Digitale Molkerei Von wegen alles Käse - Warum deutsche Molkereien bei der Digitalisierung aufholen

Redakteur: Anke Geipel-Kern

Was Käse, Milch und Joghurt-Produktion mit Digitalisierung zu tun haben? Datenmanagement, smarte Technologien und flexible Herstellungsverfahren machen die Produktion effizienter und können so manchen Cent sparen. In einer Branche, die unter dem Preisruck im Discounter, wie kaum eine andere leidet, wird Digitalisierung zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Firmen zum Thema

Damit die Milch ins Glas kommt wird immer mehr digitale Technik eingesetzt.
Damit die Milch ins Glas kommt wird immer mehr digitale Technik eingesetzt.
(Bild: Devanath)

Nein, mit Bauernhofromantik, dem Duft nach kuhwarmer Milch oder handgeschöpften Käseleiben hat ein moderner Molkereibetrieb heute nichts mehr zu tun. Milchverarbeitung ist Hightech-Produktion - das verdeutlicht z.B. ein Blick in die Leitzentrale der Molkerei Ammerland. Auf einer Phalanx an Bildschirmen hat der Betriebsleiter alle Produktionssysteme im Blick - ohne Automatisierung geht hier gar nichts mehr. Chargentracking, Sensorbasierte Qualitätskontrolle und die auf Echtzeitdaten basierte Produktionskontrolle haben längst Einzug gehalten in das traditionsreiche Gewerbe - die Molkerei Ammerland arbeitet schon seit 2013 mit einem vernetzten Siemenssystem und mittlerweile ziehen andere Betriebe nach.

Digitalisierung ist auf der Agenda

Das unterstreicht auch der DLG-Trendmonitor Molkereiwirtschaft, welcher die Branche schon im Jahr 2019 auf dem Digitalisierungspfad sieht.

Bildergalerie

Die digitale Transformation bietet die Chance, mit innovativem Datenmanagement, smarten Technologien und flexiblen Herstellungsverfahren Prozesse neu zu denken
Die digitale Transformation bietet die Chance, mit innovativem Datenmanagement, smarten Technologien und flexiblen Herstellungsverfahren Prozesse neu zu denken
(Bild: DLG)

Die digitale Transformation habe bereits in den Bereichen „Rückverfolgbarkeit und Transparenz“ (77 Prozent der antwortenden ), „absatzfördernde Kommunikation“ (73 Prozent) und „Daten- und Produktionssicherheit“ (68 Prozent) stattgefundene konstatieren die DLG-Experten. Investitionen in die Digitalisierung des „Energiemanagement“, der „Abfallvermeidung durch effiziente Prozesse“ und ins „firmeninternes Datenmanagement“ seien in den nächsten Jahren geplant. Die Branche arbeitet am Fernziel der „smarten Fabrik“, also einer sich selbst organisierende Produktion über digital vernetzte Systeme.

End-to-End-Integration der Wertschöpfungskette durch Digitalisierung
End-to-End-Integration der Wertschöpfungskette durch Digitalisierung
(Bild: Dr. Wiesenhuber & Partner)

Ein weitreichendes Zukunftsbild malen die Experten der Unternehmensberatung Wiesenhuber & Partner, die das ganze bereits bei der Kuh starten lassen und deren bedarfsgerechter, digital gesteuerter Fütterung und Medikation. Es geht weiter mit der vernetzten Melkmaschine, die Daten zur Milchqualität bzw. -beschaffenheit an die Molkerei übermittelt. Planung und Steuerung von Produktion und Logistik erfolgt mithilfe von Echtzeitdaten und modernster Produktionstechnologie hoch automatisiert. Die Schnittstelle zu den (Handels-)Kunden werde ebenfalls mehr und mehr digital integriert, beobachtet die Unternehmensberatung. Edeka, Lidl und Co. arbeiten an ihrer eigenen Digitalisierungsagenda. Es scheint nur eine Frage der Zeit bis die Lieferanten eingebunden sind. Sowohl Molkereien als auch Handel nutzen Daten über Konsumenten bzw. Konsumverhalten, um ein möglichst passendes Produkt- bzw. Leistungsangebot anzubieten und zu vermarkten – sowohl auf klassischem wie auch digital unterstütztem Weg.

Ohne Software geht es nicht

Ein wichtiger Schritt um voranzukommen auf dem Weg zur Digitalisierung ist die Einführung eines Datenmanagementsystems. Eine wichtige Grundlage für die milchverarbeitende Industrie, um gezielt produktionsnahe Auswertungen zu erheben, Produktionsabläufe frühzeitig zu verbessern und Personaleinsätze langfristig zu planen, erklärt Marcus Schulte, Leiter IT bei Trapo. Das Unternehmen hat eine Software entwickelt, die Kennzahlen erfasst und damit Teil- oder Gesamtanlagen steuert und überwacht.

Auch Schneider Electric und der Spezialist für aseptische Verpackung SIG wollen die Digitalisierung vorantreiben und aus "reinen Abfüllbetrieben intelligente und vernetzte Fabriken" machen. Automatisierungsunternehmen Schneider Electric hat bereits zur SPS 2019 eine IIoT-Lösung für Verpackungsmaschinen vorgestellt, zur Anbindung unterschiedlicher Maschinen und Datenaufbereitung über Templates. Darüber hinaus lassen sich verschiedene Spezifikationen von Leitsystemen und MES-Schnittstellen ansteuern.

Fünf Gründe für den Einsatz von Datenmanagementsystemen in der Milchwirtschaft (Quelle: Trapo)

1. Moderne Datenanalyse

Ein leistungsfähiges Datenmanagementsystem bündelt die relevanten Verkaufs- und Produktionszahlen sowie detaillierte Informationen zu Anlagenzuständen auf einen Blick. Durch Protokollierung von Parameteränderungen und einen Leistungsvergleich auf Basis der Änderungen können eine Optimierung des Energiebedarfs, eine höhere Auslastung und in der Konsequenz ein entscheidendes Plus an Prozesseffizienz der Anlagen erzielt werden. Hinzu kommt die Minimierung von Ausfallzeiten: Datenmanagementsysteme visualisieren die Gesamtlinie und zeigen Fehlerquellen auf. Produktionsabläufe können so frühzeitig verbessert und Optimierungspotenziale aufgedeckt werden. Bei wiederkehrenden Aufträgen können Produktionsvorgaben gespeichert, hinterlegt und per Knopfdruck abgerufen werden.

2. Ergebnissteigerung

Mithilfe eines Datenmanagementsystems lassen sich die Produktionszeiten maximieren. Zudem ermöglicht ein effektives Zeitmanagement eine Kostenreduzierung sowie eine Qualitätssteigerung, die sich insbesondere am volatilen und in Qualitätsfragen anspruchsvollen Markt für Milch und Molkereiprodukte bezahlt machen. Weiterer Vorteil ist eine optimierte Personalplanung: Mit einem entsprechenden System kann der Personaleinsatz konkret und vorausschauend geplant werden.

3. Vorausschauende Instandhaltung (Predictive Maintenance)

Ein Datenmanagementsystem erfasst und sammelt Informationen zu Betriebsmittel-, Teilanlagen und Anlagenzuständen. Auf diese Weise unterstützt es Unternehmen der Milchwirtschaft bei der frühzeitigen Benachrichtigung zu fälligen Wartungseinsätzen, dem Monitoring potenzieller Verschleißteile und bündelt verlässliche Informationen zu den Wiederbeschaffungsintervallen für Ersatz- und Verschleißteile. Beispielsweise lässt sich eine fällige Ersatzteilbestellung per Mausklick über den digitalen Warenkorb tätigen.

4. Flexible Anpassung und Erweiterung

Hilfestellung für das operative Geschäft leistet ein Datenmanagementsystem durch die Erstellung von firmenspezifisch konfigurierbaren Abfragen. Der Nutzer erhält klar definierte Datenabfragen aus einer Hand; es existiert lediglich eine einzige Datenbank mit klaren Zugriffsrechten je Anwendergruppe. Hinzu kommen neben der Einrichtung von Schnittstellen zu Fremdanlagen auch weitreichende Import- und Export-Funktionalitäten inklusive Anbindung an die branchenweit gängigen ERP-Systeme.

5. Zentrales Dokumentations- und Wissensmanagement

In einem Datenmanagementsystem sind alle Daten und Dokumente zentral in einem einzigen System hinterlegt. Per Zugriffsberechtigung lässt sich regeln, dass Mitarbeiter von überall in Echtzeit und zu jeder Zeit via Cloud auf die Daten zugreifen können. Wertvolle zusätzliche Hilfe bieten integrierte FAQs.

(ID:47367000)