Perspektiven der indischen Logistikbranche Logistik in Indien – Chance für europäische Unternehmen

Redakteur: Marion Henig

Der indische Markt für Logistikdienstleistungen ist riesig und stetig wachsend. Doch noch immer besitzt er enormes Potenzial für eine Steigerung in Sachen Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Um den Sektor zwar wirksam, dabei aber vor allem nachhaltig und umweltverträglich zu entwickeln, sind die Kompetenzen europäischer, nicht zuletzt deutscher Technologieunternehmen sehr gefragt. Die aber tun sich noch schwer mit dem Sprung auf den Subkontinent.

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Typische Straßenszenen in Indien: Viele Verkehrsteilnehmer und freilaufende Kühe. (Bild: Anna-Kristina Wassilew/Fraunhofer IFF)
Typische Straßenszenen in Indien: Viele Verkehrsteilnehmer und freilaufende Kühe. (Bild: Anna-Kristina Wassilew/Fraunhofer IFF)

Delhi, Hauptstadt Indiens, zählt zu den größten der Megastädte auf unserem Globus. Bezieht man ihre urbane Peripherie, die sogenannte Metropolregion, mit ein, leben hier geschätzte 19 Millionen Menschen. Dabei ist Delhi nur Indiens zweitgrößte Metropole. Die Hafenstadt Mumbai, an der Westküste des Subkontinents gelegen, kann dies bei gleicher Lesart mit einer Bevölkerung von geschätzten 21 Millionen sogar noch übertreffen. Die genauen Zahlen jedoch weiß niemand. Zu schwer ist das Zählen oder nur Schätzen von Menschen in einem Land, in dem es keine funktionierenden Geburten- und Melderegister gibt und auch heute nur zu oft noch die Kastenzugehörigkeit darüber entscheidet, ob die Umwelt Notiz von einer Person nimmt, oder nicht.

Erst im Jahr 2011 ist die erste vollständige Volkszählung Indiens geplant, die schon jetzt als die wohl größte aller Zeiten gilt. In ihrem Zuge sollen alle derzeit 1,1 Milliarden Inder mit einem Personalausweis ausgestattet werden. Ob dies gelingen wird, steht noch in den Sternen. Zumindest aber wird es dann eine gewisse Klarheit geben und eine Kennzahl, die halbwegs sichere Prognosen und damit Planungen für die Entwicklung des Subkontinents zulassen. Und die auch eine Ahnung davon geben, welchen Umständen das Land seine bisherige Entwicklung zu verdanken hat, welche Risiken es birgt, aber auch welche Chancen für die Zukunft. Dafür lässt sich die indische Regierung allein das Anlegen des nationalen Melderegisters mindestens 580 Millionen Euro kosten.

Bald drittgrößte Volkswirtschaft der Erde

Indien ist zweifellos ein Land der Gegensätze und der Superlative. Schon bald wird es China als bevölkerungsreichste Nation der Erde abgelöst haben. Und genau wie sein Nachbar China ist auch Indien einer der größten und am schnellsten wachsenden Märkte der Welt. Fast neun Prozent Wirtschaftswachstum konnte das Land in den letzten fünf Jahren verzeichnen. Selbst die weltweite Wirtschaftkrise vermochte dieses Wachstum nur bedingt zu drosseln. Im Jahr 2008/2009 betrug sein Bruttoinlandsprodukt ca. 794 Milliarden Euro. Schon allein aufgrund der schieren Größe seiner Volkswirtschaft und Demografie wird es bei diesem Tempo bis zur Mitte dieses Jahrhunderts mit seinem Bruttoinlandsprodukt nach China und den USA weltweit an dritter Stelle liegen. Anders als der nördliche Nachbar regt Indien dieses Wachstum aber auch durch die Belebung der Inlands-nachfrage an. Damit bietet es hervorragende Möglichkeiten auch für europäische Unternehmen, sich hier erfolgreich wirtschaftlich zu betätigen. Dennoch umfassen die europäischen Geschäftsaktivitäten mit Indien derzeit gerade einmal 1,8 Prozent des gesamten Handelsvolumens der EU. Der europäische Marktanteil in Indien ist seit einiger Zeit sogar rückläufig. Aus diesem Grund wurden in den vergangenen Jahren eine Reihe von Initiativen gegründet, die das Engagement europäischer Unternehmen auf dem Subkontinent stärker forcieren sollen.

Das European Business and Technology Centre

Eines dieser Projekte ist das European Business and Technology Centre, kurz EBTC, in New Delhi, dem geografischen und politischen Mittelpunkt der indischen Hauptstadt. Es wurde 2009 für vorerst vier Jahre ins Leben gerufen und ist Teil der europäischen »Global Europe«-Strategie und des Small Business Acts. Sein Ziel: Die Förderung der Technologiekompetenzen europäischer klein- und mittelständischer Unternehmen in einem globalisierten Markt.

Anlaufstelle und Ratgeber für europäische Unternehmen

Seine zentrale Aufgabe sieht das EBTC darin, kleinen und mittelständischen europäischen Unternehmen den Einstieg in den indischen Markt zu erleichtern. Es fungiert als Anlaufstelle, Koordinator und Ratgeber für europäische Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die hier fruchtbare Geschäftskontakte aufbauen möchten. Denn der Zugang zum indischen Markt ist für europäische Firmen noch immer nicht einfach. Die vormals zentralistisch gelenkte Volkswirtschaft erlebt erst seit 1991 eine sukzessive Deregulierung und Privatisierung. Obwohl sich die indische Regierung seitdem den Herausforderungen der Globalisierung offensiv stellt, behindern noch immer eine Vielzahl bürokratischer Hemmnisse, komplizierter Steuergesetze oder auch eine auf »Sonderzuwendungen« ausgerichtete Administration und Verwaltung die wirtschaftliche Entwicklung.

Schwerpunkt »Green Technology«

Obendrein spürt auch Indien deutlich die Auswirkungen von Umweltzerstörung und Klimawandel. Um eine nachhaltige Entwicklung zu sichern, will das Land bestimmte Branchen seiner boomenden Wirtschaft dazu ermuntern, vornehmlich auf umweltfreundliche Technologien zu setzen. An dieser Stelle gewinnt die enge Zusammenarbeit zwischen europäischen und indischen Unternehmen, ihrer Wissenschaft und Forschung, eine besondere Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund setzt das EBTC vor allem auf die Unterstützung europäischer KMU, die den indischen Markt mit Fokus auf »Grüne Technologien« erobern wollen. Das Center, das von Eurochambres der Europäischen Handelskammer geleitet wird, versammelt dafür unter seinem Dach mehr als 30 europäische Organisationen und Einrichtungen. Ihre Aktivitäten sind in vier Schlüsselsektoren konzentriert: Energie, Umwelt, Transport und Biotechnologie. Für jeden dieser Sektoren haben sich Spitzenforschungsinstitute mit führenden Unternehmen und Universitäten zu Wissensclustern zusammengeschlossen.

Fraunhofer IFF leitet Transportbereich

Das Fraunhofer IFF in Magdeburg, als eines der führenden deutschen Forschungs-institute und Spezialist für Logistikfragen, leitet hierbei die Entwicklung des Bereiches Transport und ist verantwortlich für dessen nachhaltige Kontrolle. Im Fraunhofer IFF wird die Entwicklung des indischen Logistiksektors als sehr vielversprechend eingeschätzt. Der Grund dafür liegt in seinen hohen Effizienzpotenzialen. Der Logistiksektor wächst derzeit jährlich um ca. 15 Prozent, kann aber mit der schnellen Steigerung des Bruttosozialproduktes kaum mithalten. Die Gründe da-für liegen sowohl in strukturellen Behinderungen wie Bürokratie und schlechter Verkehrsinfrastruktur, aber auch in der noch mangelhaften Kommunikationsinfra-struktur. So ist der Mobilfunksektor eine der am stärksten wachsenden Branchen Indiens, da die flächendeckende Versorgung mit Festnetzanschlüssen und damit auch Internet noch immer unzureichend ist. Große Intransparenzen bei der Auftragsabwicklung für Kunden und Geschäftspartner sind die Folge, was wiederum Kosten, Aufwände und Zeitbedarf nach oben treibt.

Lösungsansätze

Im Bereich Transport des EBTC sieht man seine Aufgabe folglich darin, die Unterstützung bei der Lösung dieser Dilemmata seitens europäischer Firmen zu organisieren. Sie sollen bei der genauen Identifikation, Definition, Priorisierung und Umsetzung von Lösungsansätzen und Maßnahmen helfen. Dafür ist auch die indische Regierung von der Schaffung weiterer gesetzlicher Grundlagen für einen fairen Wettbewerb zu überzeugen. Darüber hinaus sind die Verbesserung und der Ausbau der Infrastruktur weitere Schwerpunkte. An erster Stelle ist hier der Ausbau der Schnellstraßen zu nennen, gefolgt von der Überprüfung, ob alternative Transportwege, wie Binnenschifffahrt und Schienenverkehr durch Subventionen gezielt gefördert werden sollten. Insbesondere aber gilt es, die Kommunikationsinfrastruktur flächendeckend auszubauen.

Im ersten Projektjahr lagen die Schwerpunkte des Logistikbereiches des EBTC unter der Leitung des Fraunhofer IFF bei der Durchführung erster Studien und einer dazugehörigen internationalen Fachkonferenz. Kern der Diskussion waren die Identifizierung der Problembereiche des indischen Logistiksektors und die Definition von praktikablen und effizienten Lösungsansätzen. In diesem Zusammenhang berät es auch die Europäische Union. Nicht zuletzt die Einschätzungen des EBTC über die spezifischen Situationen in Indien sind dort gefragt. Unter anderem versucht man möglichst genaue Auskunft über die staatlichen Planungen zu geben, analysiert die indischen Entwicklungsprogramme und gibt Hinweise zu deren Nutzen für europäische Unternehmen.

Handelsmission nach Indien

Noch in diesem Jahr soll unter der Führung des Fraunhofer IFF eine erste Handelsmission nach Dehli stattfinden. Die Vorteile für die beteiligten Unternehmen liegen in einer besonderen Förderung und Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Businesspartnern in Indien. Ein Problem, das gerade kleinere Unternehmen immer wieder vor dem Schritt nach Indien zurückschrecken lässt. 25 Unter-nehmen aus ganz Europa können an dem Projekt teilnehmen. Die Ausschreibungskriterien sind allerdings anspruchsvoll. Es kommen nur solche Unternehmen in Frage, die im Bereich »Green Technologies« aktiv sind und zudem einen besonders hohen Technologiegrad vorweisen können. So will man einen gezielten Know-how-Transfer von Europa nach Indien gewährleisten. Die Bekanntgabe der Teilnehmer erfolgt über das European Enterprise Network. Dennoch lohnt eine Bewerbung. Denn die Chancen, dann auf dem indischen Markt schnell und erfolgreich Fuß zu fassen und langfristig Erfolg zu haben, steigen mit dieser Förderung deutlich an. Schon jetzt scheinen die geschaffenen Strukturen und Netzwerke hervorragend zu funktionieren. Obwohl gezielte Geschäftsanbahnungen bislang noch nicht im Vordergrund standen, sind auf diesem Gebiet bereits einige Erfolge erzielt worden. Ein französischer Logistikplaner etwa hat aufgrund der Vermittlungen des EBTC in Indien schon ein erstes, vielversprechendes Projekt starten können. Ein gutes Omen dafür, dass das EBTC als intelligente, synergetische Schnittstelle zwischen den bestehenden Service-Dienstleistern der europäischen Mitgliedsstaaten und ihren indischen Gegenstücken erfolgreich funktionieren wird.

* Dipl.-Vw. Kay Matzner, Dipl.-Ing Holger Seidel, Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF

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