Fahrplan für Wasserstoffwirtschaft Viele Wasserstoff-Projekte in NRW stehen in den Startlöchern

Von Helge Toben, dpa 5 min Lesedauer

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Wo in Industrie und Energiewirtschaft kein Grünstrom eingesetzt werden kann, soll Wasserstoff für Klimaneutralität sorgen. Doch woher soll er kommen? In NRW sind bereits viele Elektrolyseure geplant.

Eines der geplanten Wasserstoffprojekte in NRW: die Direktreduktionsanlage von Thyssenkrupp Steel in Duisburg. (Bild:  Thyssenkrupp)
Eines der geplanten Wasserstoffprojekte in NRW: die Direktreduktionsanlage von Thyssenkrupp Steel in Duisburg.
(Bild: Thyssenkrupp)

Die künftige Wasserstoffwirtschaft in Nordrhein-Westfalen nimmt mehr und mehr Konturen an. Bei wichtigen Projekten hat die EU-Kommission in der vergangenen Woche staatliche Beihilfen erlaubt. Mehrere andere Projekte hatten zuvor bereits Förderbescheide erhalten. Ein Überblick.

Beim Umbau der Wirtschaft in Richtung Klimaneutralität soll das leichteste und einfachste aller Elemente eine zentrale Rolle spielen. Klimaneutral mit Wind- oder Sonnenstrom in sogenannten Elektrolyseuren erzeugt, soll Wasserstoff etwa als Grundstoff in der Chemie- und Stahlindustrie oder als Brennstoff in Gaskraftwerken zum Einsatz kommen. Als Abfallprodukt fällt meistens schlichtes Wasser an - und kein klimaschädliches Kohlendioxid wie beim Einsatz von fossilem Öl und Gas. Voraussetzung: Der Wasserstoff wurde klimaneutral erzeugt, zum Beispiel als „grüner“ Wasserstoff in Elektrolyseuren mit erneuerbarem Strom.

Zum Einsatz kommen soll übergangsweise auch „blauer“ Wasserstoff aus Erdgas, bei dem das entstandene CO2 nicht in die Atmosphäre entweicht, sondern dauerhaft gespeichert werden soll. „Das ist kohlenstoffarm, aber nicht kohlenstoffneutral. Denn beim Einsatz der Speichertechnik CCS werden noch immer Treibhausgase in die Atmosphäre freigesetzt“, erklärt die Bundesregierung. CCS steht für „Carbon Capture and Storage“ und meint das Abscheiden und Lagern von Kohlendioxid.

Die Landesregierung sieht großes Potenzial für den Einsatz von Wasserstoff. „Ein Viertel der aktuellen CO2-Emissionen in Nordrhein-Westfalen kann allein durch Wasserstoff eingespart werden“, teilte das Wirtschaftsministerium mit. Bereits seit 2020 gibt es eine „Roadmap Wasserstoff“ mit Leitlinien für eine Wasserstoffpolitik.

Was ist für den Umbau nötig?

Vor allem viel Wasserstoff. Er muss erzeugt oder eingeführt werden. Anschließend muss er gelagert und transportiert werden. In der Industrie müssen außerdem viele Prozesse angepasst werden, damit der Wasserstoff auch eingesetzt werden kann. In der Stahlindustrie etwa sollen ganze Hochöfen durch sogenannte Direktreduktionsanlagen ersetzt werden, die mit Wasserstoff anstatt Kohle und Koks laufen. Eine von Thyssenkrupp in Duisburg geplante Anlage soll 2029 komplett auf Wasserstoff umgestellt werden. Das Unternehmen veranschlagt nur für diese Anlage einen Jahresbedarf von 143.000 Tonnen mit einem Energiegehalt von 5,6 Terawattstunden. Zum Vergleich: Aktuell liegt der Wasserstoff-Verbrauch in Deutschland jährlich bei 55 Terawattstunden, die fast ausschließlich „grau“ aus Erdgas erzeugt werden, wobei also das anfallende Kohlendioxid in die Atmosphäre entweicht.

Was hat die EU-Kommission jüngst entschieden?

Dass in mehreren EU-Ländern insgesamt 33 wichtige Wasserstoff-Infrastrukturprojekte mit Staatsgeldern gefördert werden dürfen. Darunter sind 24 Projekte in Deutschland. Es geht dabei etwa um den Bau von Elektrolyseuren, Speichern und Pipelines. Die Projekte wurden als sogenannte Ipcei-Projekte eingestuft, also als wichtige Projekte von gemeinsamem europäischem Interesse (Ipcei: Important Project of Common European Interest). Nach der Genehmigung sollen nun bald die nationalen Förderbescheide ausgestellt werden. Zwei Projekte sind weitgehend in NRW beheimatet: Get H2 und Green Motion Steel.

Um was geht es bei Get H2?

Bei der Wasserstoff-Initiative Get H2 machen Unternehmen aus Industrie und Energiewirtschaft mit. Get H2 besteht aus mehreren Einzelprojekten, die eine der ersten inländischen Wertschöpfungsketten für Wasserstoff mit Erzeugung, Speicherung und Transport bilden sollen. „Die einzelnen Projekte verbinden die Erzeugung von grünem Wasserstoff in Lingen (Niedersachsen) und in den Niederlanden mit industriellen Abnehmern in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (unter anderem Chemiepark Marl und Raffinerie Scholven in Gelsenkirchen)“, teilte das NRW-Wirtschaftsministerium mit. Zudem würden Salzkavernen in Gronau-Epe als Energiespeicher eingebunden. In NRW wird GetH2 von den Firmen Nowega, OGE, Thyssengas und RWE umgesetzt. Das Land Nordrhein-Westfalen will die Einzelprojekte mit insgesamt knapp 59 Millionen Euro bezuschussen. Noch mehr Geld kommt vom Bund.

Was verbirgt sich hinter Green Motion Steel?

Ein Projekt des Unternehmens Air Liquide, das auf technische Gase spezialisiert ist. Geplant ist im Chemiepark Marl der Bau eines großen Elektrolyseurs, der grünen Wasserstoff produzieren soll, wie aus Unterlagen der EU hervorgeht. Laut Landesregierung soll er unter anderem in der von Thyssenkrupp geplanten Direktreduktionsanlage in Duisburg eingesetzt werden. Ursprünglich sollte dieser Elektrolyseur in Duisburg stehen. Vom Land fließen 53 Millionen Euro in das Projekt. Auch hier fließen weitere Gelder aus Berlin.

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Nordrhein-Westfalens grüne Wirtschaftsministerin Mona Neubaur ist zufrieden mit der EU-Freigabe für die Projekte: „Wasserstoff ist keine bloße Zukunftsmusik mehr, Wasserstoff wird Realität – gerade auch in Nordrhein-Westfalen.“ Mit der Förderung mache die Landesregierung den Industriestandort fit für eine klimaneutrale Zukunft, hieß es in einer Mitteilung.

Gibt es nur die beiden Projekte in NRW?

Nein, noch viel mehr Unternehmen wollen mitmischen im neuen Wasserstoffmarkt. Beispiel Erzeugung: Das Wirtschaftsministerium hat jüngst aufgelistet, wo überall Elektrolyseanlagen geplant oder bereits gebaut werden. Die größte Anlage, die schon in Betrieb ist, steht auf dem Gelände des Shell Energy und Chemical Parks bei Köln. Für die Größenordnung von Elektrolyseuren wird meistens angegeben, wie viel Strom eine Anlage maximal aufnehmen kann. Die unter dem Projektnamen Refhyne laufende Anlage ist eine 10 Megawatt (MW)-Anlage. Sie kann jährlich bis zu 1300 Tonnen Wasserstoff produzieren. In Oberhausen soll ein 20 MW-Elektrolyseur zeitnah den Betrieb aufnehmen (Projekt Trailblazer).

In Vorbereitung sind weitere Projekte wie Hydroxyhub Walsum (150 MW in Duisburg-Walsum, im Endausbau 500 MW) oder ChemCH2ange (105 MW in Köln/Dormagen). Die in Marl geplante Green-Motion-Steel-Anlage hat 120 MW. Daneben gibt es auch noch kleinere Projekte in der Fläche. Dabei geht es vor allem darum, überschüssigen Windstrom nicht abregeln zu müssen, sondern ihn zur Wasserstofferzeugung zu verwenden. Projekte sind laut Ministerium etwa in Bedburg (5 MW), Düren (2 MW), Essen (10 MW), Gelsenkirchen (10 MW), Lichtenau (10 MW) oder Heinsberg (1 MW) geplant. Im Umfeld eines bestehenden Gaskraftwerks in Hamm ist ein Wasserstoffzentrum geplant, zu dem auch ein 20 MW-Elektrolyseur gehören soll.

Der im Rahmen von Get H2 geplante Speicher in Gronau-Epe soll laut dem Energiekonzern RWE Deutschlands erster kommerziell genutzter Wasserstoff-Kavernenspeicher werden. Bis Ende 2026 soll er fertig sein. Geplant sind zwei Kavernen, in denen rund 66 Millionen Kubikmeter Wasserstoff gelagert werden können. „Der Speicher ist ein wichtiger Bestandteil einer Infrastruktur, die für den Hochlauf der Wasserstoff-Wirtschaft erforderlich ist“, hatte RWE jüngst erklärt.

Der Transport des Wasserstoffs in NRW und bundesweit soll vor allem über Pipelines erfolgen. Die Planungen eines Wasserstoff-Kernnetzes in Deutschland für 2032 sehen laut Ministerium aktuell einen Ausbau von rund 9800 Kilometern Wasserstoffleitungen vor. Auf Nordrhein-Westfalen entfallen dabei rund 1900 Kilometer. Davon sollen rund 1000 Kilometer neu gebaut werden. Bei den restlichen 900 Kilometern ist eine Umstellung bestehender Gasleitungen auf Wasserstoff geplant. Eine Inbetriebnahme ist ab 2027 geplant.

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