Starthilfe aus Brüssel Spaniens langer Weg zur Wasserstoff-Supermacht

Von Jan-Uwe Ronneburger, dpa 4 min Lesedauer

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Im Kampf gegen den Klimawandel gilt grüner Wasserstoff als Hoffnungsträger. Er soll dazu beitragen, die Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen. Wie groß die Aufgabe ist, zeigt ein Pilotprojekt in Spanien, einem Land, das zur Wasserstoff-Supermacht werden will.

Die Anlage in Puertollano ist Teil der hochfliegenden spanischen Pläne, eine Wasserstoff-Supermacht zu werden.(Bild:  Iberdrola)
Die Anlage in Puertollano ist Teil der hochfliegenden spanischen Pläne, eine Wasserstoff-Supermacht zu werden.
(Bild: Iberdrola)

Es ist nicht leicht, den Hoffnungsträger einer klimaneutralen Zukunft der Industriegesellschaften in der spanischen Stadt Puertollano auszumachen. Neben einer riesigen Erdöl-Raffinerie mit rauchenden Schloten, Fackeltürmen und Tanks erscheint die Produktionsanlage für grünen Wasserstoff, also mit Hilfe erneuerbarer Energien wie Wind oder Sonne hergestellt, klein wie ein Spielzeug. Dabei ist die Produktionsstätte, die der spanische Stromriese Iberdrola hier rund 200 Kilometer südlich von Madrid seit vergangenem Juli betreibt, mit 20 Megawatt Leistung eine der größten Anlagen ihrer Art weltweit.

„Dies ist eine Pilotanlage, wo wir völlig neue Techniken erproben, um mit Sonnenstrom mittels Elektrolyse Wasser in seine Elemente Sauerstoff und Wasserstoff zu trennen“, sagt Eduardo González von Iberdrola. Das Unternehmen hofft, mit der Anlage in dem früheren Kohlerevier und heutigen Standort der Petrochemie das technische Wissen von morgen zu sammeln, um damit weltweit erfolgreich zu sein.

In Puertollano geht es erstmal nicht um hochfliegende Pläne wie grünen Wasserstoff für Flugzeuge oder für den Export durch die geplante Mittelmeerpipeline H2MED von Barcelona nach Frankreich und weiter in deutsche Industriezentren. „Wir arbeiten mit dem Unternehmen Fertiberia zusammen, das mit seinem Werk direkt neben unserer Pilotanlage den gesamten hier erzeugten grünen Wasserstoff abnimmt“, sagt González. Fertiberia ist der mit Abstand größte Hersteller von Kunstdünger Spaniens, der viertgrößten EU-Agrarnation.

Die Anlage in Puertollano ist Teil der hochfliegenden spanischen Pläne, eine Wasserstoff-Supermacht zu werden. Der spanische Gasnetzbetreiber Enagas schätzt, dass Spanien 2030 ein Produktionspotenzial von bis zu drei Millionen Tonnen jährlich haben wird. 1,3 Millionen Tonnen dieses Wasserstoffs sollen im Inland verbraucht, der Rest könnte über H2MED in andere europäische Länder exportiert werden. Das werde etwa zehn Prozent der gesamten Nachfrage in Europa entsprechen. 2040 will Spanien dann gar bis zu vier Millionen Tonnen produzieren.

Doch noch ist das alles Zukunftsmusik. Die Jahreskapazität der Pilotanlage liegt bei nur etwa 3000 Tonnen Wasserstoff. Damit werden bei Fertiberia gleich nebenan etwa zehn Prozent des bisher auf Erdgasbasis hergestellten Wasserstoffs ersetzt. Die Planungen der beiden Unternehmen sehen vor, bis 2030 den gesamten Wasserstoffbedarf des Düngerproduzenten an seinen spanischen Standorten klimaneutral zu erzeugen. Dafür wären Wasserstoffanlagen mit einer Leistung von etwa 830 Megawatt nötig, mehr als 40 Mal so viel, wie die Pilotanlage derzeit hat.

Ob dieses Ziel realistisch ist, wird sich erst noch erweisen müssen. „Das hängt davon ab, ob es genügend Subventionen gibt und ob sich die Techniken, die hier gerade erst entwickelt und ausprobiert werden, als zuverlässig erweisen“, sagt González. „Iberdrola ist keine NGO (Nichtregierungsorganisation). Wir wollen und müssen Geld verdienen“, stellt er klar.

Noch sei der grüne Wasserstoff etwa doppelt so teuer wie die Erzeugung auf Basis fossiler Energien. Aber er sei sich sicher, dass sich das genauso ändern werde wie bei Wind- und Sonnenstrom, der auch anfangs subventioniert werden musste und inzwischen oft günstiger als Strom aus Erdgas, Erdöl oder Kohle ist.

Wirklich klein wirkt die Produktionsanlage für grünen Wasserstoff nur im Vergleich zu der riesigen Raffinerie, die qualmend neben der strahlend grün-weißen Halle der Wasserstoffanlage wie ein Dinosaurier des fossilen Zeitalters wirkt. Produziert wird, solange die für das Versuchswerk aufgestellten Solarmodule Strom liefern, vom Morgen bis in die Abenddämmerung.

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Die Dimensionen sind eindrucksvoll. Insgesamt 491.400 Quadratmeter an Solarzellen liefern den Strom – das entspricht rund 68 Bundesliga-Fußballplätzen. Batterien aus Lithium-Ionen-Basis mit einer Kapazität von 20 Megawattstunden (MWh) speichern überschüssigen Sonnenstrom, der die tägliche Produktionszeit etwas verlängert.

Iberdrola hat für die Photovoltaikanlage 80 Millionen Euro und für die etwa zehn Kilometer entfernte Produktionsanlage für Wasserstoff 150 Millionen Euro investiert. Das sei ein großes wirtschaftliches Risiko, werde sich aber durch Technologieführerschaft in einem boomenden Markt auszahlen, ist sich der Sprecher sicher.

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Wie hoch die Subventionen aus Brüssel für das Werk in Puertollano ausfallen werden, soll in den kommenden Wochen bekannt werden. „Je höher, desto günstiger kann Iberdrola den Wasserstoff an Fertiberia abgeben“, sagt González. Und davon hänge ab, ob der „grüne“ Dünger günstig genug ist, damit sich Bauern für das klimaneutralere Produkt entscheiden.

„Die größte Herausforderung ist es, die Technik der Pilotanlagen in großem Maßstab zu realisieren und die Transportkapazitäten entweder durch Pipelines oder per Schiff aufzubauen“, sagt der Leiter des Nationalen Wasserstoffzentrums Spaniens mit Sitz ebenfalls in Puertollano, Miguel Ángel Fernández. Wasserstoff sei auch der ideale Energieträger, um überschüssigen Wind- und Sonnenstrom zu speichern. Er lasse sich durch Pipelines transportieren und umgewandelt in Ammoniak per Schiff zum Beispiel in die deutschen Industriezentren.

Wie weit der Weg in die grüne Wasserstoffzukunft jedoch noch ist, zeigt eine unscheinbare Leitung, die aus der Pilotanlage herausführt. „Die reicht aus, um den gesamten hier produzierten Wasserstoff zu Fertiberia gleich nebenan zu leiten“, erklärt Ingenieur Javier Plaza und zeigt auf ein graues Rohr. Es ist nur etwa armdick.

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