Chinesischer Arbeitsmarkt Was Arbeitgeber bei der Auswahl chinesischer Fachkräfte beachten sollten

Autor / Redakteur: Annette Neumann / Marion Henig

Deutsche Unternehmen genießen einen sehr guten Ruf in China, daher häufen sich Bewerbungen von chinesischen MBA-Absolventen auf den Schreibtischen der Personalverantwortlichen. Doch vielen Bewerbern fehlt ein gewisses praktisches Verständnis. Ein Personaldienstleister und zwei Unternehmen geben Einblicke in die Fachkräftesituation am chinesischen Markt.

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Personalberater Joachim Wehrle im Praxistest mit einem Kandidaten.
Personalberater Joachim Wehrle im Praxistest mit einem Kandidaten.
( Bild: WPB )

Shanghai/VR China – Im dunkelblauen Anzug erscheint Liu Haiyang (Name von der Redaktion geändert) zum Vorstellungsgespräch. Auf dem Tisch des klimatisierten Besprechungsraumes liegt ein Elektromotor. Liu befühlt ihn mit spitzen Fingern und legt ihn aus Angst, dass er gleich auseinander fallen könnte, schnell wieder beiseite. „Da war uns schnell klar, dass der ‚erfahrene‘ chinesische Ingenieur nur bedingt Ahnung von mechanischen Vorgängen hat”, sagt Joachim Wehrle, Inhaber der Wehrle Personal Beratung (WPB) in Shanghai. Das Interview beschränkte sich dann noch auf die üblichen Höflichkeitsgesten und die notwendigen Formalitäten.

Auch Holger Schulteis, Niederlassungsleiter bei Uhlmann, einem Hersteller von pharmazeutischen Verpackungsmaschinen mit Sitz in Laupheim und Vertriebsbüro in Shanghai kritisiert das fehlende praktische Verständnis der chinesischen Hochschulabgänger: „Anders als in Deutschland gibt es hier zu wenig Tüftler. Viele Bewerber haben zwar an der Uni gelernt, komplizierte Rechenaufgaben zu lösen, können aber keine Oberfläche plan feilen.” Solche Techniken lernt ein deutscher Industriemechaniker schon im ersten Lehrjahr in seinem Betrieb und in der Berufsschule. Ein solches duales Ausbildungssystem gibt es in China bisher noch kaum.

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Chinesen streben gezielt Management-Posten an

Hinzu kommt das Problem, dass technische Expertise nicht den Stellenwert hat wie in Deutschland. Schulteis: „Positionen mit vermeintlich großer Machtfülle haben in China traditionell ein hohes Ansehen.” Das beobachtet auch Wehrle, der seit vier Jahren Fach- aber auch Führungskräfte für deutsche Produktions- und Handelsunternehmen in China vermittelt: „Am liebsten will hier jeder Manager sein, schnell großes Geld verdienen und möglichst viele Leute unter sich haben.” Dass junge Chinesen eine Karriere im Management machen wollen, führt Wehrle auch auf die Ein-Kind-Politik zurück, nach dem Motto: Unser einziges Kind soll eine prestigeträchtige Ausbildung mit anschließender Karriere in einem Fortune 500 Unternehmen erhalten.

Weil deutsche Unternehmen einen sehr guten Ruf in China genießen, häufen sich Bewerbungen von selbstbewussten MBA-Absolventen auf den Schreibtischen der Personalverantwortlichen. WPB zufolge sind jedoch von den 300 000 Ingenieuren, die Chinas Hochschulen jedes Jahr verlassen, nur rund zehn Prozent für eine Tätigkeit in einem internationalen Unternehmen geeignet. Die Spreu vom Weizen zu trennen, falle nicht leicht. „Historisch bedingt, erscheinen und verhalten sich Chinesen sehr konform“, sagt Wehrle, der in den letzten vier Jahren über hundert Stellen besetzt hat. Das fange bei einer standardisierten, oft aussageschwachen Bewerbung an und setzt sich fort im Gespräch: „Zu viele offene Fragen bringen hier wenig, weil Chinesen es nicht gewohnt sind, viel von sich preis zu geben.” Die Eignung eines Bewerbers lasse sich daher besser durch kurze, einfache Fragen ermitteln, die im Anschluss an einen Praxistest gestellt werden. Wehrle legt seinen Kandidaten schon einmal ein für die jeweilige Stelle relevantes Werkzeug vor die Nase: “Weiß er mit einem Drehteil beispielsweise nichts anzufangen, brauche ich mir seine beruflichen Stationen gar nicht mehr anzuhören.”

Trainings in Deutschland

Doch die richtige Auswahl ist nur die sprichwörtliche halbe Miete. Uhlmann investiert viel Zeit und Geld in Trainings seiner Nachwuchskräfte: „Im ersten Jahr kostet uns der Jungingenieur erst mal nur Geld. Bis zu 30 000 Euro müssen wir für sein Jahresgehalt, das Training und den Aufenthalt in Deutschland investieren”, sagt Schulteis. Nur so könne den Ingenieuren das notwendige Wissen für die hochspezialisierten Maschinen übermittelt werden.

Mit steigender Qualifizierung chinesischer Ingenieure steigt auch deren Marktwert

Auch Rena, ein Hersteller von Sondermaschinen für chinesische Solarzellenhersteller, lässt ihren Nachwuchs in Deutschland schulen. Personaldirektor Thomas Bouzanne betont: „Dieses Mentoren-Modell funktioniert gut, kommen unsere jungen Chinesen doch hochmotiviert zurück.” Sie langfristig zu halten, ist für „Hidden Champions”, die auf ihrem Gebiet nicht selten Weltmarktführer sind, aber im Kampf um die besten Talente mit den Groß-Unternehmen konkurrieren, oftmals eine noch größere Herausforderung als sie im Markt zu finden. Wer kein wettbewerbsfähiges Gehalt zahlt und sich nicht um seine Leute kümmert, wird seinen Nachwuchs in China schnell an die Konkurrenz verlieren. Mit steigender Qualifizierung chinesischer Ingenieure, steigt allerdings auch deren Marktwert. 2 000 Euro brutto Monatsgehalt zahlt der Niederlassungsleiter Schulteis von Uhlmann mittlerweile für seinen Service-Techniker mit sechsjähriger Berufserfahrung. Und die Gehälter werden mit zunehmender Qualifikation weiter steigen. Um handwerkliche und technische Fertigkeiten zu schulen, will die chinesische Regierung bis 2010 rund eine Milliarde Euro in den Ausbau von Berufsschulen investieren. Personalberater Wehrle: „Diese Investition ist grundsätzlich gut, doch sind wir dann vermutlich nicht mehr weit von deutschen Ingenieurs-Gehältern entfernt.”

Die Autorin ist Pressereferentin der Personalberatung Wehrle

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