Chemiestandort Mitteldeutschland Kohle als Chemierohstoff immer bedeutender

Redakteur: Dr. Jörg Kempf

Im mitteldeutschen Chemiedreieck soll ein Forschungszentrum „Kohle als Chemierohstoff“ entstehen. Dafür setzen sich die Landesregierung von Sachsen-Anhalt und das Netzwerk Cluster Chemie/Kunststoffe Mitteldeutschland ein.

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Dr. Reiner Haseloff, Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt: „Braunkohle, aus der alle Produkte gewonnen werden können, die aus Erdöl hergestellt werden, ist viel zu schade zum Verbrennen.“ (Bild: Viktoria Kühne/Bilddatenbank Sachsen-Anhalt)
Dr. Reiner Haseloff, Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt: „Braunkohle, aus der alle Produkte gewonnen werden können, die aus Erdöl hergestellt werden, ist viel zu schade zum Verbrennen.“ (Bild: Viktoria Kühne/Bilddatenbank Sachsen-Anhalt)

Leuna – Auf einer Tagung zur „Zukunftssicherung des Chemiestandortes Mitteldeutschland durch Nutzung der einheimischen Rohstoffe Braunkohle und Biomasse“ am 26. Mai 2010 in Leuna wurde diese Forderung von Experten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung unterstützt. Eingeladen hatten zu dieser Veranstaltung die Landesverbände Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen des Wirtschaftsrates der CDU, dessen Landesfachkommission Umwelt Energie Landwirtschaft sowie das Cluster Chemie/Kunststoffe Mitteldeutschland.

Braunkohle, aus der alle Produkte gewonnen werden können, die aus Erdöl hergestellt werden, sei viel zu schade zum Verbrennen, sagte Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff. Sie dürfe nicht nur für die Stromgewinnung genutzt werden, erklärte er. Braunkohle müsse auch als Rohstoff für die chemische Industrie dienen. Er verwies auf das vom Bundesforschungsministerium geförderte Forum „Innovative Braunkohlen Integration in Mitteldeutschland ibi“, in dessen Ergebnis vorgesehen ist, die stoffliche Verwertung der Braunkohle zu erforschen. Haseloff sagte: „Von Mitteldeutschland ausgehend gewinnt die Braunkohle dadurch auch ein neues Image: Sauberer, effektiver, kostengünstiger.“

Auch Christoph Bergner, Staatssekretär aus dem für die neuen Länder verantwortlichen Bundesinnenministerium, der CDU-Europa-Abgeordnete Christian Ehler und der FDP-Bundestagsabgeordente Martin Neumann sprachen sich wie viele andere Konferenzteilnehmer für die stoffliche Verwertung der mitteldeutschen Braunkohle aus.

Wachsende Populariät heimischer Braunkohle

Die wachsende Popularität der heimischen Braunkohle hat ihre Gründe: Die Rohstoffbasis der chemischen Industrie und Kunststoffverarbeitung in Mitteldeutschland fußt überwiegend auf Erdöl und Erdgas. Beide werden zunehmend dominiert vom Preisdiktat weniger Nationalstaaten und ihrer Staatsunternehmen. Daraus ergeben sich immer mehr Abhängigkeiten und Wettbewerbsnachteile. Bitumen reiche Braunkohle hingegen ist in unmittelbarer Nachbarschaft der mitteldeutschen Chemieparks ausreichend vorhanden. Das Energiekonzept Sachsen-Anhalts ordnet sie vor allem als Chemierohstoff ein. Das ermöglicht die komplexe Nutzung der in dieser Braunkohle vorhandenen Kohlenwasserstoff- und Kohlenstoffstrukturen als Chemierohstoff mit hoher regionaler Wertschöpfung.

Hinzu kommt, dass an eine lange Tradition angeknüpft werden kann, die die Kohleverarbeitung in Leuna besitzt. Die Forschungskompetenz der TU Bergakademie Freiberg in Sachsen zur Vergasungstechnologie und die Entwicklungsarbeiten des Vattenfall-Konzerns gemeinsam mit der TU Cottbus in Brandenburg zur CO2-Speicherung gewährleisten zudem einen Innovationsverbund der ostdeutschen Länder, die die Entwicklung der Kohlechemie stützen. Ausgegangen wird dabei von einem erheblichen Technologiesprung bei der Gewinnung und Verarbeitung von Kohle.

Einen Aufschwung wird auch bei der Verarbeitung von einheimischer Biomasse in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg erwartet. Deren Entwicklung wird derzeit in diesen Bundesländern mit Hilfe eines Masterplanes voran getrieben.

Neuer Clusteratlas soll Investoren als Wegweiser dienen

Auf die Aussichten der mitteldeutschen Chemie im Nach-Erdöl-Zeitalter geht auch der jüngste Atlas für das Zukunftscluster Chemie/Kunststoffe Mitteldeutschland ein, der am Rande der Tagung vorgestellt wurde.

Die komplett überarbeitete und erweiterte zweite Auflage des 2007 erstmals erschienenen Werkes schlägt den Bogen vom in Mitteldeutschland gefundenen mit 80 000 Jahren alten Kunststoff bis hin zu den modernsten Anteilen von Chemie und Kunststoffen auf wichtigen Zukunftsfeldern. Beleuchtet werden ihre Herausforderungen und Chancen in den Bereichen Automobilbau, Luftfahrt, Photovoltaik, Medizin, technische Textilien, Optik, Polymerelektronik, Möbelindustrie und Verpackungswerkstoffe.

Dargestellt wird der komplette Stoffverbund in der Region. Die in deutscher und englischer Sprache erschienene, attraktiv gestaltete und reich illustrierte Publikation gibt neben geschichtlichen Ausführungen vor allem einen Überblick über die Leistungsfähigkeit der Branche, über ihre Struktur in den vier ostdeutschen Ländern und über ihre internationalen Verbindungen und Projekte.

Für potentielle Investoren kann er als Wegweiser durch die verschiedensten Möglichkeiten dienen, die Chemieparks, außeruniversitäre wissenschaftlichen Einrichtungen sowie Universitäten und andere Chemiestandorte in der vielfältigen Innovationslandschaft bieten. Dabei kann ihnen der umfangreiche Teil helfen, in dem Chemieparks und Standorte, Netzwerke und Verbände, Forschungseinrichtungen an Hochschulen, An-Institute und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sowie Kompetenzzentren umfassend charakterisiert und Ansprechpartner sowie Kontaktdaten genannt werden.

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