Suchen

Exklusiv-Interview Ungeahnte Potenziale – So verbessern Sie mit der Digitalisierung Ihre Wettbewerbsposition

Autor: Gerd Kielburger

Ist die Digitalisierung die Lösung für alle Probleme in der Prozessindustrie? – Nein. Kann man mit ihr die eigene Wettbewerbsposition verbessern? Ja. Aber wie, und welche Rahmenbedingungen braucht es und was bedeutet es, einen digitalen Zwilling aufzubauen und zu pflegen? Dr. Jürgen Brandes, CEO der Siemens-Division Process Industries and Drives, über die neuen Herausforderungen der Digitalisierung nicht nur auf Anwender- und Betreiberseite.

Firmen zum Thema

PROCESS-Chefredakteur Gerd Kielburger (links) im Gespräch mit Dr. Jürgen Brandes, Siemens (rechts) über Digitalisierungschancen in der Prozessindustrie.
PROCESS-Chefredakteur Gerd Kielburger (links) im Gespräch mit Dr. Jürgen Brandes, Siemens (rechts) über Digitalisierungschancen in der Prozessindustrie.
(Bild: Siemens)

Herr Dr. Brandes, alle reden nur noch über das Megathema Digitalisierung. Dabei gibt es doch noch andere Themen, die die Prozessindustrie derzeit antreiben, oder?

Brandes: Stimmt. Eigentlich ist die Digitalisierung ja nur einer der möglichen Trends, um die Frage zu lösen: Wie kann ich produktiver werden? Das treibt aktuell auch die in der Preis-Krise steckende Öl-/Gas-Branche an. Eine Kernfrage für viele Prozessindustrien ist doch, wie kann man mit einer vorhandenen Installation noch mehr herausholen? Wie kann man höherwertigere Rohstoffe produzieren, den Output erhöhen, und zwar durch ein Upgrade? Wie kann man bereits abgeschriebene Anlagen wieder voll wettbewerbsfähig machen? Das sind eigentliche Treiber der Diskussion. Wir bei Siemens schauen uns die bestehenden Anlagen unserer Kunden an und helfen Ihnen, einen digitalen Zwilling aufzubauen. Auf dieser Basis wird es dann z.B. möglich, über Simulationsverfahren die Modernisierung der Anlage optimiert durchzuführen.

Bildergalerie

Die Notwendigkeit zur Digitalisierung scheint in der Prozessindustrie erkannt zu sein, aber warum dauert es so lange mit der Umsetzung?

Brandes: Je größer ein Unternehmen ist, umso schwieriger ist es, Veränderungsprozesse zu etablieren. Positiv gesprochen: In der Hybridindustrie, wie in der Consumerindustrie oder in der Feinchemie ist man vergleichsweise schneller und offener, neue Technologien zu nutzen. Deswegen haben wir auch unsere ersten Erfolge in der pharmazeutischen Industrie mit Kunden wie Glaxo Smith Kline oder BioNTech, der mit individualisierten Prozessen einzelne individualisierte medizinische Dosen herstellt.

Geht das etwas konkreter?

Brandes: Sie waren selbst auf der Namur-Tagung. Die Automatisierungspyramide wird dort grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Vielmehr wird darüber nachgedacht, wie man aus den festgefügten Strukturen Zusatzdaten ableiten kann, um dann gegebenenfalls auf einer zweiten, separaten Ebene die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen. Einen anderen Weg gehen wir derzeit mit einigen unserer Pharmakunden, mit denen wir von Anfang an die Datenbasis für einen digitalen Zwilling aufbauen, auf dem auch in der Betriebsphase alle Datenstrukturen basieren.

Tipp der Redaktion Lernen Sie in unserer Spezialausgabe Prozessindustrie 4.0 mehr über die Prozessindustrie auf dem Weg ins digitale Zeitalter. Wo stehen Chemie & Co jetzt? Was braucht es, damit die Umsetzung von Industrie 4.0 einen Schub bekommt ? Die Spezialausgabe von PROCESS gibt einen umfassenden Überblick zum Trendthema Nummer eins

Für Sie ist so eine separate Ebene, um bestimmte Daten der Digitalisierung auswerten zu können, also eher nicht zielführend?

Brandes: Alles ist zielführend oder vernünftig, was unmittelbar produktivitäts- und sicherheitssteigernd wirkt oder auch mehr Transparenz bietet. Es kommt immer auf den Einsatzfall an. Bei neuen Anlagen werden alle Aktoren und Sensoren bereits im Leitsystem bekannt gemacht. Somit ist ein komplettes Prozessabbild in der Steuerung verfügbar. Bringt man hingegen in einer bestehenden Anlage neue Sensoren ins Feld, die nicht direkt steuerungsrelevant, aber vielleicht für eine vorausschauende Instandhaltung von Nutzen sein können, kann diese separate Ebene ins Spiel kommen. Der Vorteil hierbei wäre, dass man nicht in das bestehende Leitsystem eingreifen muss. Bis eine Technologie, die sich über Jahre etabliert hat, von einer neuen überholt wird, kann es in der Prozessindustrie allerdings eine Dekade und länger dauern. Auf unser Beispiel transferiert: Erstmal werden wir aus der Automatisierungspyramide weiter Datenströme ausleiten und dadurch die Transparenz erhöhen, bis die gleiche Transparenz auf andere Weise einfacher erzeugt werden kann.

(ID:44425383)