Interview zum Thema Wireless Flächendeckender Einsatz von Wireless noch nicht in Sicht
Nicht immer sind die Sichtweisen von Herstellern und Anwendern deckungsgleich. Zur Sichtweise der deutschen Anwender äußerte sich Dr. Stefan Ochs, Bayer Technology Services und Mitglied des Namur-AK 4.15. Um den Anwendern Hilfestellungen bei noch offenen Fragen zur Wireless-Technologie zu leisten, wurde die Namur-Empfehlung NE 124 entwickelt, die auf der diesjährigen Namur-Hauptsitzung vorgestellt wird.
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PROCESS: Herr Dr. Ochs, die Hersteller sprechen von einem großen Interesse seitens der Anwender an den Drahtlos-Technologien. Wie beurteilen Sie die Situation aus Sicht des Anwenders?
Dr. Ochs: Wir befinden uns in einer frühen Phase, in der die Anwender die Grenzen und Möglichkeiten von drahtlosen Automatisierungslösungen erst ausloten bzw. die Erfahrungen anderer Anwender abwarten wollen. Für Investitionen in die Leittechnik, bei denen Einsatzzeiten von über 15 Jahren erwartet werden, ist dies auch vernünftig. Generell liegt das größte Potenzial für den Einsatz von Wireless-Anwendungen aber dort, wo Mobilität und Flexibilität gefordert sind und konventionelle Lösungen entweder nicht funktionieren oder unwirtschaftlich sind. Bei solchen Aufgabenstellungen (z.B. die Instrumentierung von mobilen Apparaten) wird sich die Wireless-Technologie zuerst durchsetzen und wird für solche „exotischen“ Anwendungen auch bereits seit Jahren eingesetzt. Einen flächendeckenden Einsatz von Wireless-Technologien in den Anlagen der Prozessindustrie sehe ich zurzeit aber nicht.
PROCESS: Bisher beschränkt sich die Prozessindustrie in der Regel auf Anwendungen, in denen Daten zur Beobachtung/Überwachung drahtlos übertragen werden. Sehen Sie eine Chance, dass sich die Drahtlostechnologien auch bei anderen Anwendungen, etwa zur Steuerung von Prozessen, durchsetzen werden?
Dr. Ochs: Derzeit ist noch kein Wireless-Standard in der Automatisierungstechnik erkennbar, der einen zuverlässigen Einsatz in Echtzeitanwendungen (z.B. bei Regelungen) zulässt. Dies gilt insbesondere dann, wenn die geforderten Zykluszeiten klein sind. Selbst wenn die technischen Voraussetzungen dafür erfüllt sind, wird sich die Wireless-Technologie aber in größerem Maße erst durchsetzen, wenn sie bei gleicher Zuverlässigkeit wie konventionelle drahtgebundene Technik weitere Vorteile bietet. Die dabei oft genannten Kostenvorteile bei der Installation relativieren sich aber, wenn man den gesamten Lebenszyklus der Anwendung betrachtet.
PROCESS: Welche Bedingungen müssen dafür geschaffen werden?
Dr. Ochs: Die Wireless-Technologien müssen die Anforderungen der Anwender hinsichtlich Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit erfüllen. Das sind Grundvoraussetzungen für den Einsatz zur Prozessführung. Beispielsweise sei das Thema „Koexistenz“ genannt, d.h. das ungestörte Nebeneinander verschiedener Wireless-Anwendungen, die sich ein gemeinsames Frequenzband teilen. Hier muss sichergestellt werden, dass die Anwendungen auch dann noch funktionieren, wenn beispielsweise der Nachbarbetrieb eine weitere Funkanwendung in Betrieb nimmt. Aber auch ganz praktische Aspekte sind aus meiner Sicht noch nicht zufriedenstellend geregelt: Beispielsweise bedeutet das regelmäßige Auswechseln von Batterien zur Energieversorgung von drahtlosen Sensoren in einer Chemieanlage einen nicht unerheblichen Wartungsaufwand.
PROCESS: Die NE 124 steht kurz vor dem Abschluss, welche Empfehlungen geben Sie darin dem Anwender beim Umgang mit der drahtlosen Technologie?
Dr. Ochs: Die NE 124 formuliert Anforderungen an Hersteller, die sicherstellen sollen, dass die geforderte Investitionssicherheit für einen nachhaltigen Einsatz von Wireless-Technologien gewährleistet wird. Im Mittelpunkt stehen dabei die bereits genannten Forderungen nach Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit. Daneben werden Aspekte behandelt, die der Anwender schon bei der Planung des Einsatzes von drahtlosen Lösungen berücksichtigen sollte, z.B. eine sorgfältige Planung der Wireless-Infrastruktur. Die NE 124 betrachtet dabei keinen speziellen Wireless-Standard, sondern möchte Fragestellungen adressieren, die Hersteller und Lieferanten bei der Entwicklung und Einführung von Wireless-Technologien beachten sollten.
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