CO2-Verwertung Die chemische Industrie versucht, Kohlenstoffdioxid in den Produktionsprozess zurückzuführen

Redakteur: Sonja Beyer

Kohlenstoffdioxid verstärkt den Treibhauseffekt und hat deshalb einen schlechten Ruf. Doch in den Gigatonnen Kohlenstoffdioxid, die weltweit pro Jahr emittiert werden, steckt für die Zukunft großes Wertschöpfungspotenzial, das die Chemie mehr und mehr für sich zu entdecken beginnt.

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„Eine CO2-neutrale Energiegewinnung zur nachhaltigen Erzeugung von Wasserstoff als Reaktionspartner des CO2 ist für eine stoffliche Nutzung von CO2 bedeutend.“ Dr. Marvin Estenfelder, Leiter der weltweiten Forschung des Geschäftsbereichs Katalysatoren-Technologie bei Süd-Chemie. (Bild: Süd-Chemie)
„Eine CO2-neutrale Energiegewinnung zur nachhaltigen Erzeugung von Wasserstoff als Reaktionspartner des CO2 ist für eine stoffliche Nutzung von CO2 bedeutend.“ Dr. Marvin Estenfelder, Leiter der weltweiten Forschung des Geschäftsbereichs Katalysatoren-Technologie bei Süd-Chemie. (Bild: Süd-Chemie)

Weltweit blasen Industrieschornsteine große Mengen Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre – das ist schlecht für’s Klima, weil das Gas den Treibhauseffekt verstärkt, und Ressourcenverschwendung, weil sich ein kohlenstoffhaltiger Rohstoff ungenutzt verflüchtigt. Die chemische Industrie, die mit Hochdruck nach Erdölersatz sucht, grübelt deshalb, wie sie den Klimaschädling in Produkte mit Nutzwert verwandeln kann, d.h. Kunststoffe, Feinchemikalien oder pharmazeutische Wirkstoffe. Erste Erfolge gibt es bereits: Bayer Material Science und Bayer Technology Services z.B. haben mit der RWTH Aachen ein Verfahren entwickelt, das CO2 in Kunststoffe einbaut und noch 2010 im industriellen Maßstab getestet werden soll. Warum die Verwertung interessanter ist als die Alternativen, nämlich das Abblasen des CO2 über Dach oder das sowohl gesellschaftlich als auch unter Experten umstrittene CCS-Verfahren (Carbon Capture and Storage), das Kohlenstoffdioxid einfängt und unterirdisch speichert, liegt für Dr. Daniela Kruse auf der Hand: „Im Gegensatz zur Speicherung bringt die Nutzung Prozesse mit Wertschöpfung hervor.“ Kruse erforscht als Senior Project Manager des Science-to-Business Center Eco2 unter Leitung der strategischen Forschungseinheit Creavis Technologies & Innovation bei Evonik, wie sich CO2 abtrennen lässt, und erforscht mögliche Synthesewege mit CO2 als Einsatzstoff.

CO2 zu nutzen halten Fachleute aber nicht nur deshalb für sinnvoll, weil dabei wertvolle Produkte entstehen, sondern auch, weil im Gegensatz zu CCS keine Unbekannte in der Gleichung stehen bleibt. Selbst unter Geoexperten ist nämlich zurzeit strittig, ob die Speicher unter der Erde langfristig dicht halten oder das CO2 Jahrzehnte später doch ausgast und so erneut Schaden anrichtet. Und auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie die Selbstverpflichtung der Chemie, möglichst wenig CO2 freizusetzen, verleihen dem Vorhaben Schwung.

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