Die Emissionsreduktion in Lieferketten rückt in Zeiten zunehmender ESG-Bedeutung verstärkt in den globalen Fokus. Unternehmen müssen nun ihre Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft belegen, wie es die Corporate Sustainability Reporting Directive der EU (CSRD) vorsieht.
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Ab 2024 müssen Großunternehmen, ab 2025 der Mittelstand und ab 2026 Kleinunternehmen detaillierte ESG-Berichte erstellen. Diese umfassen nicht nur soziales Verhalten und Unternehmensführung, sondern auch den ökologischen Fußabdruck. Die Einbeziehung der gesamten Lieferkette in diese Verantwortung ist von zentraler Bedeutung. Entscheidungsträger stehen vor der Frage: Welche Stakeholder sind für die Emissionsreduktion entlang der Lieferkette verantwortlich und welche Tools ermöglichen ihnen einen umfassenden und effizienten Überblick entlang der Wertschöpfungskette ihres Netzwerkes?
Steuern durch komplexe Gewässer der Emissionsreduktion
In der Umweltsäule der ESG-Berichterstattung ist das Greenhouse-Gas-Protokoll (GHG) der „Nordstern“, an dem sich Unternehmen orientieren müssen, um ihre Treibhausgasemissionen zu ermitteln und zu melden. Das Protokoll berücksichtigt sieben Treibhausgase – Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4), Distickstoffoxid (N2O), Fluorkohlenwasserstoffe (HFC), Perfluorkohlenwasserstoffe (PFC), Schwefelhexafluorid (SF6) und Stickstofftrifluorid (NF3) – und klassifiziert diese in Scope-1-, -2- und -3-Emissionen.
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Scope-1- und Scope-2-Emissionen sind in ihrer Meldung verpflichtend und noch vergleichsweise einfach zu identifizieren, messen und reduzieren, da sie in der Regel direkt von der Organisation beeinflusst werden können. Scope-3-Emissionen stellen für viele Unternehmen die am schwierigsten zu überblickende Kategorie dar. Auch wenn die Berichterstattung über Scope-3-Emissionen derzeit noch freiwillig ist, dürfen Unternehmen sie nicht ignorieren, da sie Möglichkeiten zur Kostensenkung, zur Optimierung der Wertschöpfungskette und zur Risikominimierung bergen. Schließlich können die unterschiedlichen Komponenten der vor- und nachgelagerten Scope-3-Emissionen außerhalb der eigenen Organisation bis zu 90 Prozent der Gesamtemissionsbilanz eines Unternehmens ausmachen, abhängig von der Branche.
Das Reporting wird zusätzlich erschwert durch die zunehmende Komplexität von Wertschöpfungsketten. Multinationale Unternehmen haben weltweit vernetzte Lieferketten aufgebaut, mit zahlreichen Zulieferern (Tier 1 bis Tier n). Das Ermitteln von Scope-3-Emissionen erfordert bei solchen Organisationen eine noch integrativere, transparentere und datengetriebenere Integration als zuvor.
Scope-3-Emissionsströme entwirren
Für ein detailliertes Scope-3-Emissionen-Reporting müssen Unternehmen den CO2-Fußabdruck der einzelnen Stufen und Elemente der gesamten Wertschöpfungskette ermitteln – derzeit oft noch eine komplexe Mischung aus manueller und halbautomatisierter Arbeit. Unterschiedliche Berichtsstrukturen und fehlende automatisierte Datenaustauschmöglichkeiten zwischen Zulieferern und dem Kernunternehmen sind typische Hindernisse bei der Datengenerierung.
Besonders aufwendig ist das Sammeln und Verarbeiten von Daten für die Prozessindustrie, da eine Vielzahl von Rohstoffen, Zutaten oder Komponenten verfolgt werden muss. Praxisbeispiel ist ein pharmazeutisches Unternehmen, das einmal im Jahr per Datenmaske Informationen von Dienstleistern einholen musste, um den CO2-Fußabdruck von Schlüsselkomponenten zu ermitteln, die es von Partnerunternehmen in anderen Regionen erwarb. Letztere wiederum erfragten bei ihren Zulieferern – halbautomatisiert oder sogar manuell – die CO2-Emissionen für die von ihnen bestellten Teilkomponenten. All diese gesammelten Daten wurden dann vom ursprünglichen Pharmaunternehmen zur Berechnung der Emissionsrate eines einzigen Produkts und später ihrer Gesamtemissionen verwendet. Das halbmanuelle Herunterbrechen der Emissionen auf einzelne Gewerke und Stücklistenkomponenten, bei einer Vielzahl von mehreren tausend Produktvarianten, stellte in diesem Kontext eine zusätzliche Herausforderung für das Unternehmen dar. Wurde die Produktion eines neuen Medikaments eingeleitet oder ergaben sich Änderungen in der Wertschöpfungskette, musste dieses Vorgehen mühsam neu aufgesetzt werden.
In der Umweltsäule der ESG-Berichterstattung müssen sich Unternehmen am Greenhouse-Gas-Protokoll orientieren, um ihre Treibhausgasemissionen zu ermitteln und zu melden. Das Protokoll berücksichtigt sieben Treibhausgase.
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Unzureichende Emissionsdaten insbesondere der Tier-2- bis Tier-n-Lieferanten können die Qualität des ESG-Reportings des Kernunternehmens beeinträchtigen. Genaue und vertrauenswürdige Daten zu gewährleisten, ist daher von entscheidender Bedeutung. Unternehmen müssen zusätzlich solide Qualitätskontrollmaßnahmen, Überprüfungs- und Validierungsverfahren durch Dritte etablieren.
Stand: 08.12.2025
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Es zeigt sich: Die Umsetzung von ESG-Reportings erfordert viel Zeit, personellen und finanziellen Aufwand, teilweise ohne einen unmittelbaren Return on Investment zu bewirken. Somit stellt sich die Frage, wie Unternehmen diesen Prozess möglichst effizient gestalten können.
Die Mannschaft einbinden
Die klare, einheitliche Definition von Zielsetzungen im gesamten Unternehmen (ESG Scorecard) sowie klare Verantwortlichkeiten sind entscheidend, um sicherzustellen, dass die ESG-Aktivitäten in die Unternehmensstrategie integriert sind und effektiv umgesetzt werden können.
Die Verantwortlichkeit für das Management von Scope-3-Emissionen beginnt oft im Finanz- und/oder dem Beschaffungsbereich, und viele Unternehmen haben bereits Chief Sustainability Officers etabliert, die Initiativen über die gesamte Organisation hinweg koordinieren, zum Beispiel Betrieb, Logistik, Management. Doch alle Abteilungen und alle Mitarbeiter bis nach oben zur C-Suite sollten idealerweise ein Verständnis für die ESG-Auswirkungen ihrer Organisation oder Abteilung haben. Das erfordert eine breite Sensibilisierung und Integration von ESG-Aspekten in allen Unternehmensbereichen sowie ein konsistentes ESG Target Operating Model, um sicherzustellen, dass sie nicht nur als isolierte Funktion betrachtet werden, sondern als integraler Bestandteil der Unternehmenskultur und -strategie.
Auf Kurs bleiben bei der Emissionsreduktion
Wahrer Fortschritt ist ohne ein effektives und holistisches Datenmanagement kaum möglich. Beginnen sollte ein Unternehmen hierbei mit der Kartierung seiner gesamten Wertschöpfungskette, von der Rohstoffbeschaffung über Transport bis hin zum End of life eines Produkts. Mithilfe der digital eingespeisten Daten entwickeln die zuständigen Stellen eine Heatmap, um Bereiche und Geografien mit besonders hohen Emissionen zu identifizieren.
Durch den Einsatz branchenspezifischer Software können solche Primärdaten zu Scope-3-Emissionen erfasst, validiert und unternehmensübergreifend integriert werden. Zum Beispiel kann ein Pharmaunternehmen seine CO2-Emissionen während der Herstellung ihrer Verpackung digital messen und erkennen, dass der Energieverbrauch in einem bestimmten Produktionsabschnitt besonders hoch ist. Diese Erkenntnisse lassen sich dann nutzen, um nachhaltigere Lösungen anzusteuern, wie die Umstellung auf erneuerbare Energien, Prozessoptimierungen oder die Förderung der Kreislaufwirtschaft. Gleichzeitig können Unternehmen mit Partnern, Lieferanten und Kunden zusammenarbeiten, um einen ganzheitlichen Ansatz für ihr Emissionsmanagement zu verfolgen.
KI-Anwendungen im Scope-3-Emissionsmanagement haben oft einen geringen Reifegrad, bergen aber großes Potenzial für Verbesserungen. Für den Reportingprozess könnten mittels KI-Tools öffentlich zugängliche Emissionsdaten von Partnerunternehmen konsolidiert, verschiedene Berichtsmethoden navigiert und mögliche Datenfehler analysiert werden, um eine präzisere Umweltbewertung entlang der Lieferkette zu ermöglichen. In der Prozessindustrie könnten KI-Modelle dazu beitragen, Emissionen zu reduzieren, indem sie Distributionsnetzwerke optimieren, potenzielle Engpässe analysieren und effizientere Transportwege kalkulieren. In der Pharmaindustrie könnten virtuelle Studien und Qualitätsprozesse durch digitale Zwillinge CO2-Emissionen im Vergleich zu realen klinischen Studien verringern. Diese Anwendungen sind allerdings auf fortgeschrittene Technologien wie Quanten-Computing angewiesen.
Viele Unternehmen haben oft nicht die Ressourcen zur Verfügung, um solche daten- und technologieintensiven Projekte inhouse abzudecken. Externe Berater für Systemintegration können daher bei der Umsetzung von CO2-Reduktionsstrategien und dem Management von Emissionen unterstützen, indem sie maßgeschneiderte Lösungen für die Datensammlung und -berichterstattung entwickeln.
Fazit: klar Schiff in puncto Nachhaltigkeit machen
Da sich die weltweiten Vorschriften und Umweltstandards weiterentwickeln, wird die sorgfältige Erfassung und Überprüfung von Emissionsdaten für Unternehmen unabdingbar. Mit einer klar definierten internen Unternehmensstrategie, einem kohärenten Betriebsmodell und einem effektiven Datenmanagement schaffen Unternehmen den Wandel hin zu einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Organisation, die ihr Netzwerk in Bezug auf CO2-Ausstoß, Umwelteinfluss, Energieverbrauch und Kreislaufwirtschaft stetig anpasst. Typischerweise kann das langfristig auch zu finanziellen Einsparungen führen.
Die Qualität und Rückverfolgbarkeit von Lieferkettendaten wird dabei eine immer wichtigere Rolle spielen. Mithilfe IT- und KI-gestützter Methoden können die Lieferkettendatenbasis verbessert und mögliche Risiken fehlender Informationen bewertet werden. Unternehmen, die keine soliden Datenerfassungsprozesse etablieren, riskieren erhebliche Geldstrafen und verlieren möglicherweise ihre Glaubwürdigkeit auf dem Markt in einer Zeit, in der Umweltverantwortung zunehmend ein wesentlicher Bestandteil der Marktpositionierung und Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens darstellt.
Ralph Eckardt Partner & EMEA Head of Supply Chain Management bei infosys Consulting
Bildquelle: infosys Consulting
Asim Shah Senior Principal, Supply Chain Management bei infosys Consulting