Institut der deutsche Wirtschaft Rohstoffverknappung betrifft auch Chemieindustrie
Die gestiegenen Energiepreise werfen die Frage auf, wie sicher die Versorgung mit den wichtigsten Grundstoffen im rohstoffarmen Deutschland ist. Das Rohstoffversorgungs-Risiko-Rating des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat nun jene Stoffe identifiziert, bei denen es zu Engpässen kommen könnte.
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Köln – Trotz hoher Preise, gehören Erdöl und Erdgas nicht zu den Stoffen, die im Rohstoffversorgungs-Risiko-Rating als kritisch eingestuft werden. Die Versorgung gilt nach Einschätzung des IW eher unkritisch, weil relativ viele Länder und Unternehmen als Anbieter auf dem Weltmarkt auftreten. Kritisch sind hingegen die Perspektiven dagegen bei Metallen wie Chrom, Molybdän und Niob, die zur Herstellung von Edelstahl und in der Chemischen Industrie verwendet werden. Diese Stoffe sind nicht ohne weiteres durch andere Materialien ersetzbar.
Zudem werden die Metalle nur von wenigen Ländern und Unternehmen angeboten – die Niob-Vorkommen etwa entfallen zu 99 Prozent auf Brasilien, Kanada und Australien und werden zu 80 Prozent lediglich von drei Firmen kontrolliert. Diese Marktmacht ermöglicht es, die Versorgung politisch zu verknappen – etwa durch Exportbeschränkungen. Gefragt ist daher eine internationale Wirtschaftspolitik, die den Freihandel fördert, Investitionssicherheit schafft und die Suche nach neuen Produktionsverfahren unterstützt.
Deutsche Rohstoffrechnung drastisch gestiegen
Die Weltmarktpreise für Rohöl, aber auch für Metalle wie Kupfer und Aluminium haben sich in wenigen Jahren vervielfacht. Deutschlands Rohstoffrechnung ist innerhalb von zwei Jahren um 72 Prozent gestiegen: Im Jahr 2006 führte die Bundesrepublik Rohstoffe im Wert von knapp 107 Milliarden Euro ein – 2004 waren es lediglich 62 Milliarden Euro gewesen.
An den importierten Mengen hat es nach Angaben des IW aber nicht gelegen, denn diese sind seither kaum gestiegen. Teilweise entwickelten sie sich wie beim Erdöl sogar leicht rückläufig. Hinter den höheren Ausgaben für Rohstoffe stecken vielmehr die extrem gestiegenen Preise, die wiederum eine unmittelbare Folge des Wirtschaftsbooms in aufstrebenden Staaten wie China und Indien sind.
Im rohstoffarmen Deutschland stellt sich nun verschärft die Frage, wie sicher die Versorgung mit den wichtigsten Grundstoffen für die Industrieproduktion ist. Das Rohstoffversorgungs-Risiko-Rating des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) gibt eine Antwort darauf, indem es jene Stoffe identifiziert, bei denen es über kurz oder lang zu Engpässen kommen könnte.
Zu berücksichtigen ist dabei allerdings, dass Knappheiten nicht in erster Linie der begrenzten geologischen Verfügbarkeit geschuldet sind, sondern der Marktmacht der Anbieter: Die Rohstoffvorkommen konzentrieren sich oftmals auf wenige Länder und befinden sich obendrein in der Hand weniger Unternehmen. Besonders stark ist die Marktposition von Lieferanten jener Metalle oder Mineralien, die im Produktionsprozess nicht durch andere zu ersetzen sind.
Export von Rohstoffen politisch reguliert
Das kann zum Problem werden: So bremsen einige Staaten den Export von Rohstoffen mittels Ausfuhrsteuern, andere geizen mit Exportlizenzen oder verbieten den Verkauf ins Ausland gleich ganz. Prominentes Beispiel für ein solches Gebaren ist China. In das IW-Rating sind alle maßgeblichen Aspekte der Rohstoffversorgung eingeflossen. Die untersuchten Stoffe wurden nach zeitlicher Reichweite der Vorkommen, Konzentration auf Länder- und Unternehmensebene und Ersetzbarkeit in drei Klassen eingeteilt:
1. Besonders kritische Versorgungslage
Sie ist gegeben, wenn in drei der vier Risikokategorien kritische Werte erreicht werden – dies trifft momentan etwa auf die Metalle Chrom, Molybdän und Niob zu, die allesamt zur Herstellung von Edelstahl nötig sind. Hinzu kommen das für Kondensatoren und in der Medizintechnik verwendete Tantal, das für die Keramikindustrie bedeutsame Zirkon sowie Platin, Palladium und Rhodium. Die drei sogenannten Platinmetalle werden vor allem in der Chemie, der Medizin und der Schmuckherstellung eingesetzt. All diese Stoffe werden nur von wenigen Ländern und Unternehmen angeboten. Nach heutigem Stand der Forschung und Technik sind sie kaum austauschbar.
2. Kritische Versorgungslage
Davon ist die Rede, wenn jeweils zwei Werte als heikel einzustufen sind. Dies gilt für Baryt, Fluorit und Lithium und betrifft damit völlig verschiedene Branchen. So müssen sich unter anderem die Papierhersteller Gedanken über ihre Produktionsverfahren machen, aber auch Gusseisen- und Aluminiumproduzenten sowie die Chemische und die Keramikindustrie.
3. Weniger kritische Versorgungslage
Lediglich in einer Kategorie als kritisch zu bewerten ist die Versorgung mit Wolfram. Blei, Titan und Zinn kommen im Rating ebenfalls vergleichsweise glimpflich weg, weil sie sich gut recyclen lassen. Die Verwender dieser Stoffe – zum Beispiel Edelstahlerzeuger, Flugzeugbauer und Weißblechhersteller – können deshalb relativ sorglos sein.
Ein spezielles Ergebnis des IW-Rohstoff-Ratings dürfte alle Industriezweige gleichermaßen beruhigen: Die Verfügbarkeit von Erdöl und Erdgas gilt zurzeit als unkritisch, weil relativ viele Länder und Unternehmen als Anbieter auf dem Weltmarkt auftreten.
Freihandel im Rohstoffbereich stärken
Da ein Großteil der bei anderen Rohstoffen drohenden Knappheit der Politik zuzuschreiben ist, wird nicht nur das Anpassungsvermögen der Unternehmen auf die Probe gestellt. Genauso gefragt ist diplomatisches Geschick. Insbesondere empfiehlt das IW im Rahmen der bestehenden Abkommen unter dem Dach der Welthandelsorganisation WTO Handelshemmnisse wie Steuern und Exportbeschränkungen für Bodenschätze und Rohstoffe weiter abzubauen. Auch gelte es die Forschung zu stärken. Wollen die Unternehmen der Rohstoffknappheit begegnen, müssen sie neue Produkte und Verfahren entwickeln. Dies sollte sich auch in einer entsprechend gestalteten Forschungsförderung widerspiegeln.
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