Welche Rahmenbedingungen beeinflussen die Arzneimittelverfügbarkeit in Deutschland? Diese Frage haben Prof. Dr. Kai Hoberg (Kühne Logistics University), Prof. Dr. David Francas (Hochschule Worms) und Stephan Mohr (Frankfurt School of Finance and Management) in einer Studie untersucht. Die Erkenntnis draus: Wettbewerb unter vielen Generika-Produzenten sorgt nicht etwa für ein verteiltes Risiko und mehr Verlässlichkeit, sondern macht die Lieferketten anfälliger.
Prof. Dr. Kai Hoberg, Professor of Supply Chain and Operations Strategy, Kühne Logistics University
(Bild: KLU/Christin Schwarzer)
Seit vielen Monaten schlagen Apotheken, medizinisches Personal und Betroffene Alarm: Diverse Kinderarzneimittel wie Fiebersäfte sind knapp, die Versorgungslage ist angespannt. Während die Gesundheitspolitik Gesetze auf den Weg bringen will, um Abhilfe zu schaffen, hat sich die Kühne Logistics University (KLU) seit Anfang 2021 mit den Hintergründen der Arzneimittelknappheit beschäftigt und nun ihre Forschungsergebnisse veröffentlicht.
Über die KLU
(Bild: CHRISTIN SCHWARZER)
Die staatlich anerkannte Kühne Logistics University – Wissenschaftliche Hochschule für Logistik und Unternehmensführung (KLU) ist eine private Hochschule mit Sitz in der Hamburger HafenCity. Die Forschung konzentriert sich auf die Schwerpunkte Sustainability, Digital Transformation und Creating Value in den Bereichen Transport, globale Logistik und Supply Chain Management. Die KLU hat das Promotionsrecht und kann damit als eine von wenigen privaten Hochschulen in Deutschland eigenständig Doktortitel vergeben. Mit einem Bachelor- und drei Masterstudiengängen, einem strukturierten Doktorandenprogramm und einem berufsbegleitenden MBA bietet die KLU ihren 400 Studierenden eine hohe Spezialisierung und exzellente Studienbedingungen. Ein internationales Team von rund 30 Professorinnen und Professoren unterrichtet auf Englisch.
Hintergründe und Auswirkungen von Lieferengpässen
Dabei ist Deutschland nicht allein, was Lieferengpässe von Arzneimitteln angeht. Die Zahl der Engpässe nimmt in vielen Industrieländern zu. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) meldeten 22.487 Engpässe im Jahr 2019 und in den USA meldete die Federal Drug Administration (FDA) zwischen 2011 und 2020 mehr als 680 Engpässe. Die Zahlen unterscheiden sich deutlich – besonders weil in jedem Land andere Melderichtlinien gelten. Eindeutig sind die Folgen dieser Lieferengpässe: Sie können die Gesundheit von Patientinnen und Patienten beeinträchtigen, die möglicherweise nicht die erforderliche Behandlung erhalten.
Infolgedessen müssen sie auf alternative Medikamente umgestellt werden, sofern diese verfügbar sind. Diese Umstellung wiederum kann Probleme wie verminderte Wirksamkeit oder Nebenwirkungen verursachen. Wenn keine Alternative verfügbar ist, müssen Behandlungen verzögert oder – im schlimmsten Fall – abgebrochen werden. Die Folge: längere Genesungszeiten, vermehrte Beschwerden und möglicherweise sogar Todesfälle. Während dieses Extrem zum Glück sehr selten ist bedeutet der Ausfall bei der Bereitstellung der benötigten Arzneimittel Auswirkungen und Mehraufwand für alle Beteiligten der pharmazeutischen Versorgungskette, vom Großhändler bis zu Ärztin oder Apotheker.
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Tendenziell sind die Gründe für die Zunahme von Lieferengpässen bekannt. Der zunehmende Kostendruck und die Verschärfung des Wettbewerbs veranlassten die Unternehmen, einschließlich der Hersteller pharmazeutischer Produkte, nach effizienteren Wegen zur Bereitstellung ihrer Produkte zu suchen. Häufig führten diese Bemühungen zur Beschaffung von Rohstoffen von globalen Partnern (oft in Asien).
Das Outsourcing und Offshoring von Produktionstätigkeiten und die Rationalisierung von Lieferketten haben zur Folge, dass diese anfälliger für Störungen sind. Oft werden beispielsweise die Lagerbestände von Vorprodukten abgesenkt und die Auslastung der Produktionsanlagen hoch geplant.
Das Ergebnis sind längere Lieferketten mit einem höheren Grad an pharmazeutischer Komplexität, die anfälliger für Störungen sind. Geringfügige Abweichungen innerhalb dieser komplexen Netze (z. B. verspätete Lieferungen von Rohstoffen, Produktionsprobleme mit Zwischenprodukten oder Qualitätsproblemen bei Endprodukten) können zu Unterbrechungen oder sogar zu Ausfällen in der Produktversorgung führen. Im Falle von Arzneimitteln mit direkten Folgen.
Vor diesem Hintergrund haben meine Co-Autoren und ich die Studie „On the Drivers of Drug Shortages: Empirical Evidence from Germany“ erstellt. Wir wollten die Engpasssituationen bei Arzneien in Deutschland – dem viertgrößten Pharmamarkt nach den USA, China und Japan – ergründen.
Dafür griffen wir zum einen auf Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zurück, das entsprechende Engpässe dokumentiert. Als Grundlage dienten Daten aus dem Zeitraum von 2017 bis 2019 – bewusst ohne die Pandemiejahre als Sondereinfluss. Damit und mit weiteren Quellen für Abverkauf, Patentsituation und Reportingpflichten in Deutschland erstellten wir ein statistisches Modell, um Häufungspunkte identifizieren zu können.
Konkurrenz, Darreichungsform & Meldefristen als kritische Indikatoren
Patentierte Produkte, die nur von einem Hersteller angefertigt werden, sind demnach seltener von Engpässen betroffen als Arzneimittel, die den Patentschutz verloren haben und als Generika von vielen Anbietern hergestellt werden. Unsere Erklärung: Sobald eine Konkurrenzsituation herrscht, sind einzelne Unternehmen zu stärkerer Effizienz gezwungen. Bereits kleine Störungen führen dann schneller zu Engpässen, weil weniger Kapazitäten und Bestände als Reserve existieren.
Eine weitere Erkenntnis: Die Anfälligkeit für Lieferschwierigkeiten korreliert mit der Darreichungsform der jeweiligen Arzneimittel, da einzelne Applikationsmethoden aufwändiger und damit anfälliger sind. Konkret erwies sich der Produktionsprozess von gespritzten Medikamenten am komplexesten. Denn hier ist die Gefahr für Verunreinigungen oder andere Störungen, die zu Engpässen führen können, höher. Ebenfalls anfällig sind Arzneimittel, deren Nachfrage schwankt.
Stand: 08.12.2025
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Pharmaunternehmen melden Engpässe erst nach sechs bis acht Wochen. Eine striktere Meldefristpolitik ist dringend erforderlich.
Weiterhin wurde analysiert, wann Pharmaunternehmen, die hierzulande verpflichtet sind, Engpässe bei kritischen Medikamenten dem BfArM zu melden, tatsächlich ihrer Pflicht nachgehen. Überraschenderweise wurden Engpässe meist erst sechs bis acht Wochen gemeldet, nachdem der Markt den Engpass bereits erreicht hat. Hier sage ich ganz offen: Von dieser Information war alle Beteiligten überrascht. Wir brauchen dringend eine striktere Meldefristpolitik.
Versorgungssicherheit erhöhen: Patentrezepte gibt es keine
Häufig wird in diesem Zusammenhang die Frage diskutiert, ob höhere Preise Engpässe bei Arzneimitteln vermeiden könnten – eine Frage, die ich klar verneine. Diese Strategie bedeutet nur eine Umverteilung des Problems: Man erhöht damit die Prioritäten der Unternehmen für den deutschen Markt, aber dann fehlt das Arzneimittel in einem anderen europäischen Land. Vielmehr sehe ich einen erfolgversprechenden Ansatz in einer differenzierteren Incentivierung.
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Diese sollte als Auflage mit Resilienz-Maßnahmen verknüpft sein, welche die Produktion wiederum langfristig garantieren und Risiken reduzieren. Im ersten Schritt kann es zum Beispiel sinnvoll sein, für kritische Medikamente mit langer Mindesthaltbarkeit höhere Vorräte einzufordern und die Anbieter für die damit einhergehenden Kosten zu entschädigen. Das ist in der Pharmabranche nichts Ungewöhnliches – gerade bei patentgeschützten Medikamenten, die für hohe Umsätze sorgen.
Höhere Preise vermeiden keine Engpässe. Nur das Problem wird verlagert.
Auf diese Weise lässt sich relativ einfach die Versorgungssicherheit erhöhen, wenn es zu Produktionsausfällen oder Nachfragesteigerungen kommt. Gleichwohl ist dies kein Schritt von heute auf morgen, da zunächst zunächst die Bestände aufgebaut werden müssen – ein Problem bei knappen Produktionskapazitäten. Ein anderer deutlich strategischer Schritt ist es, den Aufbau der Produktion in Europa mit höheren Preisen zu verknüpfen.
So würden für die gleichen Tabletten höhere Preise gezahlt. Ein Ansatz kann es sein, eine bestimmte Wertschöpfung in der EU einzufordern. Dabei muss sichergestellt werden, dass man sich nicht weiter abhängig von einzelnen oder wenigen Vorlieferanten in Asien macht. Letztlich kann man auch Investitionszuschüsse für neue Werke in der EU geben, um so direkt die Ansiedlung zu unterstützen.
Frühwarnsysteme und mehr Transparenz als Lösungsansätze
Als nächste nötige, ganz praktische Schritte sehen wir die Etablierung eines Frühwarnsystems sowie die Erhöhung der Transparenz entlang der gesamten Lieferkette, die bislang lediglich bei den Herstellern liegt. Man könnte es auch so sagen: Transparenz alleine löst das Problem der Engpässe zwar noch nicht, aber sie ist nötig, um auf dieser Basis adäquate Resilienzmaßnahmen für Unternehmen zu entwickeln. Aktuell ist für die europäischen Behörden oft nicht sichtbar, wo die Produktion der einzelnen Vor- und Zwischenprodukte wirklich stattfindet.
Während im Pharmabereich erhöhte Anforderungen existieren, welche Betriebstätten bei der Produktion involviert werden könnten, gibt es keine Pflicht zur Nennung der wirklichen Lieferanten. Auf diese Weise kann man nicht einfach erkennen, was ein Ausfall einer Region z. B. durch ein Erdbeben oder Streiks für Folgen hat. Ein anderer Weg ist, die Bestände im Markt besser zu kontrollieren – so könnte man verfolgen welche Bestandsreichweite es gibt und damit schneller handeln, wenn der Bestand sinkt.
Ausblick: Sofort wird sich nicht viel ändern
Bei allen genannten Punkten muss die Öffentlichkeit realistisch bleiben. In der Pharmaindustrie geschehen Entwicklungen über viele Jahre. Neue Werke werden nicht von heute auf morgen gebaut – selbst wenn sich das Rahmenumfeld anpasst. Aus diesem Grund werden wir vermutlich noch lange mit Engpässen kämpfen, und wenn mehr Mengen nach Deutschland gehen, werden sie in anderen Regionen fehlen.
Originalpublikation: Francas, D., Mohr, S. and Hoberg, K. (2023), "On the drivers of drug shortages: empirical evidence from Germany", International Journal of Operations & Production Management, Vol. ahead-of-print No. ahead-of-print. https://doi.org/10.1108/IJOPM-09-2022-0581