Dekarbonisierung VIK-Jahrestagung: Branche setzt auf Energieeffizienz und Innovationen bei Treibhausgasneutralität und Klimaschutz

Autor / Redakteur: Gerd Kielburger / Matthias Back

Bei der 70. VIK-Jahrestagung diskutierten Mitte November in Berlin rund 200 Experten, Wirtschaftsvertreter und Politiker zum Thema „Dekarbonisierung: Nur mit der Industrie zum Klimakonsens“. Auf besonderes Interesse stießen konkrete Innovationsprojekte für klima- und energieschonendes Wirtschaften. Wenn die Veranstaltung eines verdeutlichte, dann dies: Alle Beteiligte zeigten ein ernsthaftes Ringen um Lösungen.

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Aufzeichnung der ersten Podiumsdiskussion bei der 70. VIK-Jahrestagung.
Aufzeichnung der ersten Podiumsdiskussion bei der 70. VIK-Jahrestagung.
(Bild: Andreas Vollmer)

Berlin - Die Industrie müsse Antworten auf drängende Zukunftsfragen wie Klimaschutz und Energiewende geben – erst recht in politisch bewegten Zeiten wie diesen. Mit dieser Botschaft eröffnete Dr. Roland Mohr, Vorsitzender des VIK-Vorstands, die diesjährige VIK-Jahrestagung im Berliner Melia-Hotel. Mohr verwies auf das aktuelle Diskussionspapier des Verbandes zur Dekarbonisierung und erläuterte dessen Zukunftsperspektive. Im Interesse der rund 300 VIK-Mitglieder, die für 80 Prozent des Industriestromverbrauchs in Deutschland stehen, forderte der VIK-Vorsitzende Planbarkeit und Pragmatismus.

Dass die Industrie nicht nur auf Energie-Effizienz, sondern vor allem auf Innovationen für Treibhausgasneutralität und Klimaschutz setzt, belegten Vorträge zu konkreten Projekten bei der Tagung in Berlin.

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Christian Schweitzer, Geschäftsführer von bse engineering kündigte an, dass bis 2020 eine Pilotanlage für E-Methanol als Energiespeicher von einem Konsortium mit Beteiligung der BASF in Betrieb gehen wird. Dr. Christoph Sievering, Leiter Energiestrategie und Energiepolitik bei Covestro, erläuterte das Projekt Carbon2Chem in Kooperation mit Thyssen-Krupp. Dabei wird durch die Sektorenkopplung Energie – Stahl – Chemie ein klimaschonender Wertstoffkreislauf etabliert. Von Salzgitter Flachstahl berichtete Dr. Volker Hille als Leiter Projektmanagement Hochofenwerk, wie durch die Stahlherstellung mit Wasserstoff (Projekt „Salcos“) eine erhebliche CO2-Reduktion bei integrierten Hüttenwerken erreicht werden kann.

Zeit zum Umsteuern drängt

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion mit den Experten zum Thema "Die deutsche Industrie als wesentlicher Teil der Lösung" lobte Dr. Karsten Sach, Abteilungsleiter Klimaschutz vom Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), die Innovationen der Industrie. Allerdings müssten Pilotprojekte auch bald zur Marktreife gebracht werden – nicht nur in Deutschland. Auch Dr. Brigitte Knopf, Generalsekretärin des Mercator Research Institute, mahnte, dass angesichts der Klimaentwicklung nicht mehr viel Zeit zum Umsteuern bleibe. Deshalb schmiede die Stiftung ein Bündnis von Wissenschaft, Industrie, Politik und Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs).

Zuvor hatten Experten bei der VIK-Jahrestagung in drei Impulsvorträgen Szenarien für eine sinnvolle Energie- und Klimastrategie vorgestellt. So plädierte Ass. iur. Thorsten Müller, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Umweltenergierecht für eine Balance von Markt und Recht in einem ganzheitlichen Zukunftskonzept. Dies müsse von einer direkten und kleinteiligen Energiesteuerung zu einer Rahmengesetzgebung mit Flexibilität für komplexe Transformationsprozesse verändert werden, wie auch eine neue Studie seiner Stiftung zeige. Bei jeder EEG-Novelle hielten die energieintensiven Unternehmen den Atem an, so Müller. Es brauche daher einen grundsätzlichen Systemwechsel.

Müller sieht zudem Wissenslücken beim Gesetzgeber. Dieser wisse verschwindend wenig, was er eigentlich regelt. Auf einen Masterplan vom Gesetzgeber zu warten, sei unrealistisch, so Müller. Immer wenn sich technologische Alternativen auftun, tue sich der Gesetzgeber schwer zu entscheiden. "Es gibt kein Technologie-neutrales Recht". Lernprozesse würden nur funktionieren, wenn wir uns anders verhalten als andere. Für Müller ist klar: "Wir brauchen eine Übergang von der Mikro- zur Makrosteuerung. Dabei spielt die CO2-Bepreisung eine wesentliche Rolle". Vor wenigen Wochen seien dazu Gutachten vorgelegt worden, die belegten, dass ausreichend Handlungsspielräume dazu vorliegen.

Dr. Patrick Graichen vom Think Tank Agora Energiewende, skizzierte sieben Aufgaben für die Klimawende. Dazu zählen seiner Meinung nach: 1. Degression der Kosten. 2. Dekarbonisierung. Der Klimawandel beschleunigt sich und zwingt zum Handeln (geht nicht mehr weg). 3. Deflation der Energiepreise. Kohle und Gas bleiben billig, werden aber volatiler. Das führt zu neuen Herausforderungen für die Energiewirtschaft. 4. Dominanz der Fixkosten. 5. Dezentralität der Energieversorgung. 6. Digitalisierung der Energieversorgung und 7. Demokratisierung. Energie betrifft Bürger zunehmend direkt.

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Außer dem Stromsektor sieht Graichen nun bis 2030 auch den Wärmebereich und den Verkehr in der Pflicht. Danach stehe ein Industrie-Umbau zur Erreichung der Ziele 2050 an, der jedoch langfristig vorbereitet werden müsse. Graichen forderte mehr zielgerichtete Forschungsförderung für die Treibhausgasneutralität. "Wir brauchen ein EEG für Power-to-X-technologien", so Graichen. Kanzleramtsminister Altmaier und Staatssekretär Machnig aus dem Wirtschaftsministerium hätten diese Idee bereits positiv aufgenommen.

Defossilisierung als langfristiges Ziel

Prof. Dr. Kurt Wagemann, Geschäftsführer der Dechema Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V. sprach sich für Defossilisierung als langfristiges Ziel aus. Allerdings belege eine europaweite Analyse für die Chemiebranche, dass 100prozentig treibhausgasneutrale Produktion nicht erreichbar ist, nötige Veränderungen mit einem erheblichen Anstieg des Verbrauchs von Strom einhergehen und die Aufgaben nur global lösbar sind. Dennoch sieht Wagemann in der Defossilisierung der Chemie Chancen und Herausforderungen zugleich. Im Kern geht es seiner Meinung nach um nicht mehr und weniger als die gewaltige Transformation der Branche unter Nutzung von EE-Strom sowie alternative Kohlenstoff-Quellen wie Biomasse, Industrial Symbiosis, Circular Ecomomy bzw. Recycling und Power-to-X-Technologien. Die mit dem europäischen Chemieverband Cefic erstellte Studie „Low Carbon Energy and Feedstock for the European Chemical lndustry“ sieht vier Szenarien vor: Business as Usual, ein mittleres, ein ehrgeiziges und ein Maximum-Szenarium.

Der Dechema-Geschäftsführer mahnt jedoch: „Chemieanlagen sind in Stahl gegossen. Daher muss man bei der Klima- und Klimabilanzbewertung über den Lebenszyklus einer Anlage auch die Herstellung der Anlagen und deren Komponenten ebenfalls mit einbeziehen". Die zusätzlichen Investitionskosten der Branche für die vier Szenarien bewegen sich laut Wagemann zwischen 3 Milliarden und 13 Milliarden Euro jährlich. Als größten limitierenden Faktor beschreibt Wagemann den fehlenden Strom aus erneuerbaren Quellen, die mangelnde Skalierbarkeit der Wasserstoff-Routen sowie die begrenzte Biomasse-Verfügbarkeit. Unter den derzeitigen Marktbedingungen sei keine Wettbewerbsfähigkeit für eine derartige Transformation gegeben, so Wagemann.

In der Podiumsdiskussion zu "Politik und Industrie, nach Paris gemeinsam unterwegs!" mit den Impuls-Referenten betonte VIK-Hauptgeschäftsführerin Barbara Minderjahn, dass es nicht nur um Effizienz und Einsparungen beim Energieeinsatz gehe. Vielmehr müsse überlegt werden, wie Innovationen und die Entwicklung neuer Verfahren zum treibhausneutralen Wirtschaften befördert werden könnten. Dagegen bestand Michael Schäfer, Leiter Klimaschutz und Energiepolitik bei WWF Deutschland, auf den ehrgeizigen Klimazielen und betonte die Verantwortung Deutschlands dabei. Zugleich bekundete er Unterstützung für Unternehmen, die die Klimaziele ernst nehmen, und begrüßte das Dekarbonisierungs-Diskussionspapier des VIK.

Bereits bei einer aktuellen Runde „VIK und Politik im Gespräch“ am Vormittag hatte VIK-Vorsitzender Dr. Mohr mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Dr. Georg Nüsslein und Jakob Schlandt vom Tagesspiegel über Wege zu einem Klimakonsens diskutiert. Unter Leitung von Moderator Klaus Stratmann (Handelsblatt) entspann sich eine spannende Debatte nicht nur auf dem Podium, sondern auch mit den Teilnehmern der Jahrestagung, besonders aus Unternehmen, um konkrete und machbare Schritte für die Energie- und Klimawende. Für Tagesspiegel-Redakteur Schlandt braucht es jetzt einen Verknappungsimpuls, der auch von der Kohle ausgehen könne. Seiner Meinung nach gibt es gute Modelle und Marktlösungen. Die CO2-Preisdebatte sieht er am Zielführendsten. VIK-Vorsitzender Mohr machte dagegen deutlich, dass sich der VIK mit aller Macht gegen einen Anstieg der Netzkosten stemmen wird. "Wir reden in dem Kontext immer wieder über Strompreise und Börsenpreise. Dabei sind die Netzkosten viel entscheidender. Wenn die Netzkosten deutlich höher sind als die Stromkosten, dann ist das keine beruhigende Nachricht für uns", so Mohr.

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Gewarnt wurde in der Diskussion vor nationalen Alleingängen Deutschlands – die Industrie und vor allem die energieintensiven Unternehmen bräuchten verlässliche Rahmenbedingungen. Zukunftsfähig seien nur eine Balance von Klimaschutz mit Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Zugleich bestand Einigkeit bei der Podiumsdebatte, dass die Gespräche über eine „Jamaika“-Bundesregierung letztlich nicht an Energie- und Klimafragen gescheitert sind.

Stresstest für die Energieversorgung lässt auf sich warten

Leonie Gebers von der Industrieabteilung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, die BMWi-Staatssekretär Matthias Machnig aufgrund der Politik-Lage vertrat, bekräftigte in der Keynote: Dekarbonisierung müsse bezahlbar und versorgungssicher sein. Deutschland müsse als Industriestandort erhalten bleiben. Zugleich forderte sie jedoch die Wirtschaft auf, tatkräftig an der Entwicklung zur treibhausneutralen Gesellschaft aktiv mitzuwirken.

Der Dreiklang von Politik, Wirtschaft sowie Technologie im Programm der diesjährigen VIK-Jahrestagung war gut gewählt. Über diese Einflussgrößen und Bereiche und ihre Schnittmengen wollte man beim VIK über die notwendigen Schritte bei der Dekarbonisierung in Deutschland sprechen. Wollte, muss man im Konjunktiv nehmen, denn die Politik verweigerte sich in Teilen an diesem Tag zwei nach gescheiterten Jamaika-Koalitionsverhandlungen. Bis auf Georg Nüßlein, dem stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hatten weitere FDP- und Grünen-Politiker kurzfristig abgesagt. Eine Frage aus dem Auditorium sorgte bei vielen Teilnehmern für Zustimmung und Diskussionsstoff: Warum schafft es die Bundesregierung nicht einen wirklichen Stresstest für die Energieversorgung in Deutschland durchzuführen? Im Bankensektor sei das sogar auf europäischer Ebene gelungen.

Covestro-Manager Sievering brachte die Meinung vieler auf den Punkt: "Wir sollten anfangen, ehrlich darüber zu sprechen, dass eine Energieautarkie in Deutschland nicht möglich ist und diesen Mythos auflösen". In einem Zukunftsszenario der emissions-neutralen Gesellschaft werde man nach Deutschland große Mengen an Energie importieren müssen, so Sievering. Zukünftige Energie-Importe werden seiner Meinung nach nur zu einem Teil aus erneuerbarem Strom aus den Nachbarländern bestehen und zu einem Großteil aus Power2Gas oder Power-2-Liquid kommen.

Für Sievering steht fest: "Wir brauchen den frühzeitigen Einstieg in industrielle Demonstrationsanlagen von CCU-Technologien. Dafür müssen wir aber erhebliche Zeitaufwände und Geduld mitbringen". Die Innovationszyklen der energieintensiven Industrien bedürfen Dekaden. Sievering erwartet beispielsweise ein Scale-Up für den Carbon2Chem-Prozess, die derzeit noch im 5.000-Tonnen-Maßstab liegen auf einen World-Scale-Maßstab, nicht vor dem Jahr 2030. Am Ende einer Diskussions-reichen und spannenden Veranstaltung bleibt die Erkenntnis, dass man allen Shareholdern ein ernsthaftes Ringen um Lösungen bescheinigen kann.

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