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Gastkommentar von Dr. Klaus Schäfer Warum wir raus aus der linearen und rein in die Kreislaufwirtschaft müssen

Ein Gastkommentar von Dr. Klaus Schäfer, Vorsitzender des Dechema-Vorstands 7 min Lesedauer

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Kreislaufwirtschaft, chemisches Recycling, ein technologieoffenes Klima und Beschleunigung bei der Klimawende – das sind für Dr. Klaus Schäfer die Schlüssel für den künftigen Erfolg der deutschen Chemieindustrie. Der Dechema-Vorsitzende war bis vor kurzem CTO bei Covestro und hat dort die Transformation des Konzerns in Richtung Kreislaufwirtschaft entscheidend mit gestaltet.

Wichtige Ressource: Kunststoffe müssen am Lebensende recycelt werden, denn sie sind eine reichhaltige Quelle wertvoller Moleküle.(Bild:  @Covestro)
Wichtige Ressource: Kunststoffe müssen am Lebensende recycelt werden, denn sie sind eine reichhaltige Quelle wertvoller Moleküle.
(Bild: @Covestro)

Die Chemie- und Kunststoffindustrie war über 30 Jahre meine berufliche Heimat. Als Manager habe ich die Höhen, aber auch die Tiefen der Branche hautnah miterlebt. Gerade die letzten dreieinhalb Jahre gehörten zu den herausforderndsten in meiner Karriere. Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine haben die Welt nachhaltig erschüttert – menschlich und wirtschaftlich.

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Auch für die Chemie- und Kunststoffindustrie hat sich dadurch vieles verändert. Gekappte Lieferketten, Rohstoffengpässe und Energiepreise auf Rekordhoch haben der Branche schwer zugesetzt. Viele Unternehmen sind in der Folge unverschuldet in Existenzkämpfe gerutscht. Daher die positive Nachricht vorweg: Das Herz der deutschen Industrie schlägt noch. Für die konjunkturelle Entwicklung hierzulande ist das ein Segen. Denn die Chemie- und Kunststoffindustrie beliefert nahezu alle produzierenden Segmente.

Transformation trotz Krise

Die Branche hat ihre Widerstandsfähigkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Trotz multipler Krisen hält sie an ihren ehrgeizigen Klimazielen fest. Die jüngsten Erfolge dürfen jedoch nicht über eines hinwegtäuschen: Wir haben in Deutschland und Europa aktuell ein massives Standortproblem. In vielen Bereichen hinken wir der Konkurrenz hinterher. Neben den hohen Energie- und Rohstoffpreisen drücken vor allem langwierige Genehmigungsverfahren für neue Produktionsanlagen mächtig auf die Stimmung.

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Ein Glück, dass die EU die Zeichen der Zeit erkannt hat. Der zunehmende Druck aus Übersee ist sicher ein Grund hierfür. Denn die USA haben unter der Regierung von Präsident Joe Biden damit angefangen, das Koordinatensystem in der Industriepolitik zu ihren Gunsten zu verschieben. Der 2022 verabschiedete „Inflation Reduction Act“ hat gezeigt, dass der europäische Green Deal nicht das einzige Vorbild für eine nachhaltige Transformation sein muss.

Europäischen Industriestandort sichern

Daher war eine schnelle Reaktion der EU umso wichtiger. Der „Green Deal Industrial Plan“ ist aus Industrieperspektive nur zu begrüßen. Denn im Kern zielt er darauf ab, die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen zu stärken – zum Beispiel, indem es den Mitgliedstaaten ermöglicht wird, leichter Subventionen für grüne Investitionen zu gewähren. Das ist ein wichtiges Zeichen. Allerdings darf der Blick dabei nicht auf Clean-Tech-Produzenten verengt bleiben. Denn auch die Industrie muss in nachhaltige Technologien investieren, um sich zu transformieren.

Das zeigt: Wir können die Herausforderungen unserer Zeit nur im europäischen Kontext lösen. Die Chemie- und Kunststoffindustrie geht hier mutig voran, übernimmt Verantwortung und liefert belastbare Grundlagen für politische Entscheidungen. Erst dieses Jahr hat die Branche drei neue Szenarien für eine klimaneutrale Produktion in Deutschland bis 2045 präsentiert – und damit ihre Ursprungsprognose fünf Jahre vorgezogen. Ziel ist es, Kohlenstoff vermehrt im Kreislauf zu halten und so noch klimafreundlicher zu produzieren.

Deutsche Chemie nimmt Vorreiterrolle ein

Der deutsche Vorstoß kann als Blaupause für andere Regionen dienen. Denn klar ist: Wir können das Klima hierzulande nicht allein retten. Eine klimaneutrale Industrie ist weltweit nur dann möglich, wenn alle Akteure am selben Strang ziehen. Dafür braucht ein gemeinsames Verständnis, das unser Denken und Handeln prägt. Für mich ist das der Ansatz der Kreislaufwirtschaft. Er steht für einen echten Wandel. Und das ist auch gut so. Denn die Konsum- und Produktionsmuster der Linearwirtschaft haben ausgedient. Herstellen, verbrauchen, wegwerfen – dieses Prinzip führt immer tiefer in die Sackgasse. Der Ausweg kann nur konsequente Kreislaufführung lauten.

Das gilt vor allem für die energieintensiven Grundstoffindustrien – also die Hersteller von Glas, Papier, Aluminium, Zement, Stahl und Kunststoffen. Sie müssen ihre Produktion teils radikal umstellen und ihre Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen reduzieren. Viel Zeit bleibt ihnen dafür nicht. Positiv ist: Die Chemie- und Kunststoffindustrie arbeitet seit Jahren daran, den für die Produktion so wichtigen Kohlenstoff aus umweltverträglicheren Quellen zu ziehen. Als eine mögliche Alternative hat sich pflanzliche Biomasse bewährt. Bis 2027 soll das durchschnittliche Produktionswachstum biobasierter Kunststoffe weltweit 14 Prozent im Jahr betragen, weitaus mehr als der gesamte Zuwachs an Polymeren.

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Technologieoffenheit bewahren

Ein zweiter Weg, um den Einsatz fossiler Rohstoffe zu minimieren, ist die Nutzung von CO2. Carbon Capture and Usage (CCU) ist jedoch gerade bei uns in Deutschland ein umstrittenes Thema. Für mich überwiegen hier die Chancen. Denn das Verfahren würde allen Sektoren zugutekommen, in denen sich der Ausstoß von CO2-Emissionen nicht durch bereits etablierte Klimaschutz-Maßnahmen – wie etwa der direkten Elektrifizierung – komplett vermeiden lässt. Daher würde ich mir an dieser Stelle künftig mehr Technologieoffenheit seitens der Politik wünschen. Die neue Carbon Management-Strategie von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Eine dritte Option, fossilfrei zu produzieren, ist das Recycling. Es besitzt enormes Potenzial – das derzeit noch nicht vollständig ausgeschöpft wird. Die Zahlen aus dem Circularity Gap Report 2023 verdeutlichen das: Demnach ist unsere Welt aktuell nur zu 7,2 Prozent zirkulär. Hier gilt es alle Hebel in Bewegung zu setzen. Denn wenn wir Abfall und ausgediente Produkte als Ressource behandeln, können wir wertvolle Primärrohstoffe schonen.

Chemisches Recycling als Game Changer

Ein in Fokus sollte dabei auf dem noch jungen chemischen Recycling liegen. Für viele Kunststoffe ist es die einzig mögliche Methode der Wiederverwertung – vor allem bei stark verschmutztem und nicht sortenreinem Plastik. Denn hier stößt das gängige mechanische Recycling an seine Grenzen. Die lassen sich nur überwinden, wenn wir Kunststoff nach dem Ende seiner Nutzungsdauer chemisch auflösen, in seine Moleküle zerlegen und aus diesen danach neue Molekülketten für die Kunststoffproduktion bilden.

Viele Kunststoffhersteller verstärken daher ihre Anstrengungen in diesem Bereich. Bis 2030 sind auf europäischer Ebene bereits Investitionen im Gesamtumfang von mehr als sieben Milliarden Euro geplant.

Die robuste Chemolyse kann Abfallströme mit mehr als 50 Prozent Polycarbonat-Anteil erfolgreich in Monomere recyceln und schließt so den Kreislauf zu einem direkten Vorprodukt. Dieses kann für Produkte auch mit hohen Reinheitsansprüchen eingesetzt werden.(Bild:  @Covestro)
Die robuste Chemolyse kann Abfallströme mit mehr als 50 Prozent Polycarbonat-Anteil erfolgreich in Monomere recyceln und schließt so den Kreislauf zu einem direkten Vorprodukt. Dieses kann für Produkte auch mit hohen Reinheitsansprüchen eingesetzt werden.
(Bild: @Covestro)

Für eine zirkuläre Welt braucht es aber noch mehr: nämlich sehr viel Energie aus erneuerbaren Quellen. Wenngleich die Branche in den letzten drei Jahrzehnten beeindruckende Fortschritte bei der Verbesserung der Energieeffizienz gemacht hat, wird die Chemie- und Kunststoffindustrie auch künftig energieintensiv bleiben. Mit dem Wandel von thermischen zu elektrifizierten Verfahren wird der Energiebedarf sogar weiter steigen. Laut Prognose der Initiative Chemistry4Climate benötigt eine klimaneutrale Chemie- und Kunststoffindustrie 2045 gut 500 TWh Ökostrom pro Jahr. Wichtig dabei ist: Energie muss erschwinglich sein. Ein Transformationsstrompreis darf maximal vier bis sechs Cent/KWh betragen.

Dr. Klaus Schäfer

Dr. Klaus Schäfer ist Vorsitzender des Vorstands der Dechema e. V. und Mitglied im Nationalen Wasserstoffrat. Er war von 2015 bis 2023 als Chief Technology Officer bei Covestro tätig, einem weltweit führenden Anbieter hochwertiger Polymer-Werkstoffe mit Sitz in Leverkusen. Der 1962 in Brühl geborene Schäfer studierte Physik an der Universität zu Köln. Nach seiner erfolgreichen Promotion arbeitete er unter anderem für BP, Currenta und Bayer MaterialScience.

Dechema-Vorsitzender Dr. Klaus Schäfer, ehemals CTO von Covestro(Bild:  Covestro)
Dechema-Vorsitzender Dr. Klaus Schäfer, ehemals CTO von Covestro
(Bild: Covestro)

Mehr Tempo bei Energiewende

Dafür muss die Energiewende in Deutschland weiter Fahrt aufnehmen. Aktuell drohen wir erneut unsere Ausbauziele bei den Erneuerbaren zu verpassen. Wir brauchen von allem mehr: mehr Wind- und Solarparks, mehr Übertragungsnetze und mehr Speicherkapazität. Nur so können wir die fluktuierende Energie aus Wind-, Sonnen- und Wasserkraft konservieren. Und auch beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft gilt es einen Gang hochzuschalten. Die Politik muss endlich die angekündigten PS auf die Straße bringen und dafür sorgen, dass alle relevanten Strategien ineinandergreifen.

Der Aufbau der Kreislaufwirtschaft und der damit einhergehende Weg zur Klimaneutralität bleibt also ein riesiges Unterfangen. Dabei kommt der Chemie- und Kunststoffindustrie eine Schlüsselrolle zu. Sie wird auch künftig viele wichtige Impulse für die Rohstoffwende setzen. Schon heute nehmen Unternehmen dafür immense Summen in die Hand, treffen mutige Entscheidungen und bringen ihre gesamte Ingenieurskunst aufs Parkett.

Es bleibt zu hoffen, dass die Politik das Engagement der Branche honoriert und ihre Transformation flankierend unterstützt. Konkret heißt das: Innovationen fördern, Energiepreise senken und Anreize für grüne Technologien setzen. Denn nur dann schaffen wir in Deutschland und Europa den Boden für nachhaltiges Wachstum – und erhöhen die Chance, weltweit weiterhin ein gefragter Industriestandort zu bleiben.

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