Manufacturing Execution Systems (MES) Wie Sie den für Sie passenden Systemlieferanten für Ihr MES auswählen
Die Auswahl eines MES bedeutet in der Regel eine langfristige Bindung an den Lieferanten und bestimmt somit auch die langfristige Sicherung der Investition. Wie geht man vor diesem Hintergrund am besten bei der Auswahl eines Systemlieferanten vor?
Anbieter zum Thema

Bei der Auswahl der Lieferanten sollte möglichst systematisch vorgegangen werden, auch für den Fall, dass die Auswahl möglicher Lieferanten bereits durch vorgegebene Weichenstellungen durch die Budgetverantwortlichen eingeschränkt wurde. Zur Strukturierung dieser komplexen Aufgabe wird empfohlen, sich z. B. an dem Standard IEC 62264 zu orientieren. Das dort beschriebene Ebenenmodell dient zur Ein- und Zuordnung der anzuschließenden Systeme, von der Automatisierungs- bis hin zur ERP-Ebene.
Die identifizierten oder vorgegebenen Funktionsumfänge können beispielsweise anhand des dort aufgeführten Funktionenmodells eingeordnet und auf Vollständigkeit, Verbindungen zu benachbarten Systemen oder Funktionskomplexen, erforderliche Datenflüsse etc. geprüft und ergänzt werden. Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass die Grundlagen für ein Lastenheft nicht erst projektspezifisch erarbeitet werden müssen. Man erhält so ein herstellerneutrales, auf anerkannten Standards basierendes Dokument für die Lieferantenauswahl. Der Lieferant wiederum hat den Vorteil, sich selbst an dem Funktionenmodell orientieren und ein entsprechend strukturiertes Angebot erstellen zu können.
Strukturierungsvorgaben verbessern Vergleichbarkeit verschiedener Angebote
Ein weiterer Vorteil ergibt sich für die anschließende Bewertung, da die Vergleichbarkeit verschiedener Angebote besser sein sollte als ohne jegliche Strukturierungsvorgaben. Die Auswahl eines MES bedeutet in der Regel eine langfristige Bindung an den Lieferanten und bestimmt somit auch die langfristige Sicherung der Investition. Neben Letzterer sind im Rahmen des Einführungsprojekts auch Ausbildungskosten für Anwender und Betreuer zu betrachten. Der Systemlieferant muss in der Lage sein, neue Versionen des Systems zu liefern, wenn sich die Randbedingungen wie Betriebssystem oder Datenbanken ändern. Aufgrund der begrenzten Laufzeit von Hardware-
Komponenten, wegen der kurzen Innovationszyklen in der IT-Welt, ist es nur mit hohem Aufwand möglich, den Status Quo nach erfolgreicher Einführung eines Systems beliebig lange fortzuschreiben. Auf Änderungen im Umfeld des MES gilt es, angemessen zu reagieren. MES haben meist viele Schnittstellen zu ERP, PLS, SPS und anderen Systemen. Der Systemlieferant muss langfristig (bis zu 15 Jahre) Wartung und Weiterentwicklung seiner MES-Produkte sicherstellen und sollte Anforderungen von Anwendern systematisch in seiner Produktentwicklung berücksichtigen.
Vor diesem Hintergrund sollten Investitionsrechnungen die voraussichtliche Gesamtlebensdauer des Systems und damit auch die Folgekosten im Rahmen einer sogenannten TCO-Betrachtung (TCO: Total Cost of Ownership) berücksichtigen.
Anforderungen an die Systemtechnik
Die folgenden Punkte geben eine Orientierung, welche Aspekte über die Leistungen eines MES hinaus bei der Auswahl einer Lösung einbezogen werden sollten.
- Verfügbarkeit: Die Anforderungen an die Verfügbarkeit bestimmen die technischen und organisatorischen Maßnahmen. Als technische Maßnahme kommen Redundanz oder Puffermechanismen in Frage (nicht immer muss man 24 h / 7 d fordern). Diese müssen vom System unterstützt werden. Für organisatorische Maßnahmen wie Backup und Archivierung müssen ebenfalls die Voraussetzungen gegeben sein, z. B. Backup im laufenden Betrieb.
- Offenheit und Kompatibilität: In den meisten Fällen müssen MES-Produkte mit bestehenden IT- und Automatisierungskomponenten in einem Unternehmen gekoppelt werden. Dazu ist es notwendig, dass die eingesetzten Produkte mit den vorhandenen Systemen technisch kompatibel und so offen konzipiert sind, dass auch zukünftigen Erweiterungen durch Produkte anderer Lieferanten nichts im Wege steht.
- Anforderungen aus Betrieb und Betreuung: Störungen müssen kurzfristig erkannt und beseitigt werden können. Erforderlich sind dazu eine selbsttätige Systemüberwachung und Aufzeichnung (Log) aller Meldungen, die eine Analyse ermöglichen. Für weitergehende Untersuchungen müssen Monitoring- und Debugging-Möglichkeiten gegeben sein. Nach Ausfall müssen der Wiederanlauf des Systems und die Wiederherstellung der
- Verbindungen zu Nach bar systemen möglichst automatisch erfolgen. Müssen nach einem Ausfall Daten wiederhergestellt werden, so ist sicherzustellen, dass die notwendigen
- Backup- und Restore-Mechanismen vom System unterstützt werden. Änderungen an Stammdaten, wie Benutzerkonten, Herstellvorschriften (Rezepten) oder Materialstammdaten, müssen ohne Unterbrechung des laufenden Betriebs möglich sein.
Anforderungen aufgrund behördlicher Auflagen
In den meisten Industriebranchen wird vom Gesetzgeber, von Behörden oder auch von Herstellerverbänden gefordert, dass die während des Herstellungsprozesses anfallenden Daten aufgezeichnet und den Produkten zugeordnet werden können. Zu den hierfür bekannten Branchen gehören die Nahrungsmittel-, Pharma- und Kosmetikindustrie, aber auch die Fahrzeugindustrie und Elektrotechnik sowie andere Hersteller von Produkten, welche die Sicherheit und die Gesundheit von Menschen betreffen. Zu nehmend werden auch Umweltaspekte durch entsprechende Gesetze geregelt.
In der Pharmaindustrie müssen unter anderem Anforderungen gemäß GMP oder EU 178 erfüllt werden. Typische Aspekte sind zum Beispiel, archivierte Daten gegen Veränderung und Manipulation zu schützen und über zehn Jahre lesbar und darstellbar zu halten. Anforderungen in Bezug auf Prüfaufzeichnungen und die elektronische Unterschrift gehören ebenfalls zu diesem Komplex.
* Quelle: "Manufacturing Execution Systems (MES) - Branchenspezifische Anforderungen und herstellerneutrale Beschreibung von Lösungen", herausgegeben vom ZVEI - Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie e.V., Fachverband Automation
(ID:26754540)