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Das Herz ist der Reaktor mit den Einheiten zur Aufreinigung der Edukte. Auch sonst lässt der Container kaum Wünsche offen: Es gibt einen Prozessleitraum, IT-Module, damit Sensoren auf kurzen Wegen angesteuert werden können, aus Gebinden werden die Einsatzstoffe zum Prozess gefördert, die Atmosphäre kann prozessspezisch mit Pressluft definiert werden, gerichtete Gasströme leiten Emissionen in die gewünschten Apparaturen, wo sie weiterverarbeitet werden, Wandelemente fixieren die Apparate in den gewünschten Positionen. Integriert sind alle Elemente des konstruktiven Brandschutzes, Fluchttüren und last but not least Auffangwannen nach Wasserhaushaltsgesetz.
„Alles ist unter dem Gesichtspunkt Energie- und Rohstoffeffizienz konzipiert“, betont Lang. Die kurzen Wege ermöglichen eine gute Wärmeintegration. Wollen die Verfahrenstechniker die Ergebnisse einer Pinchanalyse umsetzen – bei Rohrleitungen von wenigen Zentimetern Länge ist das eine Sache von wenigen Handgriffen. Der Produktausstoß ist abhängig von der Zahl der Prozessstufen, liegt bei etwa 200 Tonnen im Jahr und entspricht damit dem Marktbedarf vieler Spezialchemikalien.
Im Visier hat Lang vor allem Produkteinführungen, für deren Herstellung Neuinvestitionen nötig sind. Natürlich hängen die Investitionskosten von den Rahmenbedingungen ab, sagt er, doch eigene Erfahrungen zeigten, dass es oft günstiger sei, in dedicated Container-Anlagen zu investieren.
Jeder Evotrainer ist ein Maßanzug für die Reaktion, die darin stattfinden soll. Geschneidert von den Engineering-Spezialisten bei Evonik, welche die eingesetzte Apparatur an die Chemie anpassen. Der Charme des Konzeptes liegt in seiner Vielseitigkeit: Im Container kann sich ein kompletter chemischer Betrieb verstecken, aber auch nur ein Modul, etwa ein Reaktor oder eine Aufarbeitung. In jedem Fall ist das Engineering alles andere als trivial. Eine entscheidende Herausforderung an das Konzept sei der geringe und daher kostbare Bauraum, betont Lang. „Unsere Ingenieure müssen sehr viel Intelligenz dazu verwenden, alle Funktionalitäten, die ein chemischer Betrieb aufweisen muss, in dem engen Raum zur Verfügung zu stellen.“
Anspruchsvolle Kriterien
Zurzeit sind die Copiride-Entwickler dabei, die Chemie für die fünf Musterreaktionen aus den Bereichen Lebensmittelzusatzstoffe, Ver-edelung nachwachsender Rohstoffe, Biotreibstoffe, Biomassenumwandlung und Spezialchemie sowie die optimalen Prozessfenster auszutüfteln. Die Teilprojekte werden jeweils von einem Duo aus Unternehmen und Hochschule bearbeitet:
- Epoxidierung (Mythen, Universita Degli Studi di Napoli Federico II.)
- Biodieselproduktion (Chemtex, Politecnico di Torino)
- Ammoniakproduktion (ITI Energy, University of Newcastle upon Tyne)
- Polymerreaktion 1 und 2 (Evonik, Universität Stuttgart)
- Zuckeroxidation und -hydrierung (Åbo Akademi).
Für jede Reaktion gibt es vier ganz konkrete Ziele, die sich an spezifischen und messbaren („harten“) Kriterien orientieren. So geht es z.B. darum, Kapitalkosten zu senken, Kohlendioxidemissionen zu reduzieren, operative Kosten zu halbieren, oder um eine Anlagenverkleinerung um 90 Prozent, wie bei der Ammoniaksynthese. „Diese Kriterien legen wir zugrunde, um die Prozessfenster zu definieren“, erklärt Koordinator Prof. Dr. Volker Hessel.
Hessel, Direktor des Instituts für Mikrotechnik in Mainz, ist nicht nur Koordinator, sondern auch der Initiator von Copiride. Der studierte Chemiker ist Pionier der Mikroreaktionstechnik und möchte u.a. eine Prozesstechnik entwickeln, „die der Schnelligkeit und Leistungsfähigkeit der mikrostrukturierten Reaktoren auch gerecht wird.“ „Wir wollen einen Reaktor, der viel mehr kann und zielen deshalb auf neue Prozessfenster ab, in denen Prozesse um den Faktor 1000 schneller ablaufen.“ Mikroreaktionstechnik ist ein Mittel, mit dem dieses Ziel erreicht werden soll, aber beileibe nicht das einzige. Hessel sieht die Mikroreaktoren als Enabling-Technologies, Dogmen sind nicht seine Sache. „Wir wollen Mikro dort einsetzen, wo es Sinn macht. Manchmal reichen auch Mesostrukturen.“ Ein wichtiges Instrument des Projekts ist daher eine Wirtschaftlichkeits- und Nutzenanalyse, denn schnell ist zwar gut, aber viel wichtiger ist es Hessel, den optimalen Kompromiss zwischen Schnelligkeit und Wirtschaftlichkeit zu finden.
Test bestanden
Evonik selbst ist mit zwei Polymerreaktionen beteiligt, und Lang hat bereits einen Etappensieg errungen. „Für eine Beispielreaktion geben wir gerade einen Evotrainer in Bestellung.“ In einem Jahr soll die Produktionsanlage fertig sein.
Dass die ausgewählten Applikationen aus verschiedenen Branchen stammen und daher auch sehr unterschiedliche Firmen im Boot sind, liegt am erklärten Ziel Hessels, Mikroreaktionstechnik und Prozessintensivierung in Bereiche zu tragen, die bisher wenig Kontakt damit hatten. Industriepartner sind neben Evonik zwei italienische Unternehmen (Chemtex, Mythen), ein finnisches (Avo Academi) und ein schottisches (ITI Energie). „Wir haben uns mit Italien als Testmarkt den viertgrößten Chemieproduzenten in Europa ausgesucht“, erklärt Hessel.
Der Zeitrahmen für das Copiride-Projekt ist ehrgeizig. Hessel plant nämlich, bereits Ende dieses Jahres mit dem Bau des Piloten zu beginnen. Die Hälfte der Projektlaufzeit will er nutzen, den Container zu betreiben. Dann, sagt er, wird sich die Spreu vom Weizen trennen.
* Die Autorin ist Redakteurin bei PROCESS.
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