Exklusivinterview: Big Data vs. Automatisierung?

Wenn IT auf OT trifft – Wie GE das Amazon der Prozessindustrie werden will

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? Aber die aktuellen IIot-Treiber in der Chemie- und Prozessindustrie sind derzeit doch nicht die Betreiber selbst, sondern die großen Automatisierungskonzerne und die vielen Komponentenhersteller, oder etwa nicht?

Reimelt: Der Schub kommt allein von der Fähigkeit Big Data bearbeiten zu können. Das ist kein Automatisierungsprozess. Unsere Fabriken und die unserer Kunden sind doch weitgehend automatisiert. Viel wichtiger wird es, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wenn wir uns Branchen anschauen, wie etwa die Energieerzeugung oder die Lebensmittelindustrie, bei der ein Viertel bis ein Drittel der Produktion nicht verbraucht und sogar weggeworfen wird, dann ist das keine Frage der Automatisierung. Neue Apps werden die Wertschöpfungsprozesse auch hier revolutionieren und bisherige Handelsketten eliminieren oder umgehen.

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? Sie sprechen von disruptiven Entwicklungen. Brauchen Ihre Industriekunden, denen Sie diese Vorschläge machen, nicht langjährige vertrauensvolle Beziehungen, um Ihnen mit den neuen Konzepten zu folgen?

Reimelt: Jedes Geschäft sollte auf einer vertrauensvollen Zusammenarbeit basieren. Man wird uns als GE aber nicht abstreiten wollen, dass wir in dem Bereich über ein riesiges Kundenklientel verfügen und sehr viele Anlagen gebaut haben. Heute reisen doch alle großen Unternehmen in das IT-Mekka Silicon Valley, als würde es dort Freibier geben. Sie sehen, dass etwas neues kommt, was nicht in die normale Automatisierungsschiene reinpasst. GE ist zudem einer der wenigen, der eine der Schlüsselkomponenten der Chemie, vor allem aber der Öl/Gasindustrie weltweit anbietet. Disruption entsteht auch nur dort, wo es hohe Ineffizienzen gibt. Im Chemieanlagenbau gibt es zwar viel zu verbessern und Produktivitätssteigerungen zu heben, aber Disruption ist das eher nicht. Umso wichtiger ist es doch zu erkennen, dass es mit Big Data völlig neue Möglichkeiten gibt. Da wird es eine Vielzahl neuer Player geben. Wer das nicht erkennt, eliminiert sich.

? In Japan hat ein Anlagenbauer erst kürzlich einen neuen Geschäftsbereich ‚Künstliche Intelligenz und Big Data‘ etabliert. Wie passt das aus Ihrer Sicht zusammen?

Reimelt: Hervorragend. Wir werden uns in der Datenanalytik damit viel intensiver beschäftigen müssen. Diese Vorgehensweise ermöglicht es uns, Prozesse ganz anders zu betrachten. Sie sehen wiederum, auch hier ist das kein Automatisierungsthema. Damit müssen sich ganz andere Menschen beschäftigen, als die, die wir normalerweise auf der Payrole haben. Gelebte Diversity und Fehlerkultur wird dabei ganz wichtig. Eine für uns sehr positive Überraschung: Die Firmen und Kunden, mit denen wir diese Themen besprechen, sind jedenfalls ganz erstaunt und zeigen sich offen.

? Tagtäglich lernen wir, wie wichtig IT-Sicherheit als Kernelemente für alle diese Angebote sind. Welche Lösungen bietet GE beim Thema Cyber Security?

Reimelt: Eine der zentralen Grundlagen von Predix ist die IT-Sicherheit. Wir haben Vertec, einer der großen Anbieter in diesem Bereich übernommen. Sie werden mir abnehmen, dass GE eine der meist gehackten Firmen auf der Welt ist. Ich würde mich in kein Flugzeug setzen, wenn ich nicht wüsste, dass wir mit Cyber Security sicherstellen, dass die Daten, die wir in die Cloud schießen, nicht sicher sind. Ich glaube, dass manche mit diesem Thema eine Mauer bauen, um eigene Prozessdaten zu behalten. Kein Zweifel: Wir stellen fest, dass einige Kunden sich noch schwer damit tun, Prozessdaten freizugeben. Maschinendaten freizugeben ist inzwischen wiederum kein Problem mehr. Das ist alles eine Lernkurve, die wir selbst machen mussten. Wir sind ja mit GE Plastics bis vor 10 Jahren auch einer der großen Chemiebetreiber und ein sehr relevanter Player in diesem Markt gewesen. Es sollte demnach klar sein, dass wir nicht nur dieselbe Sprache sprechen, sondern auch die Geschäftsmodelle der Chemie verstehen. In unserer aktuellen Unternehmensführung finden Sie viele Führungskräfte von GE Plastics. Uns in eine Ecke als Nischenplayer zu stellen, halte ich daher für völlig abwegig.

? Mit wem vergleichen Sie Ihre aktuelle Geschäftstätigkeit überhaupt?

Reimelt: Gute Frage. Das Problem ist nicht der Vergleich. Die traditionellen Wettbewerber am Markt sind nicht diejenigen, die uns schlaflose Nächte bereiten. Wir müssen uns alle extrem vorbereiten auf die Marktplayer, die wir noch nicht kennen und neu dazu kommen – und davon gibt es eine Fülle. Da gilt es hellwach sein, um nichts zu verpassen. Den traditionellen Wettbewerb kennen wir gut, können wir einschätzen und finden ihn hervorragend. Wir lieben den Wettbewerb. Auch Deutschland ist ein Land, das von Wettbewerb sehr stark profitiert. Unsere Entwicklung hin zu mehr „Wir“ ist eine Lernkurve, die uns in der Industrie sehr gut tut. Wir und auch andere Marktplayer aber auch Verbände wie die Namur müssen mit Standards Wege öffnen statt Mauern zu bauen. Es geht zukünftig um industrielle Partnerschaften, für die wir uns öffnen müssen.

? Welche Ziele haben Sie sich mit GE Digital gesteckt?

Reimelt: Wir wollen die relevante Industrial-Internet-Plattform werden und damit bis 2020 15 Milliarden Dollar Umsatz generieren. Wir sind diesbezüglich sehr optimistisch und kooperieren schon jetzt mit vielen Firmen in unserem Ökosystem.

? Erkennen Sie in der Prozessindustrie große Unterschiede im Umgang mit Big-Data-Modellen?

Reimelt: Nein, das tangiert inzwischen alle Branchen gleichermaßen. Big Data erlaubt es uns, IT und OT miteinander zu verknüpfen und Fabriken weltweit oder sogar Geschäftsmodelle miteinander zu vergleichen – inklusive Lieferantenprozesse in der Supply Chain. Das alles passt bei manchen Automatisierern möglicherweise nicht mehr in die bisherigen Produktportfolios hinein. Aber wir sehen das mit GE Digital völlig anders, jedenfalls nicht mit einem Automatisierungsansatz, sondern mit Schlagworten wie Produktivitätssteigerung oder Veränderung der Wartungsintervalle. Wir sind alle erstaunt, was wir mit Big-Data-Analysen plötzlich alles erkennen können. Ab-Normalitäten von Daten, die wir vorher so nicht wahrgenommen haben.

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