Die Ingenieurausbildung in Deutschland hinkt hinterher. Veraltete Lehrpläne, langwierige Prozesse und fehlende digitale Praxis gehören zum Alltag. Dabei sollen Ingenieure interdisziplinär, digital und KI-unterstützt arbeiten und am besten bei Berufseinstieg bereits wissen, wie es in der Praxis wirklich läuft. Kein Wunder also, dass die Gen Z lieber Influencer werden will.
Digitalisierung, KI, Praxisorientierung und interdisziplinäres Arbeiten sind die Schlüsselthemen in der Ingenieurausbildung der Zukunft.
(Bild: Pixabay)
Jeder redet über sie, viele nutzen sie – und an den Hochschulen wird man in fünf Jahren lernen, wie man richtig mit ihr umgeht: Die Rede ist von Künstlicher Intelligenz. Studenten beschäftigen sich mit dieser Technologie bereits vor dem Studium und bringen sich nach dem Motto „Learning by Doing“ alles selbst bei. Eine Verankerung im Lehrplan wäre hier gewiss von Vorteil. Doch genau da stößt man bereits auf das erste Problem: Wenn neue Anforderungen durch die Wirtschaft an einen Studiengang – wie hier im Ingenieurwesen – benötigt werden, durchlaufen diese einen mühsamen Prozess bis zur Umsetzung. Mit den rasanten technologischen Entwicklungen und der Schnelllebigkeit der heutigen Welt im Hinterkopf müssen die Curricula der Studiengänge jedoch schnellstmöglich modernisiert werden.
Status quo
Momentan sind laut dem VDI/IW-Ingenieurmonitor über 106.000 Stellen im Ingenieur- und IT-Wesen unbesetzt (Stand Q2/25). Auch die Pharmaindustrie sucht händeringend nach Fachkräften, wie das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) bereits im Vorjahr verkündet hat. Gleichzeitig schließen jährlich nur 90.000 bis 100.000 junge Menschen ein ingenieurwissenschaftliches Studium ab. Mint-Studiengänge weisen außerdem eine hohe Studienabbruchrate bereits im ersten Semester auf.
Um Deutschland als führenden Innovationsstandort zu erhalten, braucht es weiterhin eine hohe Zahl gut ausgebildeter technischer Fachkräfte, so der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Zusätzlich kämen immer mehr Zukunftstechnologien und technische Innovationen von Wettbewerbern aus den USA oder China. Eine zukunftsorientierte und interdisziplinäre Ingenieuraus- und -weiterbildung sei daher der Schlüssel.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, die Ingenieurausbildung in Deutschland ist bereits auf einem hohen Niveau. Wir dürfen aber nicht an alten Curricula festhalten. Kompetenzen in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind in Zukunft gefragt und müssen fest in der Hochschullehre verankert sein. Nicht jeder kann Influencer in Dubai werden – deshalb müssen wir den Ingenieurberuf in Deutschland attraktiv und zukunftsorientiert gestalten“, erklärt VDI-Direktor Adrian Willig bei einem Pressegespräch Anfang Oktober 2025.
Die Lücke zwischen Wissen und Können
Der VDI fordert Bildungspolitik, Hochschulen und Wirtschaft dazu auf, die Ingenieurausbildung zukunftsfähiger zu machen. Professorin Antonia Kesel, Vorsitzende des Berufspolitischen Beirates des VDI und Leiterin des Studiengangs Bionik an der Hochschule Bremen, macht auf die Lücke zwischen Wissen und Können aufmerksam: „Die Theorie alleine reicht nicht mehr. Die Ausbildung muss praxisbezogener werden, sodass Studenten das Gelernte auch anwenden können. Die Praxis muss im Rahmen von Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen integriert werden.“ Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz sind die dualen Studiengänge, die in den letzten Jahren zunehmend an Beliebtheit gewonnen haben.
Auch das Wissen und Können der aktuellen Fachkräfte muss an die junge Generation weitergegeben werden, denn in ein paar Jahren droht mit dem Renteneintritt der Babyboomer-Generation ein massiver Fachkräfte- und Wissensverlust in der Branche.
Aufgrund der bekannten Herausforderungen für Deutschlands Wirtschaft, wie der angesprochene Fachkräftemangel, Digitalisierung, Demografie und die Klimakrise, hat der VDI die Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ ins Leben gerufen. Die Initiative befasst sich mit der langfristigen Perspektive Deutschlands als stabiler Wirtschafts- und Technologiestandort und beschäftigt sich auch mit der Aus- und Weiterbildung von Ingenieuren. Um den Herausforderungen aktiv zu begegnen, hat der VDI das Impulspapier „Impulse zur Bildung und Qualifikation der Zukunft“ erarbeitet. Darin sind verschiedene Schritte zur Sicherung der Ingenieurausbildung der Zukunft aufgezeigt.
Aus dem Impulspapier
Zukunftsfeste Qualifikationen für Ingenieure
Zukunftskompetenzen systematisch verankern: Ausbau interdisziplinärer Studienmodelle mit Integration von KI- und Digitalisierungsthemen.
Innovative Lehrmethoden fördern: Einsatz von KI-gestütztem Lernen, Augmented Reality und virtuellen Laboren, kombiniert mit praxisnahen Formaten wie Challenge Based Learning.
Kooperationen zwischen Hochschulen und Wirtschaft stärken: Bedarf der Unternehmen muss schneller in die Studieninhalte einfließen, um Absolventen optimal auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten.
Fachkräftemangel gezielt entgegenwirken: Mehr Studierende für Ingenieurfächer gewinnen, Frauenanteil erhöhen und internationale Talente langfristig binden.
Was ist der Purpose?
VDI-Direktor Adrian Willig und Professorin Antonia Kesel sprechen im Pressegespräch auch über die Anforderungen der Generation Z an ihren Beruf. „Die junge Generation beschäftigt sich sehr viel mit dem Purpose, also dem Zweck oder dem Impact, einer Aufgabe oder eines Produkts. Wofür brauche ich dieses Produkt, an dem ich gerade arbeite? Und was passiert mit diesem Produkt, wenn man es nicht mehr benötigt? Also der Aspekt der Nachhaltigkeit darf auch im Ingenieurberuf nicht mehr zu kurz kommen“, so Willig. Kesel fügt hinzu: „Besonders für Frauen, aber zunehmend auch für Männer, sind Nachhaltigkeit und Purpose wichtige Aspekte in der Berufs- und Unternehmenswahl.“ Auch für Arbeitgeber ein wichtiger Hinweis hinsichtlich Recruiting.
Stand: 08.12.2025
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Lebenslanges Lernen
Technologie, Umwelt und Wirtschaft verändern sich immer schneller, wodurch nicht nur der Lehrplan an Hochschulen angepasst werden muss. Lernen sollte nicht nur im Hörsaal, sondern auch in den verschiedensten Phasen des Lebens stattfinden. Dazu gehören Fortbildungen für Lehrpersonal, Weiterbildungen für bestehende Fachkräfte und beispielsweise Mentoring-Programme, wie der VDI in dem Impulspapier schreibt. Studienmodelle sollten außerdem flexibler werden, um Abbruchraten zu minimieren.
Besonders die Mint-Bildung in Kita und Schule spielt eine zentrale Rolle: Studien zeigen, dass bereits im frühen Kindesalter Geschlechter-Stereotypen, kulturelle Einflüsse, fehlende Vorbilder und die Betreuung das Interesse an Naturwissenschaften und Technik beeinflussen können. Professorin Antonia Kesel möchte daher frühzeitig auch junge Menschen erreichen und die Begeisterung für den Ingenieurberuf weitergeben.