Jüngste Erfolge klinischer Studien sowie Fusionen und Übernahmen könnten das Interesse an Investitionen in Biotechnologieunternehmen wieder stärken. Chancen haben besonders Unternehmen mit mittlerer Marktkapitalisierung, deren Produkte marktreif oder schon zugelassen sind.
Marshall Gordon ist Senior Analyst für den Bereich Health Care bei Franklin Templeton.
(Bild: Clearbridge / Franklin Templeton)
Ein Bereich der Pharmabranche, der nicht vom Rückenwind der Covid-Impfstoffentwicklung profitieren konnte, ist die Biotechnologie. Vielmehr litt dieser innovative Teilsektor unter verschiedenen Widrigkeiten: dem ständig zunehmenden Wettbewerb, dem Ablauf von Patenten und der durch die Regulierungsbehörden beobachtete Preisgestaltung von verschreibungspflichtigen Medikamenten. So ist es keine Überraschung, dass sich die Werte des Biotech-Sektors in den vergangenen fünf Jahren schlechter entwickelt haben als der S&P 500 Index.
Kursgewinne dank erfolgreicher klinischer Studien
Mehrere viel beachtete Ankündigungen erfolgreicher klinischer Studien haben dazu beigetragen, dass Biotech-Aktien erhebliche Kursgewinne erzielen und diese auch halten. Ein Beispiel ist Alnylam Pharmaceuticals. Das Unternehmen hat in seiner Apollo-B-Studie eine Verbesserung der Belastungstoleranz und Lebensqualität durch Onpattro, ein RNAi-Therapeutikum zur Behandlung der TTR-Kardiomyopathie (einer potenziell lebensbedrohlichen Herzerkrankung) nachgewiesen. Dies eröffnet Alnylam ein wichtiges neues Marktsegment und stärkt den Aktienkurs des Unternehmens.
Auch Karuna Therapeutics und sein chinesischer Partner Zai Laboratories konnten einen Erfolg verbuchen. Ihr Medikament KAR-XT wirkt stark gegen positive und negative Symptome der Schizophrenie und ist gleichzeitig gut verträglich. KAR-XT ist das erste Medikament seit den 1950er Jahren, welches bei der Behandlung von Schizophrenie auf einem neuen Wirkprinzip basiert. Damit hat es die Chance, in Spitzenzeiten mehrere Milliarden Dollar einzuspielen.
Im Oktober gab Merck positive Phase-III-Daten für Sotatercept bekannt, eine firmeneigene, rechtlich geschützte Verbindung von Proteinen für die Behandlung der pulmonalen arteriellen Hypertonie. Sotatercept war das Hauptargument für Mercks Milliarden-Übernahme des Biotech-Unternehmens Acceleron im vergangenen Jahr.
Diese Beispiele zeigen, dass die kurzfristigen Aussichten für Large-Cap-Therapeutika im Allgemeinen stabil sind; doch in der zweiten Jahreshälfte drohen zahlreiche Patente abzulaufen Dringend erforderlich sind weitere Innovationen. Doch Entwicklung von Medikamenten ist teuer – sie kann mehr als zwei Milliarden Euro kosten. Viel Geld, wenn man bedenkt, dass eine gescheiterte klinische Studie auch spät in der Entwicklungshistorie die Markteinführung verhindern kann.
Trotz des Risikos sind viele Biopharmaunternehmen bereit, einen Aufpreis für die Übernahme eines kleineren, entwicklungsstarken Medikamentenherstellers zu bezahlen. Häufig minimieren sie ihr Risiko, indem sie warten, bis sich in einem späteren Stadium der Medikamentenentwicklung ein Erfolg abzeichnet. Manche Big Player warten mit dem Erwerb sogar bis zu einem Jahr nach der Marktzulassung, um eine sichere positive Prognose für die Nachfrage nach einem kürzlich zugelassenen Produkt abgeben zu können – so geschehen bei der Übernahme des Migräne-Spezialisten Biohaven durch Pfizer.
Zwei Milliardenschwere Übernahmen im dritten Quartal 2022
Allein im dritten Quartal 2022 wurden zwei milliardenschwere Übernahmen kleinerer Firmen durch Unternehmen mit höherer Marktkapitalisierung bekannt gegeben. Amgen zahlte laut eigenen Angaben 3,5 Milliarden Euro für den Autoimmunspezialisten Chemo Centrics mit Blick auf dessen bereits zugelassenes Vasculitis-Medikament Tavneos. Pfizer übernimmt Global Blood Therapeutics für umgerechnet ca. 5,13 Milliarden Euro, um das eigene Portfolio mit dem ebenfalls zugelassenen Medikament Oxbryta zur Behandlung der Sichelzellenkrankheit zu ergänzen und sich gleichzeitig die Chance auf Nachfolgepräparate zu sichern.
Geld für Übernahmen ist genügend vorhanden. Umstrukturierungen, erfolgreiches Agieren am Pharmamarkt und die Einnahmen aus der Covid-19-Pandemie haben Milliarden in die Kassen gespült. Pfizer etwa hat rund 47,5 Milliarden Euro an Barmitteln aus Covid-19-Impfstoffverkäufen angehäuft; die europäischen Pharmaunternehmen Novartis, GlaxoSmithKline und Sanofi haben ihre Investitionskassen durch die Veräußerung von Geschäftsbereichen aufgefüllt, die nicht zu ihrem jeweiligen Kerngeschäft zählen.
Win-win-Situation von Big Playern und Mid Caps
Auch die kleineren Kooperationspartner und deren Produkte profitieren, zum Beispiel von der etablierten, effizienten Vertriebsstruktur, dem hohen Marketingbudget und dem internationalen Markt großer Partner. Bekannte Namen dringen eher vor zu schwer erreichbaren Kundengruppen wie US-Hausärzten sowie Medizinern und Patienten außerhalb der USA. So profitierte Allergan von der größeren Vertriebsreichweite seines Erwerbers Abb-Vie und konnte sein Medikament gegen bipolare Störungen, Vraylar, erfolgreich auf einem drei- bis viermal so großen Markt positionieren.
Stand: 08.12.2025
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Eine weitere positive Nachricht erhielt die Branche kürzlich durch die Kooperationspartner Biogen und Eisai Pharmaceutical. Deren Alzheimer-Medikament Lecanemab hat erfolgreich die für die Zulassung erforderliche Studienphase III absolviert.
Fazit: Auch wenn der jüngste Gegenwind nicht über Nacht nachlassen wird, sind die Autoren der Meinung, dass Biotechnologieunternehmen bei einer größeren Portfolio-Allokation mit Werten des Gesundheitssektors nicht außen vor bleiben sollten.
* Marshall Gordon ist Senior Analyst für Health Care, und Nicholas Wu PhD arbeitet als Senior Research Analyst für den Bereich Health Care bei Clearbridge Investments, Teil von Franklin Templeton.