Logistik/Verpackung Temperierter Transport – Neues Konzept für die Pharmalogistik

Redakteur: Anke Geipel-Kern

Die Kühlkette von Medikamenten auf dem Weg zur Apotheke über alle Temperaturbereiche zu dokumentieren, war bisher schwierig. Ein neues Konzept für die Pharmalogistik verspricht eine Lösung.

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Angefangen bei der Produktion bis in die Hände des Patienten, hat jedes Medikament bereits viel von der Welt gesehen. Für viele Wirkstoffe bedeutet dies eine echte Herausforderung. Manche mögen es gern schön kühl, andere wiederum fühlen sich am wohlsten zwischen 15 und 25 C. Seit November 2007 verlangt die Arzneimittel- und Wirkstoffverordnung (AMWHV) für diese Medikamente eine Dokumentation des Temperaturverlaufs von der Herstellung bis ins Krankenhaus oder die Apotheke. Doch noch liegen Theorie und Praxis weit auseinander. Diese Lücke im Logistikangebot hat Rhenus in eine Geschäftsidee verwandelt: Temperaturgeführte, konsequent dokumentierte Pharmalogistik für alle Temperaturbereiche.

Rein biologische Produkte gibt es in der Pharmaindustrie erst seit etwa 15 Jahren. Davor waren die Anforderungen an die Temperatur während des Transports nicht so hoch. Heute ist das jedoch ganz anders, erläutert Jochen Paulsmeyer, Geschäftsführer der neu gegründeten Rhenus Life Science: „Inzwischen müssen die Hersteller und Transportunternehmen die Temperaturfenster für die Medikamente und Wirkstoffe von der Herstellung bis in die Apotheke garantieren.“ Ist ein Wirkstoff der falschen Temperatur ausgesetzt, kann das für die Patienten üble Folgen haben.

Die Ansprüche der verschiedenen Arzneimittel an die Temperatur variieren stark. Die Kühlware benötigt ein Klima zwischen 2 und 8 C, der Raumtemperaturbereich wiederum fängt bei keinem Lagerhinweis an und geht bis zu dem definierten Bereich von 15 bis 25 C. Allen Stoffen gemeinsam ist jedoch, dass sie frostempfindlich sind. Klimatisierte Transportfahrzeuge sind in der Pharmalogistik jedoch bislang die Ausnahme. Die Kühlware transportieren die meisten Unternehmen mithilfe einer Passivkühlung, quasi in Kühltaschen mit Kühlakkus. Im Raumtemperaturbereich verzichteten sie ganz auf die Temperierung. Starke Hitze im Sommer oder kalte Winter bedeuteten also auch immer eine Gefahr für die Ware.

Kein Risiko mehr

Ein neues Logistikkonzept soll diesem Risiko nun entgegen wirken. Dafür sind bislang 20 speziell angefertigte Sattelzüge und 160 kleinere Verteilerfahrzeuge, Vans, im Einsatz. Sowohl die Sattelzüge als auch die Vans verfügen über zwei Klimazonen: Die so genannte blaue Zone mit einer Temperatur von 2 bis 8 C und die gelbe Zone mit einem Temperaturbereich von 15 bis 25 C. In den Fahrzeugen eingebaute Deckenverdampfer sorgen dafür, dass die Pharmaprodukte sich immer in dem für sie idealen Temperaturbereich befinden. Ist es draußen zu kalt, heizen sie – bei zu hohen Temperaturen kühlen sie.

Die Sattelzüge holen die Ware direkt beim Hersteller ab, verladen sie entsprechend ihres Temperaturbereichs und bringen sie zum Zentrallager nach Kassel. Je nach Standort, Ausliefertour und geplanter Stoppnummer, bekommt die Ware im Zentrallager ein Etikett mit Barcode. Alle relevanten Informationen sind nun elektronisch verfügbar. Während des Transports vom Hersteller zum Zentrallager kontrollieren im LKW eingebaute Sensoren permanent die Temperatur. Bei Abweichungen von der Solltemperatur erfolgt unmittelbar ein Alarm. Der gesamte Temperaturverlauf wird aufgezeichnet, sodass der Hersteller diesen jederzeit einsehen kann.

Die vorsortierte Ware gelangt wiederum in einen Sattelzug und tritt ihren Weg in der blauen oder gelben Zone zu einer der 40 bundesweit verstreuten Verteilerstationen an. Hier kommen die kleineren Vans zum Einsatz: Über eine Schleuse gelangt die Ware von den Sattelzügen direkt in die entsprechenden Temperaturzonen der kleineren Vans. Sowohl im Sattelzug als auch in den Vans überwachen Sensoren die Temperaturen und zeichnen diese auf. Die Vans fahren mit ihrer Fracht direkt die Apotheken oder Krankenhäuser an. Der Vorteil für die Empfänger liegt laut Paulsmeyer auf der Hand: „Unsere Kunden haben die Garantie, dass die ausgelieferten Pharmaprodukte zu keinem Zeitpunkt die für sie optimale Temperaturzone verlassen haben. Darüber hinaus sind wir in der Lage, Medikamente aus der blauen und der gelben Zone gleichzeitig anzuliefern. Zurzeit sind wir hier noch ohne Wettbewerb.“

Getreu dem Motto Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, hat das Unternehmen die Temperaturführung sowohl im Auflieger des Sattelzugs als auch im Van von der Germanischen Lloyd validieren lassen.

Geschultes Personal

Aber auch die Ansprüche an die Mitarbeiter sind nicht ohne. Sämtliche Fahrer der Sattelzüge und Vans durchlaufen eine zweitägige theoretische und eine eintägige praktische Schulung, um die Fahrzeuge, deren Technik und die sensible Fracht kennen zu lernen. „Wir arbeiten nicht mit Subunternehmern, sondern nur mit unserem eigenen Personal und eigenen Fahrzeugen. Nur so können wir unseren Kunden den geforderten hohen Qualitätsstandard garantieren“, erklärt Paulsmeyer.

Der Logistikexperte blickt optimistisch in die Zukunft. Bereits im Jahr 2009 will er die Anzahl der eingesetzten Fahrzeuge verdoppelt haben und sogar mit zwei Zentrallagern arbeiten. Schon in diesem Jahr geht das Unternehmen davon aus, in Deutschland flächendeckend seine Dienstleistung anbieten zu können.

Nachgefragt – Lohnendes Geschäft

Rhenus hat mit der Neugründung von Rhenus Life Science (RLS) im dritten Quartal vergangenen Jahres hohe Investitionen getätigt. Rhenus-Vorstand Sven Rutkowsky verrät im PharmaTEC-Interview, wie es mit dem jungen Unternehmen weitergeht.

PharmaTEC: Herr Rutkowsky, Sie haben für RLS viel in Entwicklung, Infrastruktur und Ausbildung von Mitarbeitern investiert. Wie hoch waren die bisherigen Kosten, und wann wird sich Ihr Engagement voraussichtlich amortisieren?

Rutkowsky: Bis Ende 2008 werden wir einen zweistelligen Millionenbetrag investiert haben. Unser Ziel ist es, im kommenden Jahr erstmals operativ ein ausgeglichenes Ergebnis zu erreichen. Wir planen, danach weiter zu investieren und das System kontinuierlich flexibel auszubauen.

PharmaTEC: Ist das nicht sehr optimistisch?

Rutkowsky: Nein, denn wir füllen eine Lücke, die durch die steigenden gesetzlichen Auflagen entstanden ist. Wir haben derzeit noch keinen Wettbewerber, der Pharmaprodukte aktiv kühlen und gleichzeitig auch Ware gesichert bei Raumtemperatur flächendeckend ausliefern kann. Deshalb haben wir allen Grund, zuversichtlich zu sein.

PharmaTEC: Bislang ist die neue Arzneimittel- und Wirkstoffverordnung (AMWHV) von den Regierungspräsidenten noch nicht umgesetzt. Gehen Sie davon aus, dass dies nun geschehen wird?

Rutkowsky: In den normalen Fahrzeugen können sowohl lokal sehr tiefe und bei Sonneneinstrahlung im Sommer sehr hohe Temperaturen entstehen. Ich erwarte nun eine Dynamik bei den RPs. Bislang gab es in Deutschland kein Logistikangebot mit einer zuverlässigen Temperaturführung und Dokumentation außer im Bereich 2 bis 8 °C. Jetzt steht es zur Verfügung, sodass die AMWHV von den RPs umgesetzt werden kann. Das europäische Ausland ist uns hier voraus, und Deutschland wird und kann nun nachziehen.

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