Digitalisierung in der Pharmabranche Wie sich Anforderungen an Mitarbeiter verändern

Autor / Redakteur: Manja Wühr* / M.A. Manja Wühr

Im Zuge der Digitalisierung stehen der Pharmaindustrie völlig neue Wege offen. Um diese erfolgreich beschreiten zu können, ändern sich derzeit die Arbeitsprozesse und damit auch die Anforderungen an die Mitarbeiter. In einer Studie hat der Personalrecruiter Hays ein breit gefächertes Meinungsbild erhoben.

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Der digitale Wandel wischt Aufgaben mit bereits definierten Abläufen vom Tisch. Doch wie kann sich Eigenständigkeit in einem stark prozessorientierten Umfeld entwickeln?
Der digitale Wandel wischt Aufgaben mit bereits definierten Abläufen vom Tisch. Doch wie kann sich Eigenständigkeit in einem stark prozessorientierten Umfeld entwickeln?
(Bild: © Sergey Nivens/Fotolia.com, Quelle: Hays/PAC, Grafik: PROCESS)

Die Digitalisierung durchdringt zunehmend die Arbeit in der Pharmaindustrie. Dies bestätigen auch 77 befragte Führungskräfte deutscher Pharmaunternehmen. Sie wurden von Hays und deren Partner Pierre Audoin Consultants zum Thema Digitalisierung und daraus resultierenden Kompetenz-Profilen befragt. Dabei zeigte sich, dass rund 43 % der Befragten mehr als 30 % ihrer Arbeitszeit für digitale Themen aufwenden. Zwei große Themenblöcke identifizierten die Autoren der Studie: zum einen die Digitalisierung der Produkte und Angebote und zum anderen die Prozessdigitalisierung.

Unter der „Digitalisierung der Produkte und Angebote“ verstehen die Autoren der Studie „Pharma im digitalen Wandel“ Aufgaben wie die computergestützte Wirkstoffsuche, personalisierte Medizin oder auch die Serialisierung von Produkten. Dabei haben die einzelnen Fachbereiche immer mehr Entwicklungsprojekte in immer kürzeren Zeiträumen zu bearbeiten.

Bei der „Prozessdigitalisierung“ geht es im Wesentlichen um die Optimierung und Automatisierung betrieblicher Abläufe. Nach Einschätzung der Autoren kann die Pharmaindustrie aufgrund der hohen Compliance- und Dokumentationsanforderungen von der Digitalisierung im besonderen Maße profitieren.

Dies hat für die Mitarbeiter Konsequenzen für deren Aufgaben- und Kompetenzprofile. Klassische Verwaltungstätigkeiten werden zunehmend automatisiert und Unternehmensbereiche umstrukturiert, so dass die Mitarbeiter sich immer öfter auf neue Arbeitsumgebungen und Themen einstellen müssen. Zudem wird gefordert, selbstständig Entscheidungen – auch softwaregestützt – zu treffen.

Da fehlt etwas

Schaut man sich die von den Führungskräften präferierten Kompetenzen genauer an, wird ein Dilemma der Pharmabranche deutlich: 68 % wollen erfahrene Experten. Für Absolventen mit frischem Wissen würden sich hingegen nur 25 % entscheiden. Auch wiegen Hardskills (55 %) schwerer als Softskills (38 %). Dies darf angesichts standardisierter Prozesse, hoher Qualitäts- und Sicherheitsstandards und strenger Compli­ance-Anforderungen nicht verwundern. Die Studie bringt es mit einem Satz auf den Punkt: „Pharmahersteller sind keine digitalen Start-ups.“ Doch nun steht die Branche vor der Frage, wie die Anforderungen der digitalen Arbeitswelt mit den herkömmlichen prozessorientierten Qualifikationen und Arbeitsweisen bewältigt werden sollen?

Zentrale Kompetenzen sind für Führungskräfte dabei Eigenständigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Dies führen die Autoren darauf zurück, dass Mitarbeiter immer mehr Themen bearbeiten müssen, für die Wissen und Kreativität erforderlich sind und für die es meistens keine definierten Abläufe gibt.

Aufhorchen lassen in diesem Zusammenhang die Antworten auf die Frage nach Eigenschaften, die Führungskräfte aus der Pharma­industrie bei Bewerbern am meisten vermissen: Für 21 % der Führungskräfte fehlt den Bewerbern Eigenständigkeit und 20 % sehen keine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Wenn man nicht der Mär einer technikaffinen, aber planlosen Generation Y aufsitzen will, muss man sich fragen, warum es manchen Branchen es besser gelingt, kreative Macher zu gewinnen als anderen. Warum bewerben sich junge Menschen, die eigenständig arbeiten und Verantwortung übernehmen wollen, nicht bevorzugt bei Pharmaunternehmen? Für die Autoren der Studie ist klar, die Pharmaindustrie steht hier vor einem strukturellen Wandel in der Arbeitsorganisation.

Da ändert sich etwas

Um notwendige Voraussetzungen zu schaffen, bieten die meisten Pharmahersteller Inhouse-Trainings (90 %) an und schicken ihre Mitarbeiter zu Fachkonferenzen und Workshops (88 %). Die Autoren mahnen dabei an, dass die Aus- und Weiterbildungsangebote nur dann zum Erfolg führen, wenn „auch das technische, organisatorische und kulturelle Umfeld die neuen Themen unterstützt“. Wie die Umfrage zeigt, setzen hierfür die Führungskräfte zunehmend auf gemischte Teams (48 %) und anstelle von formalisierten Prozessen auf Projektarbeit (40 %). Ziel soll sein, immer komplexere und interdisziplinäre Themen verstehen und bearbeiten zu können sowie die Agilität der Mitarbeiter zu erhöhen.

Aber nicht nur bei den Bewerbern klaffen Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit. So vermissen 33 % der befragten Führungskräfte bei ihren Mitarbeitern die Bereitschaft, sich auf Veränderungen einzulassen. Dieser mangelhafte Veränderungswille liege aber auch den Führungskräften, betonen die Autoren. Sie werfen die Frage auf ob die Führungskräfte den notwendigen Freiraum schaffen der Veränderungsbereitschaft fördert. So deutet die Präferenz der Führungskräfte für stark prozessorientierte Mitarbeiter darauf hin, dass sich das Kollegium eher am Status quo orientieren wird. Doch wer neue Wege gehen will, braucht Mut und Kreativität.

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