Länderreport Tschechien Tschechische Chemieindustrie kämpft mit hohen Energie- und Rohstoffpreisen

Autor / Redakteur: Gerit Schulze, Germany Trade and Invest / Wolfgang Ernhofer

Tschechiens Markt für chemische Erzeugnisse wächst derzeit vor allem dank der boomenden Automobilbranche. Die Schwäche der Gesamtwirtschaft bleibt jedoch nicht ohne Auswirkungen auf die Chemiebetriebe.

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(Bild: wikimedia commons)

Prag – Die tschechischen Chemiebetriebe leiden unter der geringen Nachfrage aus der Bauwirtschaft und dem sinkenden Privatverbrauch. Für Exporteure ist das Land nach wie vor sehr attraktiv. Allein 2011 stiegen Tschechiens Chemieeinfuhren um 17% auf einen Rekordwert von 12 Mrd. Euro. Deutschland ist wichtigster Lieferant.

Nachdem 2011 noch ein Plus von 1,7% erreicht wurde, dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2012 kaum weiter zulegen. Die Regierung erwartet einen Zuwachs von 0,2%, unabhängige Experten prognostizieren einen leichten Rückgang. Von dieser Konjunkturentwicklung kann sich auch die Chemieindustrie des Landes nicht loslösen. Neben der Absatzschwäche kämpfen die tschechischen Chemiebetriebe mit hohen Rohstoff- und Energiepreisen.

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Marktentwicklung/-bedarf in Tschechien

Zwar wuchs der tschechische Markt für chemische Produkte 2011 wegen der günstigen Konjunktur in der wichtigen Abnehmerbranche Fahrzeugindustrie noch. Gleichzeitig sorgt aber die Krise der Bauwirtschaft für weniger Nachfrage nach PVC, Dämmstoffen oder Farben und Lacken. Der Bausektor schrumpfte 2011 im dritten Jahr in Folge. In den ersten beiden Monaten 2012 verzeichnete er erneut ein zweistelliges Minus.

Zur Marktschwäche trägt auch die Krise der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie bei, die weniger Bedarf an Verpackungsmitteln aus Kunststoffen hat. Die schwache Konsumneigung beeinflusst außerdem die Hersteller von Kosmetika, Parfümerie- und Reinigungsartikeln. Das Marktvolumen in diesem Bereich brach 2011 um fast zwei Drittel ein.

Tschechiens Pharmamarkt wächst derzeit nur preisbedingt. Nach Berechnungen von IMS Health legte der Absatz der Großhändler (ohne Direktverkäufe der Pharmaproduzenten an Apotheken) 2011 um 3,1% zu. Gemessen am physischen Volumen sanken die Arzneimittelverkäufe jedoch um 3,3%. Während der Anteil innovativer Produkte abnimmt, können Anbieter von Generika ihre Marktposition weiter ausbauen. Laut IMS Health steige der Preisdruck durch öffentliche Vorgaben und der Trend zur Selbstmedikation nehme zu.

Produktion/Branchenstruktur

Der Chemiesektor ist nach dem Fahrzeugbau und der Elektronik/Elektrotechnik der drittwichtigste Industriezweig in Tschechien (nach Produktionswert). Aktuell profitiert Tschechiens Chemieindustrie vom Boom der einheimischen Automobilbranche. Immerhin legte der Fahrzeugausstoß im Land 2011 um über ein Fünftel zu. Das hilft vor allem den Herstellern von Gummi und Kunststoffen, die 2011 ein Produktionsplus von 10,1% erreichten. Weniger stark stieg der Ausstoß von Chemikalien und Chemieerzeugnissen mit 0,9%. Einen Rückgang um 9,3% musste die Petrochemie verkraften. Die Pharmaerzeugung kletterte um 2,2%.

Der Verband der chemischen Industrie (SCHP CR) erwartet für 2012 eine positive Entwicklung der Branche unter zwei Voraussetzungen: Die Automobilindustrie wächst weiter und die Konjunktur in Deutschland - dem wichtigsten Abnehmerland - bleibt stabil. Wachstumspotenzial sieht der SCHP CR vor allem in der verstärkten Anwendung von Innovationen. Tschechiens Chemiebetriebe müssten sich mehr auf Spezialchemie, Hightechprodukte und Erzeugnisse mit höherer Verarbeitungstiefe konzentrieren, so Verbandschef Ladislav Novak auf Anfrage von Germany Trade & Invest. Bislang dominieren Grundchemikalien mit einem Umsatzanteil von 70% Tschechiens Chemieproduktion.

Nach Angaben des Industrie- und Handelsministeriums waren 2011 im Chemiesektor (NACE 20 und 21, Chemieprodukte und Pharma) etwa 1.800 Unternehmen tätig. Sie erzielten einen Umsatz von 172 Mrd. Kc und damit 4% mehr als ein Jahr zuvor.

Das Investitionsklima in der tschechischen Chemieindustrie war im Jahresverlauf 2011 noch sehr gut. In den beiden Teilbranchen Chemieerzeugnisse und Pharma legten die Anlageinvestitionen laut Industrie- und Handelsministerium um 23% auf 8 Mrd. Kc zu.

Um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, investieren die tschechischen Chemiebetriebe aktuell vor allem in energieeffizientere Produktionsprozesse. Die Raffinerien bauen außerdem die Erzeugungskapazitäten von Biosprit aus. Bis 2020 will Tschechien einen Anteil von 10% am gesamten Kraftstoffverbrauch erreichen.

Eines der größten Investitionsvorhaben der letzten Jahre realisiert die polnische Synthos-Gruppe zusammen mit Unipetrol am tschechischen Standort Kralupy nad Vltavou. Dort wurden rund 100 Mio. Euro in ein neues Werk für Polybutadien-Kautschuk investiert. Der Testlauf für die Produktion startete im Sommer 2011.

Außenhandel

Tschechiens Einfuhr von Chemieerzeugnissen (SITC-Gruppe 5) erreichte 2011 mit fast 12 Mrd. Euro einen neuen Rekordstand. Damit legten die Importe um 16,6% zu. Von der Gesamtsumme entfielen 3,8 Mrd. Euro auf Kunststoffe und etwa ein Viertel auf Pharmaprodukte. Das Handelsbilanzdefizit im tschechischen Chemiesektor wuchs weiter auf 4,65 Mrd. Euro.

Wichtigster Lieferant für Chemieprodukte ist mit großem Abstand Deutschland, auf das etwa ein Drittel der Einfuhren entfällt. Dahinter folgten 2011 Belgien (878 Mio. Euro), die Niederlande (807 Mio. Euro) und Polen (765 Mio. Euro).

Zu Jahresbeginn 2012 hat sich der positive Trend bei den Chemieimporten fortgesetzt, jedoch mit abschwächender Dynamik. In den ersten beiden Monaten des Jahres wurde ein Plus von 2,3% erzielt. Das entspricht etwa den Prognosen für die Entwicklung der Gesamtimporte 2012.

Geschäftspraxis in Tschechien

Chemische Substanzen, die in einem anderen EU-Land registriert sind, sind grundsätzlich auch in Tschechien frei handelbar. Seit 2012 gelten die neuen EU-Standards zu Verpackung, Kennzeichnung und Klassifizierung chemischer Stoffe. Das "Neue Chemiegesetz" Nr. 350/2011 verpflichtet jetzt Hersteller und Distributoren von Reinigungsmitteln, spätestens bis 1.12.12 ihre chemischen Stoffe im zentralen Informationssystem für Chemieprodukte zu dokumentieren.

Außerdem werden die Meldepflichten für gesundheitsgefährdende chemische Stoffe verschärft. Sie müssen spätestens 45 Tage vor dem Markteintritt beim Gesundheitsministerium angemeldet werden. Die Informationspflicht betrifft Importeure, Lieferanten und Anwender gleichermaßen. Biozide müssen nun über das europäische Registrierungssystem R4BP (Register for Biocidal Products) angemeldet werden.

Ansonsten ist für die Registrierung neuer Substanzen das Gesundheitsministerium zuständig. Die Registrierung und Qualitätskontrolle von Arzneimitteln obliegt dem Staatlichen Amt für Arzneimittelkontrolle. Neue Pestizide sind bei der Phytosanitären Verwaltung anzumelden, Düngemittel beim Zentralen Kontroll- und Prüfinstitut für die Landwirtschaft.

Im innergemeinschaftlichen Warenverkehr der EU sind die Regelungen des Umsatzsteuer-Kontrollverfahrens in der EU zu beachten. Informationen hierzu finden sich auf der Internetseite des Bundeszentralamtes für Steuern. Hinsichtlich der Normierung gelten die einschlägigen EU-Richtlinien (siehe etwa die Website des Deutschen Instituts für Normung e.V..

Tabellen, Zahlen und weitere Fakten zur Chemieindustrie in der Tschechischen Republik finden Sie in der Bildergalerie des Artikels.

* Quelle: Germany Trade and Invest

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