Autonomer, grüner und schneller: Forscher vom Fraunhofer-Institut IPA haben gemeinsam mit Beratern von Ginkgo Management Consulting in einer Studie untersucht, wie sich Supply Chain Management bis 2040 verändern wird und worauf sich die Prozessindustrie einstellen muss.
(Quelle: Fraunhofer IPA)
Fahrzeuge und Maschinen werden sich auf Betriebsgeländen, in Häfen, auf Güterbahnhöfen oder in Postverteilzentren selbst be- und entladen und die Zustellung übernehmen. Sensoren und selbstlernende Algorithmen sagen voraus, wann welches Verschleißteil auszufallen droht und beschaffen rechtzeitig Ersatz: Der Mensch muss diese Prozesse in der Logistik der Zukunft nur noch planen und überwachen.
Wie die Logistik in 20 Jahren aussehen könnte
Im Jahr 2040 könnte das längst Alltag sein. Solche Zukunftsszenarien entstehen aus dem Bedarf heraus, die stark steigende Zahl von Online-Bestellungen, den zunehmenden Lieferverkehr und die möglichst kurzen Lieferzeiten, die die Verbraucher fordern, zu bewältigen.
Forscher der Abteilung Fabrikplanung und Produktionsmanagement am Fraunhofer IPA sowie Unternehmensberater von Ginkgo Management Consulting haben in einer Studie untersucht, wie sich das Supply Chain Management (SCM) bis zum Jahr 2040 verändern könnte. Dazu haben sie insgesamt 164 Personen entlang der gesamten Wertschöpfungskette online befragt – mit einem klaren Schwerpunkt bei Herstellern, die ihre Produkte nicht selbst verkaufen.
Logistik der Zukunft: 10 entscheidende Megatrends
Dabei haben die Studienautoren zehn Megatrends identifiziert, die sich in den kommenden 20 Jahren auf die Wertschöpfungskette auswirken werden:
Die Digitalisierung wird Auftragsabwicklungs- und Logistikprozesse signifikant verbessern, weil unter anderem die Logistikdaten durch das Internet der Dinge (IoT) und den neuen Mobilfunkstandard 5G in Echtzeit analysiert werden können. Plattformen für Logistikdaten und der entsprechende Datenhandel erlauben die Steuerung und Koordination der Supply Chain. So wird zum Beispiel die CO2-Kalkulation oder die gemeinsame Nutzung von Transportmitteln einfacher und die Rückführungslogistik besser. Auch in der Prozessindustrie wird die Supply Chain flexibler und resilienter. Die bisher eher starre Wertschöpfungskette entwickelt sich zu einem komplexen, intelligenten Netzwerk, in dem Waren und Informationen nicht nur zwischen einzelnen, sondern zwischen allen Akteuren ausgetauscht werden. Dieses Wertschöpfungsnetzwerk kann sich schneller an unvorhergesehene Ereignisse wie beispielsweise Pandemien, Kriege oder Naturkatastrophen anpassen. Ausgefallene Lieferanten könnten kurzfristig durch andere ersetzt werden, monopolistische Märkte würden nicht mehr existieren. Unternehmen werden innerhalb kürzerer Zeit zu bedeutenden Playern heranwachsen, aber auch schneller wieder vom Markt verschwinden.
Rechtliche Fragen der Datensicherheit und des -eigentums müssen dringend geklärt werden. Denn je stärker Prozesse, Maschinen und Produkte vernetzt sind, desto mehr Daten erzeugen sie. Ein orchestrierter Datenaustausch steigert die Prognosefähigkeiten in der Logistik und ermöglicht autonome KI-basierte Entscheidungen innerhalb des gesamten Wertschöpfungsnetzwerks, wovon alle Akteure profitieren.
Nachhaltigkeit wird angesichts des Klimawandels und anderer weltweiter ökologischer Bedrohungen immer wichtiger. Strengere Umweltauflagen sowie die Nachfrage nach energie- und ressourceneffizienten Produkten und Logistikprozessen setzen Unternehmen zunehmend unter Druck. Trends sind die Elektromobilität und die Wahlmöglichkeit für umweltfreundlichen Transport, die signifikante Zunahme von Mehrwegverpackungen, deren Überwachung und die Rückwärtslogistik mittels IoT sowie die Orientierung am ökologischen Fußabdruck inklusive Produktrückführung: Verbraucher schicken ausrangierte Produkte zurück an den Hersteller. Dieser recycelt sie und fertigt daraus neue Ware. Es entsteht eine Kreislaufwirtschaft.
Die Mobilität befindet sich vor dem nächsten Evolutionsschritt: Der wachsende Bedarf an flexiblen und schnellen Transportmöglichkeiten bringt eine Vielfalt verschiedener Mobilitätsformen hervor. Vernetzt, geteilt und ohne CO2-Belastung – die Mobilität von morgen wird neue Formen der Fortbewegung für Menschen und Waren ermöglichen müssen.
Die Individualisierung führt bereits heute dazu, dass immer umfangreichere Produktpaletten und -varianten auf den Markt kommen. Die Serienproduktion individualisierter Ware stellt aber nicht nur für Hersteller eine Herausforderung dar, weil sich die Lebenszyklen der Erzeugnisse verkürzen. Sie erhöht auch die Komplexität der Supply Chain: Die Lieferung fertiger Endprodukte ab Lager verliert weitestgehend an Bedeutung und die Anforderungen an Tracking and Tracing nehmen zu.
Die Servitization ergänzt klassische physische Produkte um Dienstleistungen wie die vorausschauende Wartung, die für den Kunden und für die Supply Chain an Bedeutung gewinnen. Es entstehen neue Wirtschaftszweige und Geschäftsmodelle. Produktionsunternehmen müssen sich diesen Veränderungen anpassen, um ihre Kunden binden oder ihre Marktposition sichern zu können.
Der demographische Wandel führt vor allem in den westlichen Industriestaaten dazu, dass in den kommenden Jahren überproportional viele Arbeitnehmer in Rente gehen. Unternehmen aus allen Branchen suchen deshalb schon heute nach Nachwuchsarbeitskräften. Es bedarf neuer Technologien und Lösungen, um den Arbeitskräftemangel darüber hinaus zu kompensieren und aktuelle Arbeitnehmer bei ihren operativen Tätigkeiten zu unterstützen. Parallel werden verstärkt Prozesse automatisiert.
Die Urbanisierung führt dazu, dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung in Städten und Ballungsräumen lebt. Neue Formen der Vernetzung und des Zusammenlebens entstehen. Weil die Weltbevölkerung aber bis 2040 weiterwächst, werden bisher nicht oder kaum besiedelte Regionen zu Lebensräumen und Produktionsstätten ausgebaut.
Die Globalisierung führt dazu, dass Ressourcen, Produkte und Informationen weltweit erzeugt und ausgetauscht werden. Die Vernetzung von Menschen, Unternehmen und Produkten führt zu einem hochkomplexen System: Es schafft nicht nur neue Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit, sondern stellt auch wachsende Anforderungen an die Logistik.
Wissenskultur und Informationsgesellschaft: Die wachsende Vernetzung und die Möglichkeit, jederzeit Informationen abrufen zu können, verändert die Art mit ihnen umzugehen. Das globale Wissen wächst exponentiell und neue Formen des Austauschs und des kollaborativen Lernens entstehen. Wissen wird für jedermann zugänglich und damit zum Allgemeingut. Dies erfordert neue Herangehensweisen, mit Wissen umzugehen und vor allem dieses aufwandsarm zu finden.
Papier spielt in der Logistik der Zukunft weiterhin eine Rolle
Bei all diesen Veränderungen wird es aber auch Dinge geben, die die Zeiten überdauern: Auch im Jahr 2040 kommen in der Logistik standardisierte Überseecontainer und Europaletten zum Einsatz – und, wenn auch in verringertem Umfang, weiterhin Papier.
Die Studie "SCM2040 – Wie verändert sich die Logistik in der Zukunft?" steht hier zur Verfügung.
(Martina Schiffer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Fraunhofer IPA. (Bild: Fraunhofer IPA))
Über die Autorin: Martina Schiffer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Fraunhofer IPA und Mitautorin der Studie „Supply Chain Management 2040“.
Stand: 08.12.2025
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