Die Krise im energieintensiven Mittelstand hat ein bedrohliches Ausmaß erreicht und gefährdet den „kritischen industriellen Kern“ Deutschlands. Unternehmen kämpfen mit steigenden Energiekosten, akutem Fachkräftemangel und wachsender Bürokratie. Eine aktuelle Studie zeigt: Nur 55 % der Unternehmen halten den Standort Deutschland noch für zukunftsfähig.
Wettbewerbsfähigkeit im Sinkflug: Der energieintensive Mittelstand schlägt Alarm.
Die energieintensive Industrie verzeichnet weltweit attraktive Wachstumsquoten – aber nicht in Deutschland. Hohe Energie- und Rohstoffkosten, wenig Fachkräfte, viel Bürokratie, sinkende Exportnachfrage: Der Standort Deutschland ist seit Jahren unter Druck und hat jetzt ein kritisches Level erreicht. So ist es nicht verwunderlich, dass nur 55 % des energieintensiven Mittelstands den Standort für zukunftsfähig halten und der Investitionsfokus, auch trotz anhaltend chronischer Investitionsschwäche, für 30 % der Unternehmen in den nächsten fünf Jahren außerhalb Deutschlands liegt. Im Vergleich zu anderen Regionen bildet Deutschland bei der Wettbewerbsfähigkeit das Schlusslicht – mit großem Abstand zu den USA, China, Nahost und dem restlichen Europa. Das hat nicht nur unmittelbare Auswirkungen für die Einzelunternehmen, sondern stellt auch zunehmend die Relevanz eines über Dekaden aufgebautes industrielles Ökosystem in Frage.
Das sind einige Ergebnisse der Studie „Wie lässt sich ein rasanter Abstieg Deutschlands zur Weltspitze verhindern?“, für die die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PWC und Strategy&, die globale Strategieberatung von PWC, 300 Führungskräfte aus dem energieintensiven Mittelstand befragt haben und wissen wollten, wie sie mit den Herausforderungen umgehen und welche Strategien sie nutzen, um die aktuelle Krise zu meistern.
Sorge um Existenz des eigenen Unternehmens wächst
Fest steht: Der Druck, unter dem die energieintensive Industrie steht, ist enorm. Das betrifft rund 7000 Einzelunternehmen mit mehr als zwei Millionen Beschäftigten und einer Wertschöpfung von 242 Milliarden Euro aus den Sektoren Basis- und Spezialchemie, Pharma, Kunststoff, Glas, Metall und Papier. Bei allen Subsektoren ist das Produktionsvolumen seit 2018 zurück gegangen – die Unterschiede sind allerdings beträchtlich: Während es bei der Pharmaindustrie „nur“ fünf Prozent sind, liegt das Minus bei der Chemieindustrie bei minus 21 %. „Unsere Gespräche mit vielen Mittelständlern sind alarmierend und gehen deutlich über ein Stimmungstief hinaus, weil es zunehmend Überlegungen gibt, zu verkaufen oder ganz aufzuhören“, bestätigt Uwe Rittmann, Leiter Familienunternehmen und Mittelstand bei PWC Deutschland. „Insbesondere die jüngere Generation treibt diese Entscheidungsprozesse teilweise schon sehr konkret voran.“
Nur jeder Zweite hält Deutschland noch für zukunftsfähig
Die Unzufriedenheit mit dem Standort Deutschland ist jedenfalls hoch: Mit 55 % hält lediglich eine knappe Mehrheit Deutschland für zukunftsfähig. Ein Grund sind die Energie- und Rohstoffkosten, die für 60 bzw. 54 % „sehr relevante Faktoren£ für die Bewertung des Standorts sind – gefolgt von der Verfügbarkeit von Arbeitskräften sowie der Planungs- und Rechtssicherheit mit jeweils 52 %. Obwohl die Kosten für Rohstoffe und Energie inzwischen leicht zurückgegangen sind, haben sie sich auf hohem Niveau eingependelt. Nicht einmal die Hälfte der Unternehmen kann diese gestiegenen Kosten an die Kunden weitergeben. Das führt dazu, dass 34 % der Führungskräfte ihr Unternehmen als stark oder sehr stark gefährdet ansehen.
Abwanderung für kleine Unternehmen oft nicht machbar
Trotz der Unzufriedenheit ziehen derzeit allerdings nur 15 % der deutschen Mittelständler eine Verlagerung ihrer Produktion ins Ausland in Betracht. Ist also Entwarnung angesagt? Nein, im Gegenteil. Denn das hieße, dass Teile der Wertschöpfung abwandern und damit auch Lieferanten für hier ansässige Unternehmen. Der Blick auf die nächsten fünf Jahre liest sich noch alarmierender. Hier sind es bereits 30 % der Befragten, die ihren Investitionsfokus ins Ausland verlagern. Über alle Subsektoren hinweg würde das einen durchschnittlichen Verlust von zehn Prozent beim hier erwirtschafteten Umsatzanteil bedeuten. In der Basischemie fällt er mit minus 20 % besonders hoch aus.
Die Abwanderung in andere Länder kommt dabei vor allem für große Unternehmen in Frage. Für kleinere mittelständische Unternehmen sind die Hürden für den Gang ins Ausland deutlich höher. Daher müssen sie die Krise anders meistern – und das ist schwer, aber machbar. „Die Möglichkeiten der klassischen Optimierung und kurzfristigen Kostensenkungen sind weitgehend ausgereizt. Nur sieben Prozent der Unternehmen können ihre Kosten komplett an die Kunden weitergeben. Aber die gute Nachricht ist: Es gibt andere strategische Stoßrichtungen“, sagt Michael Weiss, Partner bei Strategy& Deutschland. „Ich empfehle Unternehmen, ihre White Spots zu identifizieren und dann gleichzeitig anzugehen – das kann zum Beispiel die Stärkung der Innovation sein, eine weitere Diversifizierung oder eine Spezialisierung.“ Letztere ist vor allem für die Spezialchemie, aber auch den Metall-, Glas und Papiersektor interessant. Denn: Je spezialisierter ein Unternehmen ist, um so unentbehrlicher macht es sich – und das gibt den Unternehmen die Möglichkeit, gestiegene Kosten einfacher an die Abnehmer weiterzugeben.
Stand: 08.12.2025
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