Ethylennetz Ethylen-Pipeline Süd schließt Lücke zum nordwesteuropäischen Ethylennetz

Redakteur: Anke Geipel-Kern

Die neue Ethylen-Pipeline Süd wird das bayrische Chemiedreieck aus der Isolation befreien. Erste Investitionen zeigen dabei, dass die geplante Anbindung an das nordwesteuropäische Ethylennnetz nicht nur das Wachstum in Bayern fördert.

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Insellagen können idyllisch sein, weil die Bewohner ein ruhiges Leben führen, aber auch tückisch, weil Wachstum nur schwer möglich ist. Aus genau solch einer Insellage soll die neue Ethylen-Pipeline Süd das bayrische Chemiedreieck jetzt befreien. Hier siedeln zwischen Inn und Salzach knapp 30 Chemiebetriebe, die fast 30 000 Arbeitsplätze schaffen und das größte Cluster innerhalb Bayerns bilden. Bislang waren die Ethylenerzeuger und -verbraucher in der Region zwar untereinander durch eine unterirdische Leitung verbunden, diese endete aber an den Grenzen des Chemiedreiecks in Münchsmünster und Gendorf. Eine Situation, die sich ab dem Frühjahr 2009 ändern soll, dann strömt durch eine 360 Kilometer lange Leitung Ethylen von Münchsmünster bis Ludwigshafen, wodurch die Lücke im europäischen Ethylen-Pipelinenetz geschlossen wird. Bislang besteht lediglich eine Ethylenleitung von Ludwigshafen nach Wesseling, die dann nach Rotterdam führt. „Die geplante Pipeline ist damit ein strategisches Element im europäischen Verbundnetz“, erklärt Hans-Detlef Dreeskornfeld, Geschäftsführer der Ethylen-Pipeline-Süd (EPS). Das fehlende Teilstück wird nämlich den in Bayern ansässigen Ethylen-Verbrauchern den Zugang zu den Ethylen-Erzeugern in Nordwest-Europa sichern. 200 000 Tonnen jährlich beträgt die Kapazität in der ersten Ausbaustufe, im Endausbau 400 000, und durch zusätzliche Verdichter kann die Durchleitungsmenge noch einmal erhöht werden, sagt Dreeskornfeld.

Erzeuger und Verbraucher

EPS ist ein Zusammenschluss von sieben Ehylenerzeugern und -verbrauchern und wird nach der Inbetriebnahme als Betreiber fungieren. Mit dazu gehören OMV in Burghausen und Lyondell-Basell in Wesseling und Münchsmünster – zwei große Mineralölkonzerne, die gemeinsam mehr als 600 000 Tonnen Ethylen erzeugen. Neben den beiden Erzeugern sind noch fünf weitere Konzerne mit im EPS-Verbund: BASF, die sowohl Ethylenerzeuger als auch -verbraucher ist, sowie die Verbraucher Borealis, Clariant, Vinnolit und Wacker. BASF ist als einziges Unternehmen nicht im bayrischen Chemiedreieck ansässig und verfolgt die stärkere Anbindung des Standortes Ludwigshafen an die europaweiten Pipelinesysteme für petrochemische Rohstoffe als eines der strategischen Ziele zur Weiterentwicklung ihres Stammwerks. Für die Konsortiumsmitglieder hingegen bedeutet die Pipeline in der Hauptsache Investitionssicherheit, denn das fehlende Glied in der Ethylenkette hindert am Wachstum: Bislang können die Betriebe fehlenden Rohstoff nämlich nur teuer über die Straße beschaffen und konnten Überschüsse nicht abgeben.

Ethylenproduzent OMV hat bereits in Burghausen investiert: Durch neue Anlagen wächst die Propylenproduktion um 315 000 auf 560 000 Tonnen jährlich, und die Ethylenkapazität steigt um 110 000 auf 450 000 Tonnen pro Jahr. Nicht nur für den österreichischen Mineralölkonzern, der 21 Millionen Euro zum Bau beisteuert, ist die Pipeline eine echte Investition in die Zukunft, ähnlich sieht das auch Dr. Thomas Karcher, Standortleiter der Vinnolit. Der PVC-Hersteller rüstet derzeit am Standort Gendorf die Chlorproduktion um. Das Vorhaben sei in zwei Stufen geplant und solle im Jahr 2011 abgeschlossen werden, sagt Karcher.

Auflagen der EU

Die Pipeline hat bereits eine lange Geschichte. Die ersten Machbarkeitsstudien stammen schon aus dem Jahr 2002, und eine Zeitlang schien das ganze Projekt in Frage gestellt, denn Bayern wollte ursprünglich die Hälfte der Kosten zuschießen. Doch die Europäische Kommission stellte sich bei der Genehmigung der Subvention quer. Die europäischen Wettbewerbshüter fürchteten, dass Bayern seiner Chemie einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnte. „Viele Einzelgespräche und Verhandlungen waren nötig, um die Kommission von der gesamteuropäischen Bedeutung und damit der Förderungswürdigkeit der Pipeline zu überzeugen“, erinnert sich Dreeskornfeld.

Teil der Auflage war die Begrenzung des Zuschusses auf 45 Millionen Euro (30 Prozent der Gesamtinvestition), wodurch sich der größte Teil der Kosten auf die sieben Gesellschafter verteilt. Dabei entfallen jeweils rund 20 Millionen Euro auf die drei Ethylenerzeuger (BASF, Basell, OMV) und je rund zehn Millionen auf die -verbraucher (Borealis, Clariant, Vinnolit, Wacker).

Wichtiges Detail für Interessenten, die ebenfalls von der Pipeline profitieren wollen, ist das Common-Carrier-Prinzip, das den Zugang über den Gesellschafterkreis hinaus öffnet, und das Low-Profit-Prinzip, welches die Kosten für die Nutzer beschränkt. In Baden-Würtemberg gibt es auch bereits einen Interessenten. Deutschlands größte Raffinerie Miro erzeugt nämlich als Nebenprodukt Ethylen, das bisher unterfeuert wurde, aber künftig nach einer Investition in eine Reinigungsanlage über eine Stichleitung in die Pipeline eingespeist werden soll.

Verhandlungen laufen noch

Drei Länder verbindet die Leitung: Bayern (100 km Trassenlänge), Baden-Württemberg (190 km) und Rheinland-Pfalz (70 km), und nicht überall ist die Freude über die Pipeline ungetrübt. Zurzeit kämpft EPS jedenfalls um Wegerechte, denn besonders einige schwäbische Bauern sehen nicht ein, warum sie ihr Land der Gesellschaft zur Verfügung stellen sollen. Am übersichtlichsten ist die Situation in Bayern, wo im September 2007 der Spatenstich stattgefunden hat. Hier liegen mittlerweile 90 Prozent der Wegerechte in Händen der EPS, ähnlich sieht es in Rheinland-Pfalz aus, wo 80 Prozent der Eigentümer sogenannte Dienstbarkeitsverträge abgeschlossen haben und seit Oktober kräftig gebaut wird. „In Baden-Würtemberg gibt es in der Wegerechtssituation regionale Unterschiede“, räumt Dr. Werner Döhler, der zweite EPS-Geschäftsführer ein. Von den 6000 einzuholenden Verträgen seien bisher knapp 60 Prozent erworben. Trotzdem soll im Juli dieses Jahres gleichzeitig an fünf verschiedenen Stellen mit dem Verlegen der Leitung begonnen werden. Die beiden Geschäftsführer erwarten jedenfalls keine Verzögerungen durch aufmüpfige Landwirte: „Der Starttermin wird gehalten“, betont Dreeskornfeld.

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