Newsticker Dezember: Aktuelles aus der Prozessindustrie

Chemiekrise spitzt sich zu – Domo-Tochterfirmen insolvent

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11.12.2025

Berlin (ots) *09:05 Uhr – Strafanzeige gegen Verantwortliche beim Chemiekonzern Solvay

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat am gestrigen Donnerstag, den 11. Dezember 2025 Strafanzeige gegen die verantwortlichen Vertreter des Chemiekonzerns Solvay gestellt. Nach Aussage des Regierungspräsidiums Stuttgart bestand ein genehmigungsrelevanter «Summenparameter für Fluor und alle gasförmigen anorganischen Fluorverbindungen», unter den auch das extrem schädliche Klimagas Schwefelhexafluorid (SF6) fällt, gegen den das Solvay-Werk in Bad Wimpfen verstößt. Dieses komme nach Aussage des Regierungspräsidiums als Emittent «de facto» allein in Betracht.

«Die massive Freisetzung eines der gefährlichsten Klimagase ist weder zufällig noch unbemerkt erfolgt. Im Gegenteil: Seit mehr als einem Jahr sind Umweltministerium und das Regierungspräsidium nicht durch eigene Überwachungen, sondern über Messungen unabhängiger Forscher über die unglaublich hohen klimaschädlichen SF6 Emissionen im Raum Heilbronn informiert – ohne diese massive Umweltbelastung durch behördliche Anordnungen abzustellen. Wenn trotz eines festgelegten Summenparameters jahrelang tonnenweise SF6 entweicht, ist das schwerwiegendes Klimaschutz- und Aufsichtsversagen. Wir fordern eine vollständige Transparenz über die in den vergangenen Jahren behördlich stillschweigend akzeptierten erhöhten Freisetzungen des klimaschädlichsten Industriegases und zu deren Beendigung notfalls ein Betriebsverbot für die entsprechenden Teile der Industrieanlage.

Mit unserer Strafanzeige wollen wir zudem die strafrechtliche Aufarbeitung dieser mutmaßlich wissentlichen Klimaschädigung durch die verantwortlichen Manager erreichen. Denn wenn gegen eine Genehmigung verstoßen wurde, liegt eine nach § 325 Strafgesetzbuch strafbare Luftverunreinigung vor.»

Hintergrund: Nach Erkenntnissen internationaler Forschungsteams lagen die tatsächlichen Emissionen in Südwestdeutschland im Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2023 bei rund 30 Tonnen SF6 jährlich – dies ist das 500-fache der von Solvay gemeldeten 56 Kilogramm. Diese Menge SF6 entspricht einem Äquivalent von circa 730.000 Tonnen CO2 und ist vergleichbar mit dem Klimaschaden von 250.000 Langstreckenflügen. SF6 ist mit einem Treibhauspotential von 24.300 das klimaschädlichste Industriegas. Es wird als Isoliergas bei elektrischen Anlagen eingesetzt.

Berlin (dpa) Reiche will Chemieindustrie stützen – Verhandlungen mit Brüssel

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will die kriselnde deutsche Chemiebranche stützen. Die CDU-Politikerin setzt dabei zunächst auf eine Einigung mit der EU-Kommission über eine Kombination von zwei geplanten Maßnahmen – den Industriestrompreis und die sogenannte Strompreiskompensation. Die EU-Kommission verbietet eigentlich eine Doppelförderung. Brüssel muss beide Maßnahmen beihilferechtlich genehmigen.

Mittelfristig soll zusammen mit der Branche eine «Chemieagenda 2045» erarbeitet werden. Reiche sagte nach einer Auftaktveranstaltung dazu in Berlin, der Chemiestandort Deutschland sei in seiner Bedeutung nicht zu überschätzen. «Ohne innovative Chemie keine leistungsfähigen Batterien, keine effizienten Solaranlagen, keine Impfstoffe, keine klimafreundlichen Kunststoffe, keine sauberen Produktionsprozesse.»

Im Koalitionsvertrag heißt es, Deutschland solle der «weltweit innovativste Chemie-, Pharma- und Biotechnologiestandort» werden. Zum Ende des ersten Quartals 2026 soll laut Reiche ein Abschlusspapier zur Agenda vorgelegt werden Die energieintensive Chemieindustrie klagt vor allem über hohe Energiekosten im internationalen Vergleich. Reiche verwies zum einen auf beschlossene Maßnahmen wie eine Senkung der Stromnetzentgelte. Die Regierung plant zudem einen staatlich subventionierten, günstigeren Industriestrompreis für die Jahre 2026 bis 2028 sowie eine Verlängerung und Ausweitung der sogenannten Strompreiskompensation. Dabei werden Firmen indirekt von Kosten des CO2-Emissionshandels entlastet.

Reiche verwies auf den Grundsatz der EU-Kommission, dass keine Kumulierung von Beihilfen möglich sei. Das Ministerium versuche nun eine andere Lösung hinzubekommen: ob man einen chemischen Prozess so in Teile teilen könne, dass abgrenzbar Stromenergiemengen anrechenbar seien – so dass ein Teil für die Strompreiskompensation und ein anderer für den Industriestrompreis zur Verfügung stehe. «Die Kommission hat dazu noch keine Antwort gegeben, aber auch nicht Nein gesagt.»

Der Präsident des Verbands der Chemischen Industrie, Markus Steilemann, machte deutlich, es sei ganz entscheidend, beide Maßnahmen wirksam werden zu lassen. Die Hilfen müssten zudem schnell ankommen. Die Maßnahmen sollten allerdings zwar 2026 in Kraft treten, aber ab 2027 rückwirkend beantragt werden können. Ohne kurzfristige Entlastungen werde es nicht gelingen, Investitionen am Standort zu halten. Der Vorsitzende der Chemie-Gewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis, sagte, derzeit gingen in Deutschland viele Jobs verloren. Es gehe nun zunächst um «Notarzt-Management»: «Wenn wir nicht schnell genug sind, wird es einige Teile der Industrie nicht mehr geben.»

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Die deutsche Chemiebranche erwartet auch im kommenden Jahr kein Ende ihrer tiefen Branchenkrise. «Die Industrie funkt SOS», hatte Steilemann am Mittwoch gesagt. Die Produktionsanlagen der drittgrößten deutschen Industriebranche seien nur zu 70 Prozent ausgelastet - «ein historischer Tiefpunkt und weit entfernt von Rentabilität». Jedes zweite Unternehmen habe zu wenig Aufträge. Diese seien seit 2021 im In- und Ausland um mehr als 20 Prozent eingebrochen.

Krefeld (dpa/lnw) *14:53 Uhr – Teilgeständnisse nach Umweltskandal am Niederrhein

Nach dem Umweltskandal mit giftigem Löschschaum am Niederrhein haben vor Gericht zwei Angeklagte Teilgeständnisse abgelegt. Vor einem halben Jahr war bekanntgeworden, dass eine Firma aus Willich tonnenweise Löschmittel aus Feuerlöschern illegal entsorgt haben soll. Am Amtsgericht Krefeld sind der 67-jährige Chef des Entsorgungsunternehmens, sein 35-jähriger Sohn und Geschäftsführer sowie ein 46-jähriger Angestellter angeklagt. Ihnen werden schwerwiegende Umweltstraftaten und gewerbsmäßiger Betrug vorgeworfen. Der angeklagte Vater und der Mitarbeiter gaben zu, über vier Jahre hinweg gemeinsam und ohne die nötige Genehmigung Löschmittel aus Feuerlöschern angenommen zu haben.

Diese seien dann am Firmensitz in Willich sowie einer Scheune in Viersen gelagert und in der Hälfte der Fälle nicht sachgerecht entsorgt worden. Die beiden Männer bestritten aber, die Löschmittel wild abgekippt oder in Gewässer verklappt zu haben. Vielmehr habe der Fahrer eines Entsorgungsunternehmens die Löschmittel angenommen und gegen einen Obolus «entsorgt», erklärte der Verteidiger des 67-Jährigen. Der mitangeklagte 35-jährige Sohn war laut dessen Verteidiger nur pro forma Geschäftsführer des Willicher Unternehmens und habe mit den Geschäften nichts zu tun gehabt.

In einer Scheune in Viersen hatten Ermittler im Juni vergangenen Jahres 25 Tonnen Feuerlöscher und 40 Tonnen Löschmittel mit der Ewigkeits-Chemikalie PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen) entdeckt. Nach Angaben der Ermittler wurden zwischen 2020 und 2024 rund 208 Tonnen des Materials eingesammelt – für die Hälfte davon fehlten die Entsorgungsnachweise.

Laut Oberstaatsanwältin Britta Affeldt wurden bei Bodenproben am Firmensitz und am Standort der Scheune die Grenzwerte für PFAS erheblich überschritten, eine Gefährdung des Grundwassers wurde festgestellt. Laut Anklage hat das Trio rund 260.000 Euro Entsorgungskosten eingespart. Der Verbleib des Großteils der belasteten Löschmittel sei ungeklärt. Für den Prozess hat das Amtsgericht bis zum 19. Dezember insgesamt vier Verhandlungstage angesetzt. Einer der Zeugen wird auch der Fahrer des Großentsorgers sein, der den Schaum entsorgt haben soll. Bei einer Verurteilung vor dem Schöffengericht müssen die drei Angeklagten mit Gefängnisstrafen rechnen.

Mainz (dpa/lrs) *09:49 Uhr – Schott Pharma blickt Richtung USA und Asien

Der Pharmazulieferer Schott Pharma plant mittelfristig Produktionsverlagerungen Richtung USA und Asien. «Es gibt Industriebewegungen Richtung USA, auch in der Pharmazeutik, auch nach China und Indien», sagte Finanzvorstand Reinhard Mayer der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. «Die neue US-Administration versucht, Fertigung in die USA zu bringen.» Damit änderten sich Pläne bei großen Pharmakonzernen, sagte Mayer. «Und wir sind Teil der Kette.»

Angesichts dessen müsse Schott Pharma überlegen, wo Kapazitäten für welche Produkte in fünf, sechs Jahren benötigt würden, sagte Mayer weiter. «In Indien sind wir stark, in China ist unsere Marktpartizipation noch nicht so stark.»

Nichtsdestotrotz wollen die Mainzer ihre laufenden Investitionen in europäische Standorte, namentlich in Ungarn und Serbien, zunächst zu Ende führen. Am Heimatstandort Mainz werde sich die Beschäftigung nach einem leichten Aufbau im zu Ende gehenden Jahr nicht nennenswert ändern.

Im Geschäftsjahr 2025 steigerte Schott Pharma, das Verpackungen und Behältnisse aller Art für die Pharmabranche herstellt, seinen Umsatz um drei Prozent auf 986,2 Millionen Euro. Unter dem Strich blieb ein Gewinn von 147,0 Millionen Euro, das waren 2,2 Prozent weniger als im Jahr davor.

Aktuell sehen die Mainzer ein herausforderndes Marktumfeld, der scheidende Vorstandschef Andreas Reisse nannte 2026 ein Übergangsjahr. Ein Grund dafür ist dem Unternehmen zufolge, dass ein langjähriger großer Kunde weniger Bedarf an Glasspritzen hat als erwartet. «Das ist ein singuläres Ereignis», betonte Finanzvorstand Mayer. «Die Haupttrends sind immer noch intakt.»

Die Weltbevölkerung wachse, es gebe mehr chronische Erkrankungen wie Krebs, Diabetes oder Autoimmun-Erkrankungen. Geschäft etwa mit großvolumigen Spritzen, Pens oder sogenannten Autoinjektoren zur Selbstverabreichung von Medikamenten sei mit Blick auf die Entwicklung von mRNA-Medikamenten, Abnehmmitteln oder auch Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten zu erwarten. Bei letzteren sollen Wirkstoffe der Chemotherapie mit Hilfe von Antikörpern gezielter an Krebszellen gebracht werden. «Der Trend geht weg von der Behandlung im Krankenhaus», sagte Mayer.

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