Pyrum Innovations hat ein Verfahren entwickelt, mit dem Altreifen in ihre Ursprungsbestandteile zerlegt werden. Mit BASF steht schon der erste Industriekonzern als Abnehmer der wiedergewonnenen Rohstoffe bereit.
Pascal Klein (links), Gründer und CEO Pyrum Innovations und Dr. Christian Lach (rechts), Projektleiter Chemcycling bei BASF, vor der Reifenpyrolyseanlage von Pyrum in Dillingen/Saar, Deutschland.
(Bild: Pyrum Innovations)
Dillingen/Ludwigshafen (dpa/lrs) – Alles begann vor 14 Jahren in einer Gartenhütte mit einer Idee. Heute ist sie marktreif und weckt das Interesse von großen Unternehmen: Ein neues Verfahren zum Recyceln von Altreifen, bei dem alte Reifen komplett in ihre Ausgangsstoffe zerlegt werden. „Alles lässt sich restlos verwerten“, sagt der Vorstandsvorsitzende von Pyrum Innovations, Pascal Klein, im saarländischen Dillingen vor Bergen aus alten Pneus.
Möglich wird das über die Zersetzung der zuvor geschredderten Altreifen bei konstant 650 bis 700 °C in einem eigens gebauten Reaktor - im Vakuum, ohne Sauerstoff. Der sogenannten Thermolyse. Am Ende kommen heraus: Öl, Karbon und Gas. „Es ist so, als ob man aus einem Kuchen wieder Eier, Milch und Mehl zurückgewinnen würde“, sagt der 34-Jährige. „Die Reifen werden ausgeschwitzt und zersetzen sich so“, sagt Klein und erklärt: Man lasse das Gummigranulat von oben in einem 25 Meter hohen Reaktor auf 150 elektrische Heizplatten „regnen“. Wenn das Granulat auf die heißen Platten falle, entstehen das Karbon und Dampf, der abgesaugt wird. Der Dampf kondensiere und es entstehe Öl plus Gas, das zur Stromerzeugung für die komplette Anlage genutzt werde. 2500 Altreifen am Tag werden so auf dem Firmengelände verarbeitet.
„So ein Pyrolyse-Verfahren gab es bisher noch nicht“, sagt Klein. Das haben auch große Player mitbekommen. Wie der Chemiekonzern BASF, der nach eingehender Prüfung der Patente und Anlagen im vergangenen Herbst 16 Millionen Euro bei Pyrum investierte. „Damit unterstützen wir den Ausbau der bestehenden Pyrolyse-Anlage in Dillingen auf eine Gesamtkapazität von 20.000 Tonnen Reifen pro Jahr bis Ende 2022 sowie die weitere Markteinführung der Technologie“, sagt eine Unternehmenssprecherin in Ludwigshafen.
BASF hat Pyrum die Abnahme von bis zu 100.000 Tonnen Öl im Jahr zugesichert. Es sei von hoher Qualität. „Wir können es problemlos als Rohstoff in unserer Produktion nutzen und damit fossile Rohstoffe einsparen.“ Zum Beispiel bei der Herstellung von Kunststoffen. Die BASF spricht von einer „einzigartigen Pyrolyse-Technologie für das Recycling von Altreifen“ bei Pyrum.
Der Einstieg der BASF sei „der Durchbruch“ gewesen, sagt Klein. Vorher seien sie oft „als saarländische Jungs“ belächelt worden. Nun habe sich alles geändert. „Früher habe ich bei Reifenherstellern um einen Termin gebettelt. Und jetzt rufen die bei uns an.“
Ein Turm erzeugt ungefähr 2500 Tonnen Kohlenstoff, 500 Tonnen Gas und 2000 Tonnen Öl im Jahr. Um der BASF also 100.000 Tonnen Öl liefern zu können, werde Pyrum 50 zusätzliche Türme bauen, rechnet Klein. Zwei entstehen in Dillingen, die anderen europaweit. Es gebe Vorverträge für Anlagen in Irland und Belgien. Die Zahl der Mitarbeiter sei allein in einem Jahr von 20 auf 60 gestiegen, sagt Klein.
In Deutschland fielen 2019 laut Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie rund 571.000 Tonnen Altreifen an. Zwei Drittel würden runderneuert oder als Granulat in der Bauindustrie oder für andere Gummiprodukte stofflich weiter verwertet. Ein Drittel werde zur Verwendung in der Zementindustrie verbrannt. Dabei entsteht viel Kohlendioxid: Bei einer Tonne Altreifen sind es 2,6 Tonnen CO2.
Der Experte für Kreislaufwirtschaft, Henning Wilts, vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie findet es grundsätzlich vernünftig, verwendete Rohstoffe aufzubrechen und wiederzuverwenden: „Das macht aus Ressourcensicht Sinn, das macht aus Klimaschutzsicht Sinn, das macht ökonomischen Sinn.“ Man spare Entsorgungskosten und auch Geld, wenn man an mögliche künftige Ölpreise denke.
Und im Gegensatz zum mechanischen Recycling mit dem Zerschreddern eines Produkts in seine Einzelteile bedeute die Pyrolyse, also das chemische Recycling, dass man am Ende eine deutlich höhere Qualität aus den Ausgangsstoffen herausbekomme. „Gleichzeitig ist aber der Energieaufwand deutlich höher.“
Wichtig sei aber, dass die Industrie nicht nur an Recyclingtechnologien arbeite, sagt Wilts. „Sondern wir müssen uns von Anfang an fragen: Wie soll das Produkt von Anfang an entworfen werden, damit man es gut recyceln kann?“ Derzeit werde auch für Verpackungen vor dem Hintergrund der Ziele zur CO2-Reduzierung intensiv diskutiert, ob und wie die Rückgewinnung von Ausgangsmaterialien als Recycling anerkannt werden könne.
Stand: 08.12.2025
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Bei dem Reifenrecycling im Saarland gehen nach dem Schreddern der Pneus aussortierter Stahldraht an Stahlwerke, Textilfasern werden zu Dämmmaterial. Die Firma ist mittlerweile auch im Blick des Saar-Wirtschaftsministeriums: „Pyrum Innovations wartet mit spannenden Innovationen auf, die gerade im Sinne einer Kreislaufwirtschaft und mit Blick auf endliche Ressourcen sehr wertvoll sein können“, sagt Ministerin Anke Rehlinger (SPD).