Sanktionen und Großanlagenbau Zukunft ungewiss – Großanlagenbau zwischen Ukrainekrieg und nachhaltigen Technologien

Von Anke Geipel-Kern

Noch im Januar sahen die Mitglieder der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau in ein hoffnungsvolles Jahr 2022. Jetzt drohen die Sanktionen gegen Russland den guten Start zunichte zu machen. Was das alles für das Russlandgeschäft der im AGAB organisierten Chemieanlagenbauer bedeutet? Das wüsste die Branche auch gerne.

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Jürgen Nowicki ist Sprecher der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau.
Jürgen Nowicki ist Sprecher der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau.
(Bild: VDMA)

Finanzkrise, Ölpreisschock, asiatischer Wettbewerb, Corona – in den vergangenen zehn Jahren hat der deutsche Großanlagenbau viel mitgemacht. 2022 wollte die Branche das alles hinter sich sich lassen. Bis vor drei Wochen sah es noch ganz danach aus, als ob das auch glücken würde.

Davon kann jetzt keine Rede mehr sein. Die deutschen Großanlagenbauer hat der Ukrainekrieg und die dadurch zu erwartenden Verwerfungen kalt erwischt.

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In geübter Manier erklärt AGAB-Sprecher Jürgen Nowicki die Zahlen zum Lagebericht des deutschen Großanlagenbaus, bevor er zu dem kommt, was alle brennend interessiert. Wie reagiert der deutsche Großanlagenbau auf den Ukrainekrieg und wen trifft es, wie schlimm.

Doch alles der Reihe nach: Die Branche blickt auf ein gutes Jahr 2021 und einen fulminanter fulminanter Jahresauftakt mit Auftragseingängen von 21 Milliarden Euro, die an die Zeiten vor der Corona-Krise erinnerten. Die Auftragseingänge im Ausland legten um über 100 Prozent zu mit einer Exportquote um 85 Prozent. Die Branche verbuchte 125 Großaufträge – in Summe 25 Milliarden Euro –darunter ein Megaauftrag von über 500 Millionen Euro.

Der Krieg und der Großanlagenbau

Doch nun sorgt sich die Branche, dass der Krieg in der Ukraine den Aufschwung zunichte machen könnte. „Wir sehen wie die unsäglichen Entwicklungen in der Ukraine das Geschäft weltweit beeinflussen“, sagt Nowicki. Laut einer Blitzumfrage berichten momentan rund drei Viertel aller Großanlagenbauer von Unterbrechungen bei laufenden Projekten in Russland und der Ukraine sowie vom Ausfall wichtiger Lieferanten aus der Region.

Unmittelbar betroffen ist der Chemieanlagenbau, der in 2021 im Vergleich zu 2020 einen sagenhaften Aufschwung von 255 Prozent hin legte. Während für die deutsche Chemie- und Pharmabranche Russland als Absatzmarkt nur eine untergeordnete Rolle spielt, sieht das für die Anlagenbauer, die Großprojekte mit der Chemie- und Petrochemie abwickeln, völlig anders aus. Ein wichtiger Teil der Projekte betreffe das Geschäft in Russland erklärt Nowicki, der als CEO bei Linde Engineering direkt betroffen ist, sich aber bedeckt hält, was die Details der Aktivitäten angeht.

Noch 2021 ging die Arbeitsgemeinschaft von geplanten Investitionen im Umfang von 50 Mrd. € u. a. in den Bereichen Petrochemie, Kunststoffe und Düngemittel aus. Doch die Millionen-Dollar-Frage lautet nun: Wie viel davon wird davon umgesetzt? Es sind ja nicht nur die Sanktionen die belasten, angesichts des finanziellen Banns ist auch fraglich, wie viel Russland selbst noch für Projekte ausgeben kann.

Linde selbst hat mit Gazprom einen besonders prominenten russischen Kunden und laut Handelsblatt im Herbst 2021 zwei Großaufträge in Höhe von sechs Milliarden Dollar eingefahren. Auch der in Chemnitz ansässige Anlagenbauer CAC dürfte mit Sorge auf die Sanktionen schauen: Das ebenfalls im AGAB organisierte Unternehmen hält Geschäftsbeziehungen z.B. zum größten, größter Polyvinylchlorid-Hersteller Russlands Sajanskchimplast aber auch zu Sibur Chimprom und weiteren Petrochemieunternehmen.

Ob Projekte nun im Lichte der beschlossenen Sanktionen eingefroren werden, was in den nächsten 60 Tagen der Fall sein muss – darüber scheint gerade maximale Unklarheit zu herrschen. Anders als es von außen aussehe, sei es für die betroffenen Unternehmen nicht so einfach einzuordnen, welche Projekte denn nun von den Maßnahmen betroffen sind, erklärt Nowicki. Die Fragen, vor denen die Unternehmen jetzt stehen, formuliert er so: „Ist das Projekt sanktioniert und ich fahre nicht runter, verstoße ich gegen die Sanktionen, ist es nicht sanktioniert und ich fahre runter, verstoße ich gegen meinen Vertrag.“

Ob es jemals wieder normale Beziehungen geben wird? Wer weiß es

Wie die wirtschaftliche Beziehungen zu Russland weiter gehen könnten – „ob man irgendwann an einen Tisch zurückkehrt“ – Spekulationen darüber will Nowicki nicht anstellen. In diesem Kontext sei der Großanlagenbau nicht das wichtigste. Viel wichtiger sei, dass Russland diesen unfairen Angriffskrieg beende und an den Verhandlungstisch zurück kehre.

Inflation beginnt wohl gerade erst

Die Folgen für die Projektabwicklung seien erheblich und feuern die Inflation weiter an, die Nowickis persönlicher Meinung nach die Wirtschaft noch eine Weile begleiten werden. „Wir sehen wie sich die Preissteigerungen durch das System durcharbeiten, bei den Rohstoffpreisen, bei den Transporten und wir sehen Lieferanten, die ihre Angebote zurück ziehen und ihre Preise um 20 bis 30 Prozent zum Teil um 50 Prozent anheben.“

Diese Einschätzungen resultieren sicher auch aus der eingangs erwähnten Blitzumfrage unter den AGAB-Unternehmen.

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Über alle Unternehmen hinweg betrachtet, hält er jedoch den zu erwartenden Umsatzeinbruch für verkraftbar. Der Durchschnitt der Mitgliedsunternehmen spreche von einem Rückgang um zehn Prozent, da sei die Branche schlimmeres gewohnt.

LNG, Wasserstoff, Regenerative Energien – Nowicki erwartet exponentielles Wachstum

Hoffnung mache die verstärkte Auftragstätigkeit für nachhaltige Technologien. Momentan sei das Geschäft noch zu klein, um tragen zu können. Aber Nowicki glaubt fest an eine exponentielle Entwicklung und erwartet durch LNG, Wasserstoff und regenerative Energien u.a. nachhaltige Technologie starke Impulse für den Großanlagenbau.

Hoffnungen setzt er vor allem in die Wasserstofftechnologie und den Bau integrierter Anlagen, wo der deutsche Großanlagenbau seine technologischen Möglichkeiten voll ausspielen könne.

Als Standort für Elektrolyseure wird Deutschland hier wohl nicht die erste Geige spielen, wohl aber als Innovationstreiber und Exporteur von Anlagentechnik. Die gigantischen Mengen an Wasserstoff, die für grünen Stahl, die Chemieindustrie und andere Bereiche gebraucht werden, können schon rein rechnerisch nicht mit in Deutschland produziertem regenerativem Strom erzeugt werden. Mit dieser Meinung hält Nowicki nicht hinter dem Berg und weiß sich darin mit vielen Industrievertretern einig.

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Linde baut selbst gerade in Leuna einen PEM-Wasserstoff-Elektrolyseur mit 24 Megawatt Leistung. Wenn die Anlage, wie geplant in diesem Jahr in Betrieb geht, wird sie die größte der Welt sein. Für den Linde-Mann Nowicki, der in World Scale Dimensionen denkt, ist die produzierte Menge Wasserstoff trotzdem nur einen Tropfen auf den heißen Stein. Die Mengen werden steigen, sagt er und verweist auf geplante Anlagen mit 200 und mehr Megawatt, zum Teil gibt es Projektideen für Elektrolyseure in Gigawatt-Bereich.

Und genau da sieht Nowicki die Herausforderungen, die er mit einem plastischen Beispiel verdeutlicht. Um einen 1-Gigawatt-Elektrolyseur betreiben zu können, brauche man fast ein eigenes Kraftwerk

Service und Digitalisierung – es geht voran

Und welche Themen gibt es für den Großanlagenbau noch? Gut aufgestellt sieht AGAB-Sprecher Nowicki mittlerweile die Branche beim Thema Service. Lange vernachlässigt, habe man jetzt Strukturen aufgebaut und könne so von einer steigenden Zahl an Serviceaufträgen profitieren, welche helfen das volatile Geschäft zu stabilisieren.

Nicht fehlen darf der Dauerbrenner Digitalisierung. Attestierte der AGAB-Sprecher noch vor Jahren selbstkritisch hier nicht gerade der Frontrunner zu sein hat sich das – Corona geschuldet – gründlich geändert. Weltweit verteilte Teams und Projekte digital zu managen, alles kein Problem mehr. Und der Einsatz von Fernwartung, VR-Brillen und anderen digitale Werkzeuge ist mittlerweile in der Branche angekommen.

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