Angesichts der vielfältigen Herausforderungen in der Prozessindustrie schaffen es die Automatisierer auf der diesjährigen Namur-Hauptsitzung wieder einmal, innovative Wege zu zeigen. Lesen Sie die Zusammenfassung des ersten Tages.
Ein gespanntes Publikum wartet auf neue Impulse bei der Namur-Hauptsitzung.
(Bild: PROCESS/Mühlenkamp)
Es ist wieder soweit: Rund 650 Fachleute aus der Prozessautomation treffen sich in diesen Tagen zur Namur-Hauptversammlung in Neuss. „Wir gestalten die Automatisierung in der Prozessindustrie aus der Sicht des Anwenders“, eröffnete Namur-Vorstandsvorsitzender Dr. Felix Hanisch, Bayer, das traditionelle Jahresabschluss-Highlight der Branche. Eine der drängendsten Fragen ist derzeit, wie die Wettbewerbsfähigkeit der Anlagen der deutschen und europäischen Prozessindustrie erhalten werden kann. An nachhaltigem Denken führt dabei kein Weg vorbei. „Anders werden wir das 1,5-Grad-Ziel nie erreichen“, so Hanisch.
Bei all diesen Aufgaben spielen digitale IoT-Technologien eine entscheidende Rolle. Denn erst sie ermöglichen es, Produktionsweisen und Geschäftsmodelle so umzugestalten, dass sie klimafreundlicher und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig werden. Standardisierung ist dabei eines der wichtigsten Werkzeuge. Doch mit Technologie ist es nicht immer getan, wie das Beispiel von MTP zeigt. Damit lässt sich die Zeit bis zur Inbetriebnahme drastisch verkürzen. So ist es möglich, eine Anlage innerhalb weniger Wochen vom Labor in die Produktion zu bringen. Doch Hanisch legt den Finger in die Wunde: „Das nützt wenig, wenn die Behörden dann ein Jahr für die Genehmigung brauchen.“
Der diesjährige Sponsor der Hauptsitzung Schneider Electric zeigt, dass sich nachhaltiges und verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln mit den richtigen Technologien nicht ausschließen müssen. „Die Energiekrise trifft auf die Klimakrise. Daraus ergibt sich eine doppelte Chance“, ist Dr. Barbara Frei, Executive Vice President Industrial Automation bei Schneider Electric, überzeugt. Immerhin sei die Industrie für 30 Prozent der Emissionen verantwortlich. Frei ist dennoch optimistisch, gerade weil die Technologien in der Automatisierung und Digitalisierung bereits vorhanden sind. Die Digitalisierung hilft auch bei einer weiteren Herausforderung, dem Fachkräftemangel. Es sei eine Tatsache, dass nur 12 Prozent der Unternehmen wirklich vollständig digitalisierte Arbeitsprozesse hätten. Auch hier gebe es also enormes Potenzial. Der Weg dorthin, so Frei, sei eine offene Prozessautomatisierungstechnologie, welche die industrielle Digitalisierung, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit beschleunige.
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In der Praxis seien die Unternehmen noch nicht so weit, bestätigte Caspar Herzberg, CEO von Aveva, und verwies auf eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Industrieunternehmen an der digitalen Transformation scheitern. Schade, denn es zeige sich, dass Unternehmen, die voll digitalisiert sind, im Schnitt 10 Prozent an Profitabilität und zwischen 20 und 30 Prozent an Energieeffizienz gewinnen. Allerdings: „Man muss die Silos in der Wertschöpfungskette aufbrechen und den Datenfluss zwischen den Systemen vereinfachen“, sagt Herzberg. Schneider Electric unterstützt diese Philosophie mit Connect, einer Industrial Intelligence Plattform, auf der alle Aveva-Lösungen zusammengeführt werden. In einem weiteren Schritt soll die Plattform auch für andere Softwarelösungen geöffnet werden. Der große Vorteil: Jeder - vom CEO bis zum Operator - kann sich die Daten anzeigen lassen, die er benötigt.
Man muss die Silos in der Wertschöpfungskette aufbrechen und den Datenfluss zwischen den Systemen vereinfachen.
Caspar Herzberg, CEO, Aveva
Jessica Bethune, Director Enterprise Solutions bei Schneider Electric, betonte, dass der Profitgedanke allein nicht mehr ausreiche: „Wir haben eine Verantwortung gegenüber der Umwelt und der Gesellschaft. Um eine nachhaltige Welt zu schaffen, brauchen wir die Digitalisierung. Aber wir müssen sie auch umsetzen, und das gilt auch für die Integration neuer Technologien wie Virtual Reality, KI oder Cloud-Lösungen.“ Schneider Electric arbeitet deshalb bereits seit 2017 an der Öffnung seiner Systeme. So wurde das offene Automatisierungssystem Eco-Struxure entwickelt, um die Ausführung von Automatisierungsanwendungen von ihrer Hardware zu entkoppeln und Lösungen verschiedener Automatisierungsanbieter nahtlos zu integrieren. Industrieunternehmen, Systemintegratoren und OEMs sollen so maximale Freiheit bei der Gestaltung von Automatisierungslösungen erhalten. Dazu arbeitet Schneider eng mit Universal Automation.org zusammen.
Steigern der Wertschöpfung mit Open Process Automation (OPA)
Wie sich die Wertschöpfung durch Open Process Automation (OPA) steigern lässt, zeigen inzwischen einige Praxisbeispiele. 2017 wurde erstmals die Vision Open Architecture in einer digitalen Welt vorgestellt. Inzwischen sind mehr als 100 Unternehmen Mitglied im OPA-Forum. Viele Betreiberunternehmen, wie Exxon Mobil, Shell, Aramco, BASF, Dow, Petronas, Reliance und andere, haben Test- und Demonstrationssysteme entwickelt und sind dabei, die offenen Systeme vor Ort einzusetzen. So gibt es neun End-User-Testsysteme, sechs von sieben globalen DCS-Herstellern arbeiten mit, und es gibt mehr als 20 Endanwender. Auch Systemintegratoren engagieren sich für die Integration und Supportleistungen. Im nächsten Jahr will Exxon Mobil ein Leuchtturm-Projekt starten, um die Leistungsfähigkeit des OPA-Systems zu demonstrieren. „Dieser Showcase soll als Katalysator für den Markt fungieren“, bekräftigt David DeBari, Exxon Mobil. Sein Kollege Bert De Wilde nannte weitere Vorteile, zum Beispiel, dass ein Scale-up oder auch ein Downsizing jederzeit möglich sei. Nun geht es darum, den offenen Architekturansatz weiter voranzutreiben und dafür werde man jetzt nach Referenz-Projekten suchen, um zu zeigen, dass der Ansatz funktioniert.
Stand: 08.12.2025
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Task Force treibt Ethernet-APL voran
Mehr Flexibilität erhofft man sich auch von Ethernet-APL. Doch während die Technologie inzwischen als reif gilt und den Markt erreicht, sind viele organisatorische und praktische Aspekte noch unklar, wie Mari Molina, Dow, und Emanuel Trunzer, BASF, verdeutlichten. Um die Digitalisierung der Produktionsanlagen und des Feldes weiter zu beschleunigen, wurde daher Anfang des Jahres eine APL-Task Force 2023 gegründet. Erklärtes Ziel war es, in den nächsten zwei Jahren, also bis Dezember 2024, zehn oder mehr Ethernet-APL-Projekte zum Laufen zu bringen. Derzeit sind 16 Projekte in Arbeit. Hauptaufgabe sei es, so Trunzer, die Anwender für Ethernet-APL zu sensibilisieren und das Verständnis für die Technologie und die damit verbundenen Themen zu fördern und dies auch international! Eine Kernfrage ist jedoch, wie viel die Unternehmen bereit sind, zu investieren. Besonders in Brownfield-Anlagen ist es häufig schwer, den Erwartungen an eine spezifische Wertschöpfung zu entsprechen. Ebenfalls eine Herausforderung: Der Qualifikationsbedarf ändert sich, weg von Elektro- hin zu Softwarekenntnissen. Daher sind hier spezifische Qualifikationsmaßnahmen nötig, um die Technologieeinführung zu unterstützen.
Nun geht es darum, sich auch die Hände dreckig zu machen, um Ethernet-APL in die Anlagen zu bringen.
Emanuel Trunzer, BASF
Dennoch ist das Team optimistisch: Während 2022 kaum Ethernet-APL-Feldgeräte vorhanden waren, hat sich dies laut einer Umfrage des ZVEI geändert. Inzwischen stehen alle wichtigen Messverfahren (sieben Sensoren und ein Positioner in 2023) zur Verfügung, im nächsten Jahr sollen zwölf weitere Sensoren folgen. Infrastrukturkomponenten stehen von drei Anbietern bereit, ebenso wie Protokolle/Technologie-Stacks. Es fehlt also nur eins, so Trunzer: „Nun geht es darum, sich auch die Hände dreckig zu machen, um Ethernet-APL in die Anlagen zu bringen.“
Wie sieht Automatisierung im Jahr 2027 aus?
Im Anschluss wagten Andreas Schüller (Yncoris), Igor Stolz (Evonik) und Michael Pelz (Heubach) einen Ausblick auf 2027. Auf der übernächsten Achema soll ein modernes Automatisierungskonzept Wirklichkeit werden. „Um die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland zu unterstützen, werden mehr firmenübergreifende Kreislaufwirtschaften für resilientere Lieferketten und eine geringere Abhängigkeit von importierten Rohstoffen benötigt“, so Michael Pelz. Zwar haben viele Unternehmen für sich das Thema Recycling schon vorangetrieben. Allerdings verlangen solche Kreislaufwirtschaften ein wesentlich höheres Maß an Digitalisierung, als es heutige lineare Supply Chains benötigen. Dies erfordert firmenübergreifende Standards, modulare und flexible Konzepte sowie vor allem einen Datenaustausch über Firmen- und Branchengrenzen hinweg.
Man rennt eigentlich immer der korrekten As-Built-Dokumentation hinterher.
Michael Pelz, Heubach
Doch der durchgängige Datenfluss scheitert schon an alltäglichen Arbeiten, wie man z. B. am Gerätetausch während der Nachtschicht häufig beobachten kann. Selbst wenn dieser reibungslos abläuft, bleiben bei der Dokumentation häufig offene Punkte, etwa in Bezug auf den Ex-Nachweis oder der Wiederbeschaffung des Gerätes. Normalerweise kann es Tage oder vielleicht auch Wochen dauern, bis alles auf dem aktuellen Stand in der Dokumentation ist. „Man rennt eigentlich immer der korrekten As-Built-Dokumentation hinterher“, kennt Pelz die Praxis. Ganz anders ist die Situation, wenn NOA oder PA-DIM im Spiel sind. Dann ist die aktuelle Dokumentation in Minuten oder sogar Sekunden verfügbar, wenn mit Ethernet-APL gearbeitet wird.
Kurzum: Zusammen mit MTP, Open Process Automation Standard (O-PAS) und der Verwaltungsschale könnten zukünftig moderne Automatisierungslandschaften entstehen, die nicht nur klassische Automatisierungsaufgaben erfüllen, sondern auch weiteren Nutzen mit sich bringen. Damit dies auch bis 2027, also bis zur übernächsten Achema, Wirklichkeit wird, ermunterte Igor Stolz, Evonik, die Teilnehmer in ihrem eigenen Umfeld zu schauen, ob sich ein Use Case mit den jetzt zur Verfügung stehenden Technologien generieren lässt. Denn nur daraus ergeben sich letztendlich später auch Business Cases.
Soweit das Geschehen auf der Hauptbühne am ersten Tag der 86. Namur-Hauptsitzung. Am Nachmittag verteilten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann in die verschiedenen Workshop-Sessions – mit Vorfreude auf die Abendveranstaltung, wo die Themen des Tages noch intensiv „nachdiskutiert“ wurden.
Und wie ging’s am zweiten Tag weiter? Das lesen Sie hier: