. Das galt insbesondere den Kalk- und Eisen-Ausfällungen. Beispielsweise können Eisenoxide und Eisenhydroxide zum Problem werden, da sie den Filter verstopfen und verkrusten können. Wir haben das Filtermaterial im Grobfilter nun so gewählt, dass die Oxide als flockige Materialien den Filter leicht passieren können und danach sedimentieren. Auch die Kalkablagerungen machten Sorgen. Sie entstanden, weil Carbonat wegen der unterschiedlichen Konzentrationen von Kohlendioxid im Grundwasser und der Luft in dem Moment ausfällt, in dem das Grundwasser an die Oberfläche kommt. Doch auch dieses Problem ist nun vom Tisch: Die CO2-Konzentration in der Gasphase im Filterkörper ist nun so hoch, dass kein Carbonat mehr ausfällt.

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Müller: Damit die Mikroorganismen MTBE und Benzol auch wirklich effizient abbauen, schaffen wir für die im Grundwasser lebenden Bakterien ideale Rahmenbedingungen: Das Grundwasser, das durch die beiden Becken strömt, nimmt aus der Atmosphäre den Sauerstoff auf, den das Bakterium für die Stoffwechselprozesse zum Abbau der Schadstoffe unbedingt braucht. Wichtig war uns ferner die ganzjährige stabile Reinigungseffizienz der Grundwasserbehandlung. Durch geeignete Prozessführungsstrate-
gien konnten wir mit einfachen Mitteln eine Vereisung der Anlage verhindern.

PROCESS: Dass der Abbau funktioniert ist die eine Seite; wie ökonomisch ist das Verfahren?

Müller: Gegenüber einer herkömmlichen Anlage ist unsere zwischen 30 bis 70 Prozent kostengünstiger. Zwar sind die Investitionskosten infolge bautechnischer Besonderheiten – wie dem Bedarf spezieller Folien und dem Aushub der Gruben durch Bagger – höher. Die Energiekosten und Betriebsausgaben liegen jedoch ein Mehrfaches unter denen traditioneller Technik. Zum einen ist der Aufwand für die Betreuung der Vertikalfilteranlage klein, da sie im Unterschied zu anderen Anlagen viel seltener gewartet werden muss. Zum anderen sind die Energiekosten gering, weil nur wenige Pumpen und elektrische Aggregate zum Einsatz kommen. Geht man von einer täglichen Grundwasserreinigung von 500 000 Litern aus, sparen die Anlagenbetreiber in fünf Jahren bis zu 1,7 Millionen Euro. Je länger unsere Anlage in Betrieb ist, umso rentabler wird sie!

van Afferden: Wir wollten das Verfahren von Anfang an großtechnisch realisieren. Dass die Umsetzung so gut funktioniert hat, ist auch der engen Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen vor Ort zu verdanken – u.a. mit der Landesanstalt für Altlastenfreistellung Sachsen-Anhalt und der Mitteldeutschen Vermögens-Verwaltungsgesellschaft. Das Verfahren lässt sich relativ schnell und unkompliziert an anderen Standorten anwenden. Alleine in Deutschland gibt es 313 000 Altlasten, davon mehrere tausend Grundwasser-Schadensfälle. Aquincola tertiaricarbonis kann nicht nur MTBE sondern auch viele andere Kraftstoff-Additive, wie das mittlerweile stark verbreitete Ethyltertiärbutylether (ETBE), abbauen.

Fazit

Die Lösung ist ökologisch und wirtschaftlich vorteilhaft. Die Chancen, dass sich die Erfolgsgeschichte dieser Reinigungstechnologie weiter fortsetzt, sind also recht groß.

* Das Interview führte Hans-Jürgen Bittermann. freier Mitarbeiter bei PROCESS.

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