Raffinerie-Stillstand in der Praxis Von Null auf Hundert: So gelingt der Anlagenstillstand

Autor / Redakteur: Dominik Stephan* / Dominik Stephan

Wenn die Produktion still steht, ist jeder Tag entscheidend: Anlagenstillstände, Turnarounds, Revisionen sind für jeden Betreiber ein erhebliches Risiko. Grund genug, einmal bei einem Industriedienstleister nachzufragen, wie sich ein Stillstand in Fortschritt ummünzen lässt.

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Durchblick entscheidet: Planungsrisiken sind ein wesentlicher Fallstrick im Anlagenturnaround. Betreiber und Dienstleister müssen sich perfekt aufeinander abstimmen, um Reibungsverluste zu vermeiden.
Durchblick entscheidet: Planungsrisiken sind ein wesentlicher Fallstrick im Anlagenturnaround. Betreiber und Dienstleister müssen sich perfekt aufeinander abstimmen, um Reibungsverluste zu vermeiden.
(Bild: Voith)

Raffinerien sind das Rückgrat der Wirtschaft: Rund um die Uhr laufen Cracker, Coker und Kolonnen auf Hochtouren, damit Industrie und Verkehr nicht stillstehen. Doch der Markt ist hart umkämpft: Geringe Margen, zurückgehende Auslastung und die internationale Konkurrenz setzen den Betreibern stark zu. Etwa 20 % der europäischen Raffineriekapazität sind nicht ausgelastet, schätzen Branchenkenner.

Das macht Turnarounds zur Operation am offenen Herzen: Wenn der Betrieb stillsteht, müssen alle Räder ineinander greifen, um teure Produktionsausfälle zu vermeiden. Schnell, präzise und sicher müssen die zur Revision bestimmten Anlagenteile ausgebaut, geprüft, instandgesetzt, gereinigt und wieder eingebaut werden. Um die Stillstandszeit kurz zu halten, werden an allen Enden der Anlage zugleich Schweißbrenner und Schraubenschlüssel angesetzt.

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Das sind die "harten Nüsse" im Turnaround

Solche Turnarounds durchzuführen übersteigt meist die Kernkompetenz von Anlagenbetreibern und Bedienpersonal – Anlagenstillstände sind ein Job für Spezialisten. Als 2014 für eine Raffinerie in Süddeutschland ein Stillstand im Kalender stand, erhielt der Industriedienstleister Voith Industrial Services die verantwortungsvolle Aufgabe, die Arbeiten zu planen, zu organisieren und gemeinsam mit dem Betreiber durchzuführen.

Dabei hielt die Agenda der turnusmäßigen Revision mit TÜV-Prüfung einige harte Nüsse für die Spezialisten bereit: Insgesamt mussten 315 Wärmetauscher, 271 Behälter, Öfen und Tanks, 514 Sicherheitsventile, 2000 Armaturen, neun Prozessöfen sowie Luftkühler und weitere Armaturen gewartet, geprüft und gegebenenfalls ausgetauscht werden.

Eine Aufgabe für Spezialisten

Keine leichte Aufgabe – aber genau die Sorte Aufträge, auf die Voith spezialisiert ist: „Wir können unsere Mitarbeiter mit allem, was am Mann ist, ausstatten – aber auch mit Spezialwerkzeugen“, erklärte Dietmar Schürken, Geschäftsführer für diesen Bereich bei Voith Industrial Services. Damit sei man nicht nur für Aufträge im internationalen Umfeld gerüstet, sondern auch ein Stück weit vom Markt unabhängig, wie Uwe Lindner, Projektleiter im Turnaround Service, ergänzt: „Andere Firmen müssen häufig zumieten, was den zeitlichen Ablauf gefährden kann. Daher sind wir mit unserem eigenen Werkzeug- und Maschinenpark mit beispielsweise drei Werkzeugblöcken vor Ort bei unserem Kunden. Das macht uns flexibel und unabhängig von der aktuellen Marktsituation für Mietgeräte.“

Und das bei einem Projekt von riesigen Ausmaßen: Insgesamt waren 460 Voith-Mitarbeiter im Einsatz. Tausende Flanschverbindungen wurden geprüft und hunderte Steckscheiben gesetzt. Kam es zu Korrosion? Sind Teile beschädigt? Müssen bestimmte Teile für eine Reparatur beim nächsten Turnaround vorgemerkt werden?

Damit all diese Prozesse reibungslos ablaufen, war die gemeinsame Planung von Voith und dem Raffineriebetreiber entscheidend: „Wir bilden die Strukturen unseres Kunden in unserer Baustellenorganisation möglichst genau ab und versuchen, Schnittstellen gering zu halten“, meint Lindner. So klärte er mit seinem 70-köpfigen Führungsteam vorab, wie die Transportwege im Werk verlaufen, wann welche Kräne wo gebraucht werden, koordinierte Waschplätze und stimmte die Arbeit der Teams aufeinander ab.

Dabei kennt Lindner die Abläufe bis ins Detail: Seinen ersten Stillstand erlebte er 1990 in Antwerpen, seitdem hat er über 100 Turnarounds mitgestaltet. „Es ist ein gutes Gefühl, in einem verlässlichen Team zu arbeiten, das in über 20 Jahren mit mir mitgewachsen ist“, so Lindner.

Erfolgskriterien für den Stillstand

Erfolgreicher Abschluss in guter Qualität, strikte Einhaltung des Terminplans und sicheres Arbeiten bei möglichst null Unfällen – das macht für Voith-Geschäftsführer Schürken den Erfolg eines Turnarounds aus. Das galt auch in diesem Fall: Das Kernprojekt wurde unter Einhaltung aller Fristen und Termine innerhalb von vier Wochen abgeschlossen. Hohe Sicherheitsstandards und verantwortungsbewusste Mitarbeiter sorgten dafür, dass jeder abends gesund und wohlbehalten nach Hause gehen konnte: Während insgesamt 140 000 Arbeitsstunden ereignete sich kein einziger Unfall – etwas worauf alle Beteiligten besonders stolz sind.

Ob Betreiber oder Technologieexperte: Wer im Betrieb 100 % gibt, will sich im Stillstand auf seinen Partner verlassen können. Damit die Operation gelingt, müssen Zeitrahmen und Umfang abgesteckt und Risiken im Voraus erfasst werden – nur so gelingt das Durchstarten. So paradox es klingt: Wenn die Anlage stillsteht geht die Arbeit erst richtig los.

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