GTAI-Branchenanalyse Italien Italiens Chemieindustrie im Wandel: Fünf wichtige Markttrends 2025

Von GTAI 4 min Lesedauer

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Italiens Chemieindustrie investiert bis 2050 rund 31 Milliarden Euro in die klimaneutrale Transformation. Aus dem GTAI-Bericht von Torsten Pauly lassen sich fünf wichtige Trends der italienischen Chemiebranche ableiten.

GTAI-Bericht: Italiens Chemieindustrie ist forschungsstark. Große Bedeutung haben in den kommenden Jahren die Digitalisierung und der klimagerechte Umbau der Produktion.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
GTAI-Bericht: Italiens Chemieindustrie ist forschungsstark. Große Bedeutung haben in den kommenden Jahren die Digitalisierung und der klimagerechte Umbau der Produktion.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Die italienische Chemieindustrie befindet sich in einem dynamischen Wandel, geprägt von steigenden Investitionen in Nachhaltigkeit, technologischer Innovation und sich verändernden Marktanforderungen. Der aktuelle GTAI-Bericht „Italiens Chemieindustrie investiert in Nachhaltigkeit“ von Torsten Pauly aus dem Büro Mailand analysiert die wichtigsten Entwicklungen und Zukunftsperspektiven der Branche. Im Folgenden werden fünf zentrale Trends aufgezeigt, die die italienische Chemieindustrie derzeit prägen und ihre strategische Ausrichtung für die kommenden Jahre bestimmen:

1. Deutschland als führender Lieferant bei hohem Importbedarf

Italien importierte 2024 chemische Erzeugnisse im Wert von 57,7 Milliarden Euro – ein Anstieg um 0,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Deutschland dominiert als ausländischer Lieferant mit einem Einfuhranteil von 18,5 Prozent, gefolgt von der Volksrepublik China mit 15 Prozent und Frankreich mit 11,1 Prozent. Die italienische Importnachfrage konzentriert sich dabei auf spezifische Sparten: Organische Chemikalien machten 2024 allein 32,9 Prozent aller eingeführten chemischen Erzeugnisse aus, gefolgt von Kunststoffen in Primärform mit 22,8 Prozent und diversen Produkten der SITC-Position 59 mit 14,5 Prozent. Die Importe decken einen Großteil des italienischen Bedarfs ab – 2023 belieferten eine Inlandsproduktion von 67,3 Milliarden Euro und ein Einfuhrüberschuss von 14 Milliarden Euro den italienischen Chemiemarkt. Italien hat seinen Anteil am EU-weiten Nettoumsatz 2023 auf 9,5 Prozent erhöht (2022: 9,1 Prozent) und ist damit der viertgrößte Markt für chemische Erzeugnisse nach Deutschland, Frankreich und den Niederlanden.

2. Massive Investitionen in nachhaltige Transformation

Die italienische Chemieindustrie durchläuft eine Phase intensiver Investitionen in Nachhaltigkeit und Anlagenerweiterungen. Seit Anfang 2023 bis zum 1. Quartal 2025 haben mindestens 98 Prozent der befragten Chemieproduzenten ihre Kapazitätsauslastung als zufriedenstellend oder besser bezeichnet, was weitere Investitionen antreibt. Im Jahr 2022 wendeten Italiens Chemieunternehmen 1,8 Milliarden Euro für Sachanlagen auf, davon 1,4 Milliarden Euro für Maschinen und Anlagen. Zusätzlich investierten Pharmahersteller weitere 1,5 Milliarden Euro, davon 1,3 Milliarden Euro in Maschinen und Anlagen. Allein Versalis, Italiens größter Branchenkonzern, plant bis 2027 Investitionen von zwei Milliarden Euro für die Dekarbonisierung der Produktion. Der Verband Federchimica schätzt, dass die italienische Chemieindustrie für eine klimaneutrale Produktion von 2023 bis 2050 etwa 31 Milliarden Euro aufwenden wird. Bereits zwischen 2018 und 2022 haben 59 Prozent aller italienischen Chemiefirmen in die Verbesserung ihrer ökologischen Bilanz investiert – der höchste Wert unter allen Branchen des italienischen verarbeitenden Gewerbes.

3. Fokus auf Fein- und Spezialchemikalien mit hoher Wertschöpfung

Aufgrund der starken italienischen Industrieproduktion hochwertiger Konsumwaren wie Mode, Möbel, Drogerieartikel und Lebensmittel sind auch die hierfür benötigten Chemikalien mit hoher Wertschöpfung sehr gefragt. Laut Federchimica haben Kosmetika, Reinigungsmittel, Arzneien, Farben und sonstige Fein- und Spezialchemikalien 2021 zusammen 57 Prozent der italienischen chemischen Erzeugung ausgemacht – fast anderthalbmal so hoch wie im EU-Durchschnitt mit 37 Prozent. In den kommenden Jahren wird bei der Nachfrage der Modeindustrie ein besonders hohes Wachstum bei umweltschonenderen Gerb- und Farbstoffen, Abwasserklärchemikalien und neuen synthetischen Fasern erwartet. Die Möbelindustrie setzt zunehmend auf ökologisch verträglichere Farben, Lacke und Stoffe zur Materialbehandlung, während die bedeutende italienische Kosmetikindustrie an nachhaltigeren Inhaltsstoffen interessiert ist. Der Bedarf der Kfz-Industrie an chemischen Erzeugnissen soll laut Federchimica-Prognose von 2024 bis 2035 um 30 Prozent steigen, da die Umstellung auf Elektrofahrzeuge neue leichtere und festere Kunststoffe sowie Batteriekomponenten erfordert. Ein wichtiger Abnehmer bleibt die Pharmaindustrie, deren Produktion 2024 um 3,9 Prozent auf 52 Milliarden Euro gestiegen ist.

4. Wasserstoff als Schlüsseltechnologie für Klimaneutralität

Wasserstoff erhält eine zentrale Bedeutung für die Dekarbonisierung der italienischen Chemieindustrie. Laut der Nationalen Wasserstoffstrategie von Ende 2024 erwartet Italiens Regierung, dass Chemie- und Raffinerieproduzenten 2050 zwischen 34 Prozent und 82 Prozent ihres Energiebedarfs mit Wasserstoff decken werden. Die tatsächliche Höhe hängt nicht nur vom Wasserstoffhochlauf im Inland, sondern auch im Ausland ab, da Italien 30 Prozent seines Bedarfs importieren wird. Drei konkrete Anlagen zur Herstellung von grünem Wasserstoff durch Elektrolyse plant der Hersteller Marie Tecnimont in Genua, dem lombardischen Sannazzaro und im toskanischen Empoli. Das Verfahren sieht zunächst die Erzeugung von Biomethanol aus Abfällen und dann dessen Nutzung für die Wasserstofferzeugung vor. Neben grünem soll auch rosafarbener, das heißt aus Atomstrom gewonnener Wasserstoff zum Einsatz kommen. Kleine Nuklearreaktoren für die Industrie entwickelt Maire Tecnimont mit dem britischen Startup Newcleo, wobei bereits der Raffineriekonzern Enel konkretes Interesse geäußert hat. Im Jahr 2026 wollen die Partner zunächst einen kleinen Versuchsreaktor mit zehn Megawatt in Betrieb nehmen.

5. Digitalisierung und „Chemieindustrie 5.0“ für nachhaltige Produktion

Ein wichtiger Trend ist die „Chemieindustrie 5.0“ (Industria chimica 5.0), bei der eine digitale Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette den Sektor nachhaltiger machen soll. Dazu gehört die Steigerung der Energieeffizienz ebenso wie die Entwicklung ressourcenschonender Chemikalien und deren klimaneutrale Produktion, Auslieferung und Wiederverwertung. Im Jahr 2023 wurden bereits 51,7 Prozent des italienischen Chemiemülls recycelt oder auf andere Weise umweltgerecht aufbereitet, während nur 5,2 Prozent der Rückstände verkippt und 5,8 Prozent verbrannt wurden. Der Verband Federchimica hat für seine Mitglieder das Programm Coach (Circularity-Oriented Assistance for Chemical Companies) entwickelt, das die Erfassung aller Materialflüsse verbessert und so eine nachhaltigere Nutzung im gesamten Kreislauf ermöglicht. Auch der italienische Staat fördert Investitionen in eine digitalisierte und nachhaltige Produktion nach dem Industrie-5.0-Prinzip mit dem Programm „Transizione 5.0“. In der Forschung spielt künstliche Intelligenz inzwischen eine wichtige Rolle – viel genutzt ist etwa das Programm DeepChem, das die Erforschung neuer chemischer Moleküle beschleunigt und kostengünstiger macht.

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