China will die Konzentration seiner petrochemischen Industrie in fünf industriellen Clustern beschleunigen. Die „großen Fünf“ sind im gerade veröffentlichten, neuen Fünfjahresplan der Volksrepublik aufgelistet. Der China Market Insider Reportstellt sie im Detail vor.
Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet PROCESS regelmäßig über den chinesischen Chemie- und Pharmamarkt.
Peking/China – Es geht den Zentralplanern in Peking beim Ausbau der Petrochemie-Cluster um Skaleneffekte und die Nutzung von Synergien, aber auch um eine bessere Kontrolle und die Verringerung von Umweltrisiken. Kleinere Chemiefabriken müssen in Chemieparks in den Clustern umziehen, wo die Gesetze strikter überwacht werden.
Neben dem Ziel einer Modernisierung der chinesischen Chemieindustrie hatten zahlreiche schwere Störfälle dieses Projekt der geografischen Konzentration vor mehreren Jahren in Gang gesetzt. Ein jüngeres Beispiel dafür ist die gewaltige Explosion in einer Fabrik für Chemiedünger in Xiangshui in der Küstenprovinz Jiangsu am 21. März 2019, die 78 Menschen das Leben kostete.
Das Resultat vieler solcher Unfällen waren einem Bericht der Chemiezeitung Zhongguo Huagong Xinxi Zhoukan zufolge „strenge Inspektionen und Rektifizierungen“, sowie eine „signifikante Reduzierung der chemischen Parks“ in China, bei gleichzeitiger „Aufwertung“ derjenigen, die übrig bleiben.
Dieser Prozess wird lange dauern, und momentan ist die Chemieproduktion in China noch immer sehr auf der Landkarte versprengt. 676 große Chemieparks überall in der Volksrepublik – allein für die petrochemische Industrie – zählt der Industrieverband „China Petroleum and Chemical Industry Federation” zur Zeit. Bald aber soll Petrochemie in China im großen Stil nur noch in wenigen, gut verwalteten Chemieparks stattfinden. Großinvestitionen sollen ab jetzt überwiegend in den fünf großen Clustern genehmigt werden.
Das sind die fünf Petrochemie-Cluster in China.
(Bild: PROCESS)
Die fünf größten Cluster der petrochemischen Industrie Chinas
Cluster Nummer 1: Die Bucht von Hangzhou
Rund um diese südlich von Shanghai gelegene Meeresbucht, wo in der Nähe von Hangzhou der Qiantang-Fluß in das Ostchinesische Meer mündet, ist einer der modernsten, integrierten Industriecluster der petrochemischen Industrie Chinas entstanden.
Nicht nur direkt an der Bucht gelegene Standorte, sondern auch solche am Unterlauf des Jangtsekiang bei Nanking (siehe 1c) weiter unten) werden mit zu diesem neuen Cluster gerechnet. Manchmal ist daher auch vom „Hangzhou Bay and Yangtze River Delta Cluster” die Rede.
In einem Radius von vielen hundert Kilometern sind hier gleich mehrere Mitglieder des „100-Milliarden-Yuan-Clubs“ angesiedelt, also Chemieparks und Entwicklungszonen die jeweils mehr als 100 Milliarden Yuan (12,8 Milliarden Euro) Ertrag pro Jahr erwirtschaften. Die drei wichtigsten - aber längst nicht alle - davon heissen:
1a) Der Chemische Industriepark Shanghai
Der „Shanghai Chemical Industry Park“, wie er auf Englisch heißt, liegt am nördlichen Ufer der Bucht von Hangzhou und hat eine geplante Gesamtfläche von 29,4 Quadratkilometern. Seine Nähe zum Mündungsdelta des Jangtsekiangs gilt als zusätzlicher Standortvorteil. Die moderne Petrochemie aus Öl und Naturgas, die Feinchemie, die Produktion neuer synthetischer Materialien, die von Ethylen, Isocyanat und Polykarbonat sind örtliche Schwerpunkte.
Multinationale Chemiekonzerne wie die BASF, Covestro, Dupont oder Mitsui Chemicals haben hier ebenso Anlagen errichtet wie die chinesischen Konzerne Sinopec, Huayi Group oder die Shanghai Gaoqiao Petroleum Chemical Company.
1b) Die Petrochemische, Wirtschaftliche und Technologische Entwicklungszone Ningbo
Dieser 1998 gegründete Chemiepark befindet sich am südlichen Ende der Bucht von Hangzhou und soll nach seiner Fertigstellung insgesamt 40 Quadratkilometer groß sein. Er zählt zu den drei größten Chemieparks Chinas.
Angesiedelt sind hier unter anderem die Raffinerie „Zhenhai Refining & Chemical“ mit einer Jahreskapazität von 23 Millionen Tonnen Rohöl und einer jährlichen Ethylen-Produktion von einer Million Tonnen, ferner Zhongjin Petrochemical mit seiner Jahresproduktion von zwei Millionen Tonnen an Aromaten, sowie die Ningbo ZRCC Lyondell Chemical, die hier jährlich 600.000 Tonnen Styrol herstellt.
1c) Der Nanjing-Jiangbei Technologiepark für Neue Materialien
Dieser 2001 gegründete, moderne chemische Industriepark liegt nicht direkt an der Bucht, sondern nahe der Acht-Millionen-Stadt Nanking am Unterlauf des Jangtsekiang. Er wird hier mitgerechnet, weil Chinas Industrieplaner begonnen haben, mit einer Meeresbrücke über die Bucht von Hangzhou und Schnellzugtrassen einen neuen „Megacity-Cluster“ zu bauen, der die traditionellen Hochburgen der chemischen Industrie in Shanghai und den benachbarten Provinzen Zhejiang und Jiangsu zu einem einzigen Powerhouse verschmelzen soll, dies halt unter dem Label “Bucht von Hangzhou”.
Stand: 08.12.2025
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Neue Polyurethan-Werkstoffe, Polymer-Hochleistungswerkstoffe, synthetischer Kautschuk, und eine große Zahl von Produkten der Spezialchemie werden hier produziert. Auch dieser Park ist genau wie zwei oben beschriebenen ein Mitglied des „100-Milliarden-Yuan-Clubs“. Unter anderem sind die Unternehmen Sasol, Eastman, Celanese, Heraeus sowie die BASF mit Produktionsanlagen vertreten.
Infographic China Chemical Clusters
2. Der petrochemische Cluster „Pan-Greater Bay Area”
Ein Epizentrum dieses neuen Industrieclusters liegt rund um die Daya Bay am Südchinesischen Meer. Hier im Süden der Provinz Guangong, östlich von Hongkong, gab es einst Piraten und Grauwale. Heute stehen hier nicht nur sechs Kernkraftwerke, sondern auch einige der größten Verbundstandorte der petrochemischen Industrie Chinas.
Ein weiteres örtliches Epizentrum des Clusters liegt nicht östlich von Hongkong, sondern mehr als 400 Kilometer westlich davon in der Nähe der Hafenstadt Zhanjiang auf der Halbinsel Leizhou. Dazwischen liegt die „Greater Bay Area“ rund um Hongkong, Guangzhou und Shenzhen am Mündungsdelta des Perlflusses, und daher stammt die Namenschöpfung „Pan-Greater Bay Area“ für diesen Industrie-Cluster.
Zwei der wichtigsten Chemieparks in dem Cluster sind:
2a) Die Wirtschaftliche und Technologische Entwicklungszone Huizhou-Daya-Bucht
Hier ist 1993 vom chinesischen Staatsrat der Bau einer „petrochemischen Industriebasis von Weltklasse“ beschlossen worden. Die geografische Lage ist günstig, nicht nur wegen der Tiefseehäfen, sondern auch der Nähe zu den Absatzmärkten in Südchina sowie in Südostasien. Hongkong ist nur nur 47 Seemeilen entfernt, und mit dem LKW sind es 120 Kilometer nach Dongguan, einem Hotspot der chinesischen Fertigungsindustrie.
Insgesamt sind hier bis jetzt 91 Chemieprojekte mit Gesamtinvestitionen von 230 Milliarden Yuan (rund 29,5 Milliarden Euro) angesiedelt worden, darunter die Raffinerie CNOOC Huizhou Petrochemical oder die Äthylenproduktion von Shell Huizhou. Das „Exxon Mobil Huizhou Project“ ist die erste petrochemische Produktionsanlage in China, die gänzlich einem US-amerikanischen Konzern gehört. Exxon Mobil baut hier unter anderem einen Ethylen-Cracker mit 1,6 Millionen Jahrestonnen Kapazität.
2b) Die petrochemische Basis Zhanjiang-Maoming
Hier investiert neben vielen anderen chemischen Großkonzernen unter anderem auch die BASF in einen modernen Verbundstandort, der nicht mehr wie früher als Joint-Venture mit chinesischen Staatsbetrieben geführt werden muss, sondern den Deutschen allein gehören darf. (Wir berichteten mehrfach, zuletzt hier: Basf bastelt in China am grünen Verbundstandort).
Rund zehn Milliarden Dollar oder umgerechnet 8,4 Milliarden Euro will die BASF hier bis 2030 investieren. In der ersten Projektphase, die ab 2022 in Betrieb gehen soll, werden technische Kunststoffe und thermoplastisches Polyurethan produziert.
3. Der petrochemische Industrie-Cluster am Bucht von Bohai
Die große Meeresbucht von Bohai liegt in der Provinz Shandong am Gelben Meer im Nordosten Chinas, in der Nähe der Hafenstadt Tianjin. Mehr als 60 kleinere und mittelgroße Chemiefabriken stehen hier, vom Volksmund als „Teekannen“ der chemischen Industrie Chinas bezeichnet.
Die Meeresbucht liefert hier allerdings nur ihren Namen, gewissermaßen als pars pro toto, zur Benennung des „Bohai Bay Rim Petrochemical Industry Cluster”, zu dem außer der direkten Küstenlinie an der Bucht auch die Industriezonen auf der Halbinsel von Liaoning, in der gesamten Provinz Shandong und im neuen Megacity-Cluster “Jing-Jin-Ji”, also in der Region Peking-Tianjin-Hebei gehören. Chinas kommunistische Partei war schon immer sehr gut darin, existierende „assets“ unter neuen Markennamen zu vermarkten.
Die Zentralregierung im nahe gelegenen Peking und die Provinzregierung von Shandong haben zu diesem Zweck beschlossen, die vier Orte Dongying, Yantai, Binzhou und Weifang mit neun weiteren Chemieparks am Rand der Bucht zu einem neuen Cluster der modernen petrochemischen Industrie auszubauen.
Ein Vorzeigeprojekt ist der im Juni vergangenen Jahres direkt von der obersten Planungskommission NDRC genehmigte Petrochemie-Komplex Yulong bei Longkou im Süden der Bucht von Bohai. Die Nanshan-Gruppe und mehrere weitere Investoren bauen hier mit umgerechnet 17,7 Milliarden Euro eine neue Ethylenanlage, die ab 2024 drei Millionen Tonnen produzieren soll.
Ein weiterer Industriepark in diesem Cluster, und einer der größten, ist die Wirtschaftliche Entwicklungszone Dongyin-Hafen. Rund 50 Kilometer nördlich von der Mündung des Gelben Flusses wird hier neben Chemiewerken auch ein moderner Logistik-Hub gebaut.
4. Der Petrochemie-Cluster Haixi
Die Provinz Fujian im Südosten Chinas, direkt gegenüber von Taiwan, hat sich schon im Jahr 2000 entschlossen, die Petrochemie zu einer von drei Schlüsselindustrien auszubauen. Mit „Haixi“ ist die Küste von Fujian gemeint.
Die zwei größten petrochemischen Industrieparks in Fujian liegen in der Bucht von Meizhou und in Gulei:
4a) Der Petrochemie-Stützpunkt Bucht von Meizhou
Die Bucht von Meizhou, an der Meerenge von Taiwan etwa auf halber Strecke zwischen der Provinzhauptstadt Fuzhou und dem Touristenort Xiamen gelegen, war schon zu Marco Polos Zeiten „einer der größten Häfen der Welt“.
Die Zentralplaner in Peking wollen nun aus den umliegenden Regionen nach und nach einen „petrochemischen Industriegürtel” formen, der Vergleiche mit der Bucht von Mexiko oder der Bucht von Tokio nicht scheuen muss. Die drei größten Chemieparks an der Bucht von Meizhou heißen Quangang, Quanhui und Dongwu.
4b) Der Petrochemie-Stützpunkt Gulei
Viele Bewohner der Halbinsel Gulei, die südlich von Xiamen in die Meerenge von Taiwan ragt, sind 2017 umgesiedelt worden, um die gesamte Halbinsel für die Petrochemie herzurichten. Es kam zu Protesten, doch Peking ließ sich nicht von seinen Plänen abbringen.
Fujian Petrochemical und der saudi-arabische Chemiekonzern Sabic haben im September 2020 bekannt gegeben, dass sie in Gulei gemeinsam in eine Ethylen-Anlage mit der Jahreskapazität von 1,5 Millionen Jahrestonnen investieren wollen. (Wir berichteten: Sabic und Fujian planen Etylenanlagen-Weltrekord ).
5. Das „Goldene Energie-Dreieck“ – ein Industrie-Cluster für die Kohlechemie
Trotz seiner im vergangenen Jahr verkündeten, recht ehrgeizigen Pläne beim Klimaschutz und der dafür nötigen Reduzierung von Emissionen, hält China weiterhin an der Kohlechemie fest. Mit dem goldenen Energie-Dreieck sind die drei zu einem Cluster zusammengefassten Standorte Yulin in der Provinz Shanxi, Ningdong in der Provinz Ningxia und Ordos in der Provinz Innere Mongolei gemeint, also eine Art überregionales Industriegebiet der Kohlechemie im Nordwesten Chinas.
In diesem Dreieck lagern rund 200 Milliarden Tonnen Kohle, was etwa 47,2 Prozent der gesamten chinesischen Reserven entspricht. Es gibt dort auch gute Voraussetzungen für die Erzeugung von Solar- und Windenergie, mit der Peking im Laufe der kommenden Jahre einen Teil seiner Kohlechemie-Projekte umweltfreundlicher gestalten will. So scheint beispielsweise 3000 Stunden im Jahr die Sonne.
Deshalb hat man in der „Ningdong Energy Chemical Base“, einem der drei wesentlichen Chemieparks des Dreiecks, bereits mit der Produktion von grünem Wasserstoff mit Hilfe von erneuerbaren Energien begonnen. Bis 2025 soll die Wasserstoffproduktion dort auf 200.000 Tonnen hochgefahren werden, weshalb Peking seinen Industrie-Cluster schon jetzt als Beispiel für eine „moderne Kohlechemie“ bezeichnet.
* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.