Exklusiv-Interview Wie stehen die Chancen deutscher Anbieter von Wasserwirtschaft?

Autor / Redakteur: Dipl.-Ing. Hans Jürgen Bittermann / Dr. Jörg Kempf

... dies und mehr wollte PROCESS von Dr. Michael Prange, Geschäftsführer der German Water Partnership, wissen. Eine Einschätzung vorweg: In den Bereichen Wassermanagement, Ausrüstung, Technologie, Service, Betrieb, Bildung und Forschung habe die deutsche Wasserwirtschaft eine Menge zu bieten.

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Dr. Michael Prange, Geschäftsführer der German Water Partnership: „Die große Herausforderung ist, so vielen Menschen wie möglich Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. Davon sind wir, wie es scheint, weit entfernt.“
Dr. Michael Prange, Geschäftsführer der German Water Partnership: „Die große Herausforderung ist, so vielen Menschen wie möglich Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. Davon sind wir, wie es scheint, weit entfernt.“
(Bild: GWP)

PROCESS: Herr Dr. Prange, schaut man in Ihre Unterlagen, präsentiert sich die GWP auch als eine Form der Entwicklungshilfe – Hilfe zur Selbsthilfe ist da zu lesen. Sieht sich die GWP primär als Entwicklungshelfer oder primär als Lobby für deutsche Unternehmen – oder geht beides Hand in Hand?

Ergänzendes zum Thema
German Water Partnership: Wasserwirtschafts-Expertise „Made in Germany“

( Bild: GWP )

Die German Water Partnership (GWP) bündelt die Kompetenzen von rund 350 Unternehmen und Forschungsinstitutionen des Wassersektors und ist für ausländische Partner zentraler Ansprechpartner. Der Verein wird dabei seit seiner Gründung 2008 von fünf Bundesministerien (BMWi, AA, BMU, BMBF, BMZ) aktiv unterstützt.

Ziel des Netzwerkes ist, die deutsche Expertise und Qualität „Made in Germany“ weltweit zu etablieren und die Positionierung der deutschen Wasserwirtschaft in internationalen Märkten zu stärken. Weltweit können so bei wasserwirtschaftlichen Problemen und Herausforderungen integrierte und nachhaltige Lösungsansätze erstellt werden – unter Einsatz innovativer deutscher Technologien und deutschen Know-hows. Mit seinen Aktivitäten unterstützt die GWP auch ausdrücklich das Erreichen der UN-Millenniumsziele. Dafür engagiert sich der Verein intensiv hinsichtlich der Einbindung der Wirtschaft in die Entwicklungszusammenarbeit und kooperiert mit allen Projektbeteiligten interdisziplinär „auf Augenhöhe“.

Christine von Lonski
Christine von Lonski
( Bild: GWP )

15 Fokusländer und -regionen stehen auf der Agenda des Vereins, in denen sich Experten der Wasserbranche aus Industrie und Forschung zusammengeschlossen haben, um ihr Know-how einzubringen. Damit hat die GWP ein Instrument geschaffen, das es ermöglicht, nach den Anforderungen des jeweiligen Ziellandes individuell angepasste wasserwirtschaftliche Lösungen zu erarbeiten, Gemeinschaftsprojekte anzustoßen und langfristige Kontakte aufzubauen.

GWP-Doppelspitze

Dr. Michael Prange
Dr. Michael Prange
( Bild: GWP )

Der Vorstand von German Water Partnership hat in seiner 32. Vorstandsklausur festgelegt, dass die künftige Geschäftsführung von einer Doppelspitze wahrgenommen werden soll. Und die sieht nun so aus: Christine von Lonski, die unter anderem als Leiterin des
operativen Geschäfts und als kommissarische Geschäftsführerin die Belange des Vereins seit seiner Neugründung im April 2008 sehr gut kennt, verantwortet geschäftsführend
die administrativen und kaufmännischen Bereiche des Vereins. Für die inhaltlichen, strategischen Fragen wurde im März dieses Jahres Dr. Michael Prange als Geschäftsführer bestellt.

Prange: Wir sind definitiv keine Entwicklungshelfer, dafür gibt es andere, sehr kompetente Organisationen. Als German Water Partnership setzen wir an ganz anderer Stelle an: Wir verfolgen das übergeordnete Ziel „Stärkung der deutschen Wasserwirtschaft und -forschung im internationalen Wettbewerb“. Und das realisieren wir auf den unterschiedlichsten Ebenen und mit den verschiedensten Maßnahmen. Wir bündeln dazu die Aktivitäten, Informationen und Innovationen von Institutionen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, die für wasserwirtschaftliche Problemstellungen zur Verfügung stehen und weltweit entsprechend bedarfsgerechte Lösungen und Maßnahmenpakete erarbeiten. Unsere Mitglieder leisten damit einen Beitrag zur Bewältigung der Wasserprobleme in den Entwicklungs- und Schwellenländern.

PROCESS: Welche Unterstützung darf ein deutscher Anbieter von Wasserwirtschaft von der GWP erwarten?

Prange: Das Wort Unterstützung ist hier nicht so griffig; wir bieten unseren Mitgliedern Leistungen an und das, wie schon erwähnt, auf vielfältigste Art. So fördern wir beispielsweise die Kommunikation und Geschäftsanbahnung mit Mitgliedern und Partnern, stellen auf internationalen Messen und Kompetenzen das Know-how und die Kompetenzen der deutschen Wasserwirtschaft und -forschung vor oder schaffen über die Länderforen für die Mitglieder in den Fokusländern ein Netzwerk. Eine indirekte Leistung ist die Nutzung verschiedener Instrumentarien, damit wir uns als zentraler Ansprechpartner für Anfragen aus dem Ausland positionieren.

PROCESS: Wie sieht das in der Praxis konkret aus – haben Sie Beispiele?

Prange: Nach fast acht Jahren GWP gibt es inzwischen eine Menge Beispiele. Auf unserer Website können Sie sie nachlesen. Im Mai etwa veranstaltete die AHK Chicago in Kooperation mit German Water Partnership eine Geschäftsanbahnungsreise nach Minneapolis. Ziel der Reise war, effizient und kostengünstig den US-Markt zu erkunden und Kontakte zu potenziellen Geschäftspartnern aufzubauen bzw. zu intensivieren. Programmschwerpunkte waren die Zielmarktanalyse zum US-Wassersektor, individuell organisierte Geschäftsgespräche sowie eine ganztägige Präsentationsveranstaltung. Die Unternehmen waren sehr zufrieden; bei mehreren zeichneten sich schnell konkrete Geschäftsmöglichkeiten ab. Oder im April die Wetex in Dubai. Die Teilnahme an dieser Messe schätzten die Mitglieder als sehr gute Möglichkeit zur Vertiefung von Geschäftsbeziehungen ein.

Wie groß schätzt die German Water Partnership das globale Marktpotenzial für wasserwirtschaftliche Lösungen? Das erfahren Sie auf der nächsten Seite.

PROCESS: Ziel ist es auch, Innovationen voranzutreiben. Wie kann man sich das vorstellen?

Prange: Innovation heißt ja wörtlich Neuerung oder Erneuerung, umgangssprachlich verwenden wir den Begriff im Sinne von neuen Ideen und Erfindungen und für deren wirtschaftliche Umsetzung. Innovationen resultieren erst dann aus Ideen, wenn diese in neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren umgesetzt werden und tatsächlich erfolgreich angewendet werden. Wir als German Water Partnership verstehen uns hier als Vermittler zwischen Theorie und Praxis, d.h. zwischen Unternehmen und den Institutionen in Wissenschaft und Forschung. Auf den verschiedensten Wegen bringen wir sie an einen Tisch, engagieren uns so im Abbau von Innovationshemmnissen und stärken das Vermarktungsumfeld.

PROCESS: Wie groß schätzt die GWP das globale Marktpotenzial für wasserwirtschaftliche Lösungen?

Prange: Wenn Sie sich in der Welt umschauen, sehen Sie ein ungeheuer großes Marktpotenzial; aber das können Sie nicht in Zahlen einbetten. Die ganz große Herausforderung ist, so vielen Menschen wie möglich Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. Die UN-Millenniumsziele sehen bis Ende 2015 die Halbierung des Anteils der Menschen (das sind mehr als eine Milliarde!) ohne dauerhaft gesicherten Zugang zu hygienisch einwandfreiem Trinkwasser vor. Und davon sind wir, wie es scheint, weit entfernt. Krisen, Kriege, Katastrophen verändern jeden Tag aufs Neue das Bild und nehmen großen Einfluss.

PROCESS: Welche Länder sind besonders erfolgreich, diese Marktpotenziale zu generieren?

Prange: Aus den oben genannten Gründen kann man denn auch nur schwerlich besonders erfolgreiche Länder benennen. Es liegt in der Natur der Sache: Aus Kriegs-/Krisengebieten ist der Rückzug meist unumgänglich, in stabilen Ländern sind die Unternehmen seit vielen Jahren präsent. Wie schnell sich die Konstellationen ändern, erfahren wir täglich. Ein Blick auf die 15 Fokusländer und -regionen, in denen sich unsere Experten zusammengeschlossen haben, gibt aber ein wenig Auskunft, Beispiele: Im März hat die GWP mit Jordanien ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, es bestehen intensive Geschäftskontakte. In Indien öffnet sich der Markt zunehmend seit der Wahl des neuen Premiers, im Iran entspannt sich die Lage, einer Zusammenarbeit steht die neue Regierung positiv gegenüber.

PROCESS: Wo sehen Sie im internationalen Vergleich bei deutschen Anbietern die Stärken – und wo die Schwächen?

Prange: Die deutsche Wasserwirtschaft verfügt über einen in vielen Jahren erworbenen sehr hohen Standard, der im internationalen Vergleich höchsten Ansprüchen genügt. Wissenschaft und Forschung tragen in hohem Maße dazu bei, dass das so bleibt; entsprechende Forschungsprojekte werden in unserem Land z.B. vom BMBF gefördert. Neben den qualitativ hochwertigen Produkten und Dienstleistungen hat die deutsche Wasserwirtschaft auch viel im Bildungs- und Ausbildungsbereich zu bieten – ein grundlegend wichtiges Angebot. Zu den Schwächen: Wir müssen in den Ländern, in denen wir tätig sind, das Bewusstsein für Life-cycle costs schaffen und dafür Sorge tragen, dass das in den Ausschreibungen berücksichtigt wird. Da sind wir viel zu zurückhaltend, daran müssen wir arbeiten. Gute Qualität hat nun mal ihren Preis.

PROCESS: Herr Dr. Prange, vielen Dank für das Gespräch.

* Das Interview führte Hans-Jürgen Bittermann, freier Mitarbeiter bei PROCESS.

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