Anlagen-/Apparatebau/Thermische Verfahren Beendet REACH die Schmierstoffvielfalt?

Redakteur: Philip Wienberg

Greift das Chemikalienkontrollsystem REACH in der geplanten Weise, sehen europäische Schmierstoffhersteller die Gefahr einer Wettbewerbsverzerrung. Hinzu komme eine Verringerung des Produktangebots, da Lieferanten aus ökonomischen Gründen manchen Rohstoff wohl nicht mehr herstellen würden.

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Eigentlich haben Schmierstoffe die im Deutschen etwas abwertend klingende Namensgebung nicht verdient. Da hört sich das englische Lubricants wesentlich edler an. Der übergreifende Terminus Tribologie macht immerhin klar, dass man an die Themen Reibung, Verschleiß und Schmierung am vorteilhaftesten wissenschaftlich herangehen sollte. Eine Wissenschaft sind die Auswahl und Rezeptur des anwendungsgerechten Schmierstoffs allemal: Umgebungseinflüsse (Staub, Temperatur oder Feuchtigkeit) und konstruktive Faktoren (Material, Oberfläche oder Geometrie der Reibkörper) spielen eine ebenso große Rolle wie Beanspruchungsfaktoren (Geschwindigkeit, Druckbelastung oder Vibrationen) und Parameter wie Druck, Scherung, Temperatur, Viskosität oder Kontakt zu anderen Medien.

Schmierstoffe werden überall in der Industrie eingesetzt, die Welt der Technik ist ohne sie nicht vorstellbar. Das Aufgabenspektrum reicht von der Kraftübertragung über die Kühlung bis hin zur Schmierung, also der Verminderung von Reibung zweier Reibpartner.

So vielfältig wie die Aufgaben ist das Angebot an Produkten. Doch mit dieser Schmierstoffvielfalt könnte nun bald Schluss sein. Aufgrund der Neuausrichtung der Chemikalienpolitik in der EU (Chemikalienkontrollsystem REACH: Registration, Evaluation and Authorisation of Chemicals) sieht der Verband Schmierstoff-Industrie (VSI) die Gefahr einer Wettbewerbsverzerrung. Auch Fuchs Petrolub spricht von einer möglichen Verringerung des Rohstoffangebots, da unter Umständen für Lieferanten die Herstellung einzelner Rohstoffe aus ökonomischen Gründen nicht mehr sinnvoll sei.

Mit den Additiven beginnt das Problem

Diese Befürchtungen sind durchaus ernst zu nehmen, bestehen doch Schmierstoffe in der Regel aus Grundölen und Additiven (Chemikalien). Diese Chemikalien und Zubereitungen werden von den Schmierstoffunternehmen oft von kleineren Herstellern zugekauft. Die produzierten Jahresmengen sind zum Teil recht klein, da diese nur in geringen Mengen im Schmierstoff eingesetzt werden. Hier beginnt das Problem, müssen doch auch solche Chemikalien und Zubereitungen nach Inkrafttreten von REACH kostenintensiv untersucht werden, um toxikologische Daten zu gewinnen.

In vielen Fällen kann das dazu führen, dass Rohstoffe und damit Schmierstoffe vom Markt verschwinden werden. Ein anderer Aspekt: Die in Schmierstoffen verwendeten Chemikalien müssen vom Hersteller bzw. Anbieter für eben diese Verwendung angemeldet werden, d.h. der Schmierstoffhersteller muss dem Stofflieferanten mitteilen, in welcher Art Schmierstoff (Motorenöl, Fett, etc.) er den Stoff zu verwenden gedenkt. Es wäre dann zu befürchten, dass der Additivlieferant diese Information unter Umständen an den Wettbewerb weitergibt.

Dr. Stephan Baumgärtel vom Verband der Schmierstoffhersteller betont, dass die Frage der Geheimhaltung nicht zu unterschätzen sei: „Denn das Know-how der Schmierstoffhersteller besteht unter anderem darin, dass man Stoffe einsetzt, die eigentlich gar nicht für Schmierstoffe gedacht sind, sondern zum Beispiel aus der Waschmittel- oder der Gummiindustrie kommen.“

Auch große Mineralöl-Konzerne machen sich darüber Gedanken: BP vermarktet nahezu ausschließlich Stoffe mit einer hohen Jahresproduktion von mehr als 1000 Tonnen.

Diese Stoffe müssen die Registrierung innerhalb des ersten vorgesehenen Zyklus von drei Jahren durchlaufen. Für BP entstehen in Europa nach internen Schätzungen durch REACH zusätzliche Kosten in der Höhe von 110 Millionen US-Dollar. Das Hauptrisiko für BP besteht in der Möglichkeit, dass zahlreiche zugekaufte Additive, die für die Schmierstoffproduktion verwendet werden, wegen eines ungünstigen Kostenverhältnisses vom Markt verschwinden werden. Dies würde die Reformulierung von Tausenden von Schmierstoffen notwendig machen.

Anwender teilen die Befürchtungen

Es wird also nach Lage der Dinge zukünftig weniger Schmierstoffvarianten geben. Wie sehen das die Kunden? „Ich kann mir schon vorstellen, dass bei anspruchsvollen Anwendungen und in GMP-Anlagen Nachteile entstehen könnten – z.B. bei Standzeiten und Wartungsintervallen bzw. bei der Lebensmitteltauglichkeit“, so der Betriebsingenieur eines Chemie-Konzerns. Der Entwicklungschef eines Pumpenherstellers ergänzt, dass die Anforderungen an Schmierstoffe und Hydraulikflüssigkeiten aufgrund der unterschiedlichen Einsatzbedingungen tatsächlich stark variieren können: „Die erforderliche Viskosität, Temperaturgrenzen und Temperaturbeständigkeit, Kompressibilität und eventuell Lebensmitteltauglichkeit, aber auch die Beschaffungssituation sind hier die wichtigen Variantentreiber“.

Noch deutlicher wird Dipl.-Ing. Thorsten Ebsen von ebsen engineering, Schmalensee: „Gerade die Vielzahl an Spezialschmierstoffen für die unterschiedlichsten Anwendungen und Einsatzbereiche zeigt doch, dass ein großer Bedarf an Sonderlösungen besteht.“ Hierzu zählt er insbesondere Anforderungen aus der Lebensmittel- und Pharmaindustrie, die lebensmittelgerechte Lösungen benötigen. Oder aus der Industrie, die Sonderlösungen für extreme Umgebungsbedingungen nachfragt (hohe oder niedrige Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit).

Viele dieser Anforderungen schlössen sich jedoch gegenseitig aus, so Ebsen: Ein Schmierstoff der EPDM-Dichtungen chemisch nicht angreife, könne durchaus negative Auswirkungen auf FKM-Dichtungen haben ] und das eventuell auch nur bei bestimmten Temperaturen. Daraus sei ersichtlich, dass es für jede Aufgabe ein optimales Schmiermittel gebe. „Durch eine Reduzierung der zur Verfügung stehenden Additive wird dann sicherlich auf Mehrbereichsschmierstoffe ausgewichen. Ein solcher Schmierstoff stellt jedoch immer einen Kompromiss dar, der auf Kosten der Effizienz von Maschinen und der Lebensdauer von Komponenten geht.“ Eines ist jedenfalls sicher: Die Reaktionen von Anwendern zeigen die hohe Bedeutung, die Schmierstoffen zugebilligt wird.

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