10.03.2026
Die Claim Abwehr beginnt bereits in der Angebotsbearbeitung
Viele Unternehmen – ob Betreiber, Anlagenbauer oder ausführende Nachunternehmer – stehen immer wieder vor derselben Frage: Warum werden Projekte nicht innerhalb des vorgesehenen Terminplans und Budgets abgeschlossen?
Die Antwort liegt häufig in einer zentralen Ursache: der fehlenden oder unzureichend klaren Definition der tatsächlich geschuldeten Leistungen. Ist der Leistungsumfang nicht eindeutig beschrieben, entstehen zwangsläufig Interpretationsspielräume – und damit Terminverzug, Mehrkosten und Nachträge.
Ein Angebot ist weit mehr als eine Preisermittlung. Es definiert den geschuldeten Leistungsumfang, technische Abgrenzungen, Schnittstellen, Terminprämissen und Kalkulationsannahmen. Je präziser und widerspruchsfreier diese Parameter formuliert sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit späterer Auslegungsstreitigkeiten.
Ein EPC-Vertrag (Engineering, Procurement, Construction) lässt sich bildlich mit einem Gemälde vergleichen:
Die rechtlichen und kaufmännischen Vertragsbedingungen bilden den Rahmen. Die technischen Spezifikationen und Leistungsbeschreibungen hingegen stellen das eigentliche Bild dar.
Ist das Bild unscharf oder unvollständig, hilft auch der stabilste Rahmen nicht weiter.
Im EPC-Geschäft werden Bau- und Montageleistungen regelmäßig an Nachunternehmer vergeben. Gerade hier liegt eine der größten Herausforderungen im Großanlagenbau, die präzise und vollständige Bau- und Montagebeschreibung durch den EPC-Kontraktor. Gerade in diesem Bereichen entstehen erfahrungsgemäß die größten wirtschaftlichen Verluste. Eine präzise, widerspruchsfreie und gewerkeübergreifend abgestimmte Bau- und Montagebeschreibung ist daher kein administrativer Formalismus, sondern ein zentrales wirtschaftliches Steuerungsinstrument im EPC-Projekt
Denn im Kern gilt:
Nicht das, was gemeint war, ist geschuldet – sondern das, was eindeutig beschrieben wurde.
Wer diese Grundregel in der Angebotsphase konsequent umsetzt, schafft die Basis für eine stabile und wirtschaftlich erfolgreiche Projektabwicklung. Klar definierte Leistungen versus unklare Annahmen. Nur klar definierte Leistungen können:
- vollständig kalkuliert werden
- im Terminplan abgebildet werden
- Risiken sauber zugeordnet werden
- Abweichungen während der Auftragsabwicklung präzise bewerten
Unklare oder implizite Leistungsannahmen führen hingegen zu:
- verdeckten Kalkulationslücken
- mangelhafter Zuordnung im Terminplan
- Streit über Leistungsumfänge
- Claim-Risiken
- Verlustprojekten
Entscheidend ist nicht nur die Bewertung von Produktivität und Kosten, sondern vor allem das frühzeitige Erkennen und die eindeutige Beschreibung der zu erbringenden Leistungen.
Claim Prävention
Diskussionen über Mehr- oder Nachforderungen sind im EPC-Geschäft (Engineering, Procurement, Construction) allgegenwärtig. Vollständig vermeiden lassen sie sich nicht. Ihre Häufigkeit und wirtschaftliche Tragweite jedoch sehr wohl. Ein gutes Angebot legt jedoch bereits die Grundlage für eine erfolgreiche Claim-Abwehr. Denn Claims verursachen nicht nur direkte Kosten. Sie binden Managementkapazitäten, belasten das Projektteam und verschieben den Fokus von der Abwicklung hin zur Auseinandersetzung. Die größte wirtschaftliche Wirkung liegt daher nicht in der Claim-Abwehr – sondern in der präventiven Gestaltung.
Ein belastbares Abwicklungskonzept
Ein robustes Konzept für die Projektabwicklung umfasst insbesondere eine systematische Risikoanalyse und die dazugehörende strukturierte Risikoidentifikation. Neben den Risiken, sollten auch die sich im Projekt ergebenden Chancen identifiziert werden und wo immer möglich, auch genutzt werden. Wer Risiken und Chancen frühzeitig erkennt und klar vertraglich definiert, reduziert nicht nur Nachträge, sondern erhöht auch die Wirtschaftlichkeit des Projekts deutlich. Professionelle Projektabwicklung bedeutet daher nicht, Störungen zu vermeiden – sondern sie vorausschauend zu beherrschen und Potenziale aktiv zu nutzen.
Die ewige Schuldfrage
Die Praxis im Anlagenbau zeigt: Die Schuldfrage ist selten schwarz-weiß zu beantworten. Verzögerte Dokumentenfreigaben oder verspätete Materiallieferungen auf Bauherrenseite führen regelmäßig zu Mehrkosten und Terminverschiebungen. Doch bedeutet dies automatisch eine vollständige Haftung des Auftraggebers? Rechtlich ist entscheidend, ob und in welchem Umfang eine Pflichtverletzung vorliegt – und ob der Auftragnehmer seinerseits seiner Schadensminderungspflicht nachgekommen ist. Insbesondere stellt sich die Frage:
Hätte der Subunternehmer im Rahmen seiner Arbeitsvorbereitung erkennbare Engpässe identifizieren und geeignete Gegenmaßnahmen einleiten können?
Je früher Risiken erkennbar waren, desto stärker verschiebt sich die Verantwortung im Rahmen der Mitwirkungs- und Kooperationspflichten. In der Praxis entstehen Streitigkeiten häufig dort, wo:
· Leistungskennzahlen nicht eindeutig vereinbart wurden,
· Terminprämissen nicht transparent dokumentiert sind,
· Annahmen der Kalkulation nicht vertraglich festgehalten wurden.
Ein klar strukturiertes Angebot auf Basis definierter Leistungskennzahlen schafft hier frühzeitig Transparenz. Es legt objektive Maßstäbe für Soll-Ist-Vergleiche fest und ermöglicht eine sachgerechte Bewertung von Mehrkosten- und Terminansprüchen. Damit wird nicht jede Störung vermieden – aber ihre Bewertung erfolgt nicht mehr aus dem Bauchgefühl, sondern auf Grundlage vertraglich vereinbarter Parameter.
Fazit
Im EPC-Anlagenbau entscheidet sich der Projekterfolg nicht auf der Baustelle, sondern in der Angebotsphase. Die zentrale Frage lautet nicht, wie das Projekt ausgeführt wird, sondern wie die Unbekannten präzise bestimmt und vertraglich eingeordnet werden. Nur wer Leistungsumfang, Schnittstellen und Annahmen klar bestimmt, kann Termine, Kosten und Risiken beherrschen.
Seminarangebot und Literatur
Im EPC-Anlagenbau entscheidet sich der Projekterfolg in der Angebotsphase. Genau hier setzt das neue Seminar
„Angebotserstellung im Anlagenbau aus Sicht des EPC-Kontraktors“ im Haus der Technik in Essen an.
Das Seminar zeigt, wie sämtliche relevanten Leistungen vollständig und eindeutig erfasst werden, um sie in einem strukturierten Kalkulationsplan terminlich und kostenmäßig korrekt zu berücksichtigen.
https://www.hdt.de/angebotserstellung-im-anlagenbau-aus-sicht-des-epc-kontraktors-1360
Ergänzend dazu wird die gesamte Prozesskette von der Angebotsbearbeitung über die Montageplanung bis zur erfolgreichen Baustellenabwicklung praxisnah im Buch „Baustellenmanagement im Anlagenbau (Gezielt planen – Erfolgreich abwickeln)“ praxisnah dargestellt.
Das Buch verbindet Angebotsstrategie, Montageplanung und Baustellenmanagement zu einem durchgängigen, wirtschaftlich orientierten Gesamtkonzept.
Alles zusammen – Seminar und Fachliteratur – liefern einen strukturierten Ansatz für mehr Termin- und Kostensicherheit im EPC-Projekt.
https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-69329-2
Ergänzendes Seminar:
Alles zusammen – Seminare und Fachliteratur – liefern einen strukturierten Ansatz für mehr Termin- und Kostensicherheit im EPC-Projekt.