Exklusivinterview: Big Data vs. Automatisierung?

Wenn IT auf OT trifft – Wie GE das Amazon der Prozessindustrie werden will

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? Also, nachdem Sie sich zunächst mit ganz anderen Branchen beschäftigt haben, ...

Reimelt: Auch das muss man etwas relativieren. Wir haben seit über einer Dekade mit vielen der Großen in der Chemie wie BASF im Wasser-Bereich beim Thema Wasseranalytik oder Wasseraufbereitung sehr gute Geschäfte gemacht.

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? Welche bisherigen Erfahrungen bringt GE Digital in die Prozessindustrie ein? Man findet in Europa oder Deutschland nur relativ wenige Referenzen: Akzo Nobel und Procter & Gamble, Yara – und die sind nicht besonders spektakulär.

Reimelt: Es gibt keinen, der so viel anzubieten hat wie wir – auch nicht in der Chemie. Und in den USA arbeiten alle europäischen Player mit GE. Wahr ist aber auch, dass alle beim Thema Digitalisierung erst am Anfang stehen. Wer allerdings glaubt, dass Digitalisierung der nächste Schritt der Automatisierung ist, der befindet sich auf dem Holzweg. Es wäre eine Katastrophe für uns alle, wenn wir einer solchen Definition folgen würden. Unser Einstieg in das Digitalisierungsthema vor sechs Jahren hat sich dadurch ergeben, weil wir festgestellt haben, dass in unserem Servicegeschäft plötzlich neue Wettbewerber aufgetaucht sind, die wir vorher nicht auf dem Schirm hatten. Auf dem Markt haben wir dann keine Plattform gefunden, die für das, was wir benötigen, schon verfügbar ist. Wir sprechen in der Prozessindustrie über unstrukturierte Daten in einer ganz anderen Dimension. Dazu nur ein kleiner Vergleich: Heute bin ich von München nach Frankfurt geflogen. An einem Flugzeug-Triebwerk generieren wir für diesen Flug inzwischen mehr als ein Terabyte Daten. Das ist ein Achtel der Datenmenge, die auf Twitter in einem Jahr anfällt. Eine Herausforderung, die die IT-Branche so gar nicht kennt.

? Was soll uns dieser Exkurs zeigen?

Reimelt: Wir sind angetreten, um mehr über unsere Anlagen zu erfahren. Das ist keine Aufgabe der Automatisierungstechnik, sondern von Big Data. Ich kenne heute keinen Anbieter auf dem Markt, der auch nur annähernd unsere Relevanz in diesem Bereich hat. Natürlich gibt es Versuche, diese Herausforderungen ins Thema Automatisierung einzubauen. Das trifft es aber nicht. Beispiel: Ein großer deutscher Mittelständler hat eruiert, wie lange ein Auftrag bei ihm vom Kundenanruf bis zur Auslieferung des Produktes braucht. Antwort: Zehn Stunden. Die reine Produktionszeit für das Verkaufsprodukt hat dagegen nur fünf Minuten gedauert. Wer mir jetzt erzählt, dass die Digitalisierung Kernschwerpunkt einer fortschreitenden Automatisierung unserer Prozesse ist, springt viel zu kurz. Das ist nicht das, was wir und die Industrie machen wollen. Wir reden von der Möglichkeit zum ersten Mal IT-Daten zu nehmen und mit Daten aus dem Prozess zu verbinden. IT trifft OT (Anmerkung der Redaktion: OT steht für Operational Technology). Damit wollen wir komplette Geschäftsmodelle und Abläufe über den gesamten Wertschöpfungsprozess abdecken. Das hat mit Automatisierung relativ wenig zu tun.

? Aber alle großen Marktbegleiter bzw. Automatisierer wie ABB, Emerson, Honeywell, Siemens oder Yokogawa, usw. gehen doch in die gleiche Richtung …

Reimelt: Aber sie haben keine relevante Plattform.

? Alle kooperieren mittlerweile mit Microsoft Azure und ähnlichen Plattformen…

Reimelt: Das machen wir auch. Wir haben gerade mit Amazon unsere Plattform in Betrieb genommen und werden im Oktober unsere Microsoft Azure-Plattform in München in Betrieb nehmen. Aber, und das kann ich nicht oft genug betonen: Die Entwicklung einer solchen Plattform basiert auf einer wesentlichen Voraussetzung. Nur in einem relevanten Ökosystem bekommen sie die notwendige Geschwindigkeit, die heute notwendig ist. Aus dem Consumer-Internet zu lernen, heißt zu erkennen, dass wer sich seine eigene Plattform baut, nicht relevant sein wird. Auf Consumer-Ebene haben wir das in Deutschland verschlafen. In den USA sind mit Amazon, Apple, Google und Microsoft vier Firmen übrig geblieben und das sind heute die größten Plattform-Anbieter der Welt – nicht zuletzt, weil sie auch stark miteinander kooperieren. Dabei wird das Consumer-Internet in Zukunft nur ein Bruchteil des Industrial-Internet sein.

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